André Poitiers hat eine Präsentation vorbereitet. Die erste Folie zeigt ein Satellitenbild von Hamburg bis zur Elbmündung. "In diesem Maßstab beginnen wir Stadtplaner", sagt Poitiers, der rote Punkt seines Laserpointers springt auf Autobahnen, auf Flüsse, auf einzelne Stadtteile, schließlich hüpft er an den Schnittpunkt der Achsen, in die Mitte des Bildes: "Hier ist der Jungfernstieg, das Wohnzimmer unserer Stadt."

Wenn man so will, ist Poitiers schuld daran, dass der Jungfernstieg überhaupt wieder zum Wohnzimmer wurde und damit ins Gerede gekommen ist. Der Architekt hat den Boulevard in seiner heutigen Form geschaffen. Poitiers träumte davon, allen Hamburgern den Blick aufs Wasser zu ermöglichen, frei von kommerziellen Interessen. Er wollte den Platz, der aus allen Richtungen schnell zu erreichen ist, zu einem Treffpunkt machen, der die Weltoffenheit der Stadt symbolisiert.

Poitiers ist mit seinem Konzept sehr erfolgreich. Zu erfolgreich, würden einige sagen.

Denn inzwischen ist vielen in der Stadt nicht mehr ganz wohl mit diesem Ort. "Brennpunkt Jungfernstieg", titelten die Zeitungen in den vergangenen Wochen, "Risse im Postkartenidyll" und "Was ist mit dem Pracht-Boulevard los?".

Gute Frage. Was ist da los?

Beginnen wir mit den Fakten: Seit seiner Wiedereröffnung 2012 ist der Alsteranleger am Jungfernstieg an den Wochenenden zwischen April und September zum beliebten Treffpunkt geworden. Bis zu 600 Menschen treffen sich dort bei gutem Wetter, darunter nach Einschätzungen der Polizei meist 150 bis 200 Jugendliche aus Stadtteilen, die Sozialpolitiker als benachteiligt bezeichnen. Viele haben Migrationshintergrund, einige kommen aus Flüchtlingsunterkünften. Es wird getrunken, gekifft, manchmal wird es aggressiv.

Ein Treffpunkt, wunderbar. Aber bitte nicht so einer. Das ist inzwischen der Tenor in der Stadt.

Die Hochbahn-Wache setzt seit einigen Monaten jede Nacht sechs Sicherheitsleute am Jungfernstieg ein, doppelt so viele wie vorher. Im Alsterpavillon gibt es seit dem Frühjahr einen Sicherheitsdienst am Haupteingang, der Nebeneingang wurde geschlossen. Bernd Riegger, der Geschäftsführer der Alex-Restaurantkette, ist in der vergangenen Woche für ein paar Tage aus Wiesbaden angereist, um die Situation anzuschauen, weil Mitarbeiter und Kunden sich beschwert hätten. "Ich bin bestürzt", sagt er. "Am Abend hören Sie da kein Wort Deutsch mehr. Die Stimmung ist aggressiv. Das kann so nicht weitergehen."

Stimmt das?

Eine erste Annäherung: Samstag, 20. August, abends. Es riecht nach Cannabis am Jungfernstieg, von einem Alsterschiff wehen Gesänge von betrunkenen Fußballfans herüber. Am Ufer begrüßen sich drei südländisch aussehende Männer mit Wangenküssen. Zwei Studenten mit umgehängten Turnbeuteln lassen ihre Beine die Kaimauer herunterhängen, daneben sitzt ein Pärchen mit Aperol-Spritz. Auf einer Bank einige Meter weiter trinken vier junge Männer Wodka-Redbull, essen Chips, sie haben Kopfhörer im Ohr und nicken in unterschiedlichen Takten. Ein Mittfünfziger, der aussieht wie Klaus Meine von den Scorpions, schnorrt einen Joint bei einem Mann mit Rastalocken. Aus den Boxen einer Jugendgruppe tönt die Textzeile "Ich bin kein Player, aber ich ficke oft". Zwei Studentinnen verteilen Flyer für einen Esoterik-Workshop. Die Treppen sind bis zum letzten Platz besetzt. Polizei ist nicht zu sehen.

Der Eindruck: Hier begegnen sich Gruppen, die zwar in einer Stadt leben, aber sonst keinen gemeinsamen Ort haben. Der Jungfernstieg ist Abbild einer Metropole, in der heute fast jeder zweite Jugendliche einen Migrationshintergrund hat.

An diesem Abend wird bis zwei Uhr morgens friedlich gefeiert. Mit Blick auf die Polizeistatistik ist das der Normalfall. 50 Anzeigen wegen Körperverletzung und vier wegen Raubtaten hat es laut Polizei in diesem Jahr am Jungfernstieg bisher gegeben. Das sei keine beunruhigende Zahl, heißt es, etwa auf dem Niveau des Vorjahres. Der Jungfernstieg sei weit entfernt davon, ein Kriminalitätsschwerpunkt wie der Hauptbahnhof oder die Reeperbahn zu sein. Die meisten Taten würden zudem zwischen den Gruppen von Jugendlichen passieren und nicht unbeteiligte Dritte betreffen. Trotzdem, betont die Polizei, nehme man die Sorgen der Bürger ernst.