Am 18. September wird gewählt in Berlin, aber wer das Rennen macht, ist letztlich egal. Der Wahlkampf findet auf erbärmlichem Niveau statt, die Stadt bleibt ein hoffnungsloser Fall. Seit 15 Jahren durchgehend pleite, Schuldenstand 2015: 60 Milliarden Euro. Berlin ist die einzige Hauptstadt Europas, in der die Produktivität unter dem Landesschnitt liegt, der Anteil der Hartz-IV-Empfänger ist mit 16,4 Prozent der höchste der Republik. Ob der Flughafen Ende 2017 eröffnet wird, weiß keiner. Die Behörden sind überfordert, die Leute kaufen ihre Termine auf dem Schwarzmarkt im Netz.

Hören wir also auf, diese eigentlich sympathische, anregende Stadt zu quälen mit einer weltpolitischen Rolle. Andere Gemeinwesen können das besser. An dieser Stelle daher vier konstruktive Vorschläge:

1. Baden-Baden

Die Stadt an der Oos, das ist solide West-Orientierung, hier zählt die Nato-Partnerschaft noch was.

Zwar ist der Russe vor Ort und parkt die Avenuen mit seinen Bentleys zu, aber der Franzose wartet gleich um die Ecke und kann eingreifen, wenn es zu doll wird. Die Deutschen wieder unter Aufsicht, da müssen unsere europäischen Partner also nicht ängstlich sein, ganz anders als bei Berlin, wo die Bewohner allmählich wieder in diese unangenehm deutsche Hybris reinrutschen und sich einbilden, die Stadt sei so toll, das sei hier ja quasi schon so eine Art New York.

Baden-Baden, das ist die Republik als Jägerzaun mit Leuten, die früher Derrick geschaut haben. Baden-Baden ist auch die Hauptstadt des Glücksspiels. In diesen volatilen Zeiten passt das perfekt. Rien ne va plus, das wäre der Werbe-Claim für die Vermarktung im Ausland. Und wenn es am Ende doch nicht läuft mit den Regierungsgeschäften – nicht schlimm, weil sowieso kein Mensch weiß, wo Baden-Baden genau liegt. Gefühlt würde man sagen: unten links. Auch als Wahlkampfmotto denkbar: Baden-Baden, unten links. (Alternativ: Baden-Baden. Draußen nur Kännchen.)

2. Bonn

Ganz alte Schule. Und rein pragmatisch nicht zu toppen. Die Umzugsfirma hat schon geübt, jetzt eben alles noch mal, nur andersrum. Wer kennt das nicht aus Beziehungen: Man hat sich getrennt, und ein paar Jahre später merkt man, Mensch, die Kerstin, so viele schöne Abende im Kino, nie Streit und mit der Hanna: immer nur Stress. Geht man besser zurück.

Besinnen wir uns auf die Dinge, die wir kennen: Golf, Gulasch, Bonn. Was sollen diese Sperenzchen mit immer alles neu, Internet, twitter, twitter, das macht die Leute nur wuschig. Im Zuge der Rücksiedlung könnte man die Online-Medien verbieten, return of the Schreibmaschine, und die Antwort auf diplomatische Anfragen würde grundsätzlich lauten: Danke, aber schicken Sie uns bitte ein Fax.

3. Gießen

Wir Deutschen haben zu viel Einfluss in Europa. Besser: brutale Zurückhaltung. Mittelhessen, das heißt den Wahnsinn runterdrosseln. Gießen ist der Schläfer unter den deutschen Städten, der aber nie aufwacht. Gießen ist der analphabetische Schwippschwager von Frankfurt, den man, kurz bevor das Familienfoto gemacht wird, vom Sofa drängelt.

Gießen als Hauptstadt, das heißt back to the roots, und diese roots liegen in einer Zeit, als wir noch Kutsche fuhren und Fellhosen trugen.

Gießen klingt erst mal albern und nach Bewässerungsaufforderung, ist aber ideal, gerade im Sommerloch. Öfter mal Gießen.

4. Dresden

Dresden, das sind wir alle. Das latent Angepisste, das Gefühl, früher war alles geiler, diese Haltung haben wir uns mühsam in den Neunzigern abtrainiert, aber jetzt ist Zeit für ein Comeback. Mädchen sagten früher "Menno!". Menno ist Dresden. Perfektes Motto für die Stadt: Menno! Das find ich jetzt aber echt blöd.

Dresden: eine Stadt mit Tradition, eine Stadt in Frakturschrift. Entsprechend wird die aggressive deutsche Nöligkeit ins Grundgesetz aufgenommen und die Bomberjacke zur Abendgarderobe erklärt.

Einziger Nachteil: Eine Hauptstadt Dresden führt vermutlich zur deutschen Teilung, weil kein Weltpolitiker mit Leuten gesehen werden will, die nachts nur mit Fackel vor die Tür gehen wollen.

Kiezporträts - Howdy in der SPD-Hochburg Wie geht's den Berlinern vor der anstehenden Wahl? Wir haben uns umgehört, unter anderem in einer Westernstadt in Berlin-Spandau. Teil 1 unserer Kiezporträts