Schmidts Enkel

Henning Voscherau war Hamburger von Geburt und Gesinnung. Fast zehn Jahre lang, von 1988 bis 1997, regierte er als Erster Bürgermeister die Stadt. Mit Liebe zum Detail und der Ambition zum Großen, mit Fleiß und rhetorischem Talent, mit Streitlust und Fintenreichtum, mit Härte und manchmal auch mit Larmoyanz. Die Hamburger mochten ihn. Was er nicht unverdient fand. Den Gewinn der absoluten Mehrheit 1991 für seine Partei, die SPD, erklärte er am Morgen nach der Wahl in seinem Büro in erster Linie mit dem Image des Spitzenkandidaten: "Kompetenter Technokrat mit praktischer Vernunft, auf den man sich verlassen kann."

Ja, eitel war er, dieser Henning Voscherau. Und er litt an seiner Partei, wenn die ihn nicht so toll fand wie er sich selbst. Die Hamburger SPD war, als Voscheraus Karriere begann, so etwas wie die Staatspartei. Da es an einer richtigen Opposition in der Bürgerschaft mangelte, bekämpften sich die Sozialdemokraten untereinander. Voscherau gehörte zur Wandsbek-Connection, also zum Mitte-rechts-Lager – für ihn: zu den Vernünftigen. Die mussten, so sah er das, die Stadt vor Sozialromantikern und Ökoträumern schützen. Wie niemand sonst brachten ihn die Parteilinken so richtig auf die Palme, da konnten sich CDU und FDP lange bemühen.

Voscherau litt und ließ es alle wissen. Keine Ahnung haben die linken Genossen und ihre grünen Freunde! Sie verstehen nichts, meinen aber alles besser zu wissen! In seinem Zorn fühlte er sich dem großen Vorbild Helmut Schmidt verbunden. Der zog genauso theatralisch gegen Ideologen und Visionäre zu Felde. Voscherau, erklärter "Schmidt-Enkel", verehrte ihn sehr.

Und Schmidt schätzte Voscherau. So musste ein Hamburger Bürgermeister sein: nüchtern, präzise, arbeitsam und weltgewandt. Voscherau gehörte zur illustren "Freitags-Gesellschaft", die sich einmal im Monat in Schmidts Haus am Neubergerweg 80 traf, um Vorträge zu hören und zu debattieren. Er wurde ein Freund der Familie. Als Loki Schmidt im Oktober 2010 starb, hielt Voscherau im Michel eine bewegende Trauerrede.

Aufmerksam bin ich erstmals auf ihn geworden, als er Fraktionsvorsitzender in der Bürgerschaft war. Klaus von Dohnanyi regierte zu der Zeit als Bürgermeister. Die Politik war damals noch nicht Voscheraus Beruf, aber er hatte wenig anderes im Sinn. Sein Geld verdiente er als Notar. Er wollte kein Berufspolitiker sein, schon gar nicht als Parteisoldat dienen. Er saß dann in seinem Büro, trank Apfelsaft und fieselte in langen Gesprächen die Fein- und Gemeinheiten der Hamburger Lokalpolitik auseinander.

Klaus von Dohnanyi ging ihm mit seiner weitschweifigen Art gehörig auf die Nerven. Voscherau bestritt, dessen Amt anzustreben, steuerte es aber für jeden erkennbar an. Als Dohnanyi, erschöpft von den Kämpfen um die besetzten Häuser an der Hafenstraße, im Sommer 1988 aufgab, führte an Voscherau kein Weg vorbei. Und der Neue erwarb sich als Chef des Senats rasch Anerkennung. Er brachte den Streit um die Hafenstraße zu einem erträglichen Ende, nutzte die wirtschaftlichen Chancen der deutschen Einheit und trieb die Hafenerweiterung voran. Vor allem aber schlug er vor, die Stadt solle sich zur Elbe öffnen, sie solle eine "Hafen-City" bauen.

Bei der Wahl 1997 wollte Voscherau partout kein Bündnis mit den Grünen eingehen. Nur bescherten ihm die Wähler keinen anderen Koalitionspartner. Für Voscherau war die "Schmerzgrenze" erreicht. Beleidigt schmiss er am Wahlabend, live in der Tagesschau, die Brocken hin: "Meiner Heimatstadt Hamburg wünsche ich Glück. Sie kann es brauchen." Da war er 56 Jahre alt. Er zog sich aus der Politik zurück, arbeitete wieder als Notar.

Voscheraus Bühne blieb Hamburg

Voscheraus Karriere, so hat er es wohl auch selbst empfunden, ist unvollendet geblieben. Seine Gaben hätten auch für ein hohes bundespolitisches Amt gereicht. Aber anders als heute Olaf Scholz gehörte er nie zum Spitzenpersonal der SPD. Zwar tauchte sein Name bei Personalspekulationen immer mal wieder auf, aber am Ende erreichte ihn der Ruf aus Berlin doch nicht. Voscheraus Bühne blieb Hamburg. Dabei interessierte ihn gerade die Außenpolitik sehr.

Ich erinnere mich an eine Reise nach Moskau im Oktober 1991. Voscherau war Präsident des Bundesrats. In einer kleinen Maschine flogen mit dem Bürgermeister nur sein Sprecher, der Chef der Handelskammer und drei Journalisten. Weil die Delegation so klein war, winkte Boris Jelzin, seit einigen Monaten Präsident Russlands, uns gleich alle gemeinsam in sein Büro: Zum ersten Mal "seit dem letzten Zaren" könne ein russisches Staatsoberhaupt im Kreml wieder ausländische Gäste empfangen. Henning Voscherau wirkte einen Moment lang ergriffen.

Auch bei Michail Gorbatschow schauten wir vorbei, der als noch amtierendes sowjetisches Staatsoberhaupt nicht mehr viel zu sagen hatte, aber genauso viel Zeit für den Hamburger Bürgermeister wie Jelzin. Seine größte Aufgabe sei es gewesen, sagte Gorbatschow, das "Gerüst des totalitären Systems" niederzureißen.

Die interessantesten Gespräche führte Voscherau mit dem St. Petersburger Bürgermeister Anatolij Sobtschak. Kurz vor Einbruch des Winters herrschte in Hamburgs Partnerstadt akute Not, Hunger drohte. Wenig später stand auf dem Hamburger Rathausmarkt ein großes Zelt, in dem Pakete für St. Petersburg abgegeben werden konnten. Henning Voscherau ließ in Mecklenburg-Vorpommern für 2,5 Millionen D-Mark zehntausend Tonnen Kartoffeln einkaufen und nach Russland schicken. Wladimir Putin, damals Sobtschaks Stellvertreter, hat Voscherau die Solidarität nie vergessen. Die beiden blieben in Kontakt. Auch beruflich hatte Voscherau später mit Russland zu tun, wurde Aufsichtsratvorsitzender der geplanten, aber dann gestoppten Gaspipeline "South Stream".

Ende Mai 2014 saßen wir in seinem Büro im Steinway-Haus, gleich hinter der Oper. Es ging um Russland, um einen engen Vertrauten Putins, den Voscherau gut kannte. Voscherau teilte sein Wissen freigiebig, anschaulich und detailreich. Danach rief ich ihn noch einmal an, hatte eine letzte Frage. Er war auf Reisen, schrieb per SMS, er werde sich melden. Zwei Tage später stand er in der Tür zu meinem Büro: "War gerade in der Nähe. Womit kann ich dienen?" Auch das war Voscherau: unprätentiös, zuvorkommend, hilfsbereit.

In der vergangenen Woche ist Henning Voscherau an den Folgen eines Gehirntumors gestorben. Er wurde 75 Jahre alt.