Kann man einen Stadtteil so unentschlossen, pedantisch und risikoscheu entwickeln, dass der Anfang vom Ende schließlich dem Ende vom Anfang zuvorkommt? Oder wäre das so verrückt, dass hinter einem jahrelangen Stillstand finstere Absichten stehen müssen?

Das Ende vom Anfang: Im Fall des Oberhafenquartiers wäre das der Umbau der alten Lagerhallen in dem ehemaligen Güterbahnhof am Rand der HafenCity und der Einzug jener Kreativunternehmen, die auf diesen Tag seit Jahren warten.

Der Anfang vom Ende: Das wäre der Abriss der ersten Hallen wegen Baufälligkeit und weil eine Sanierung sich angeblich nicht lohne.

Was nun wirklich zuerst kommt, entscheidet sich in den nächsten Tagen, denn wie oft, wenn Hamburg abreißen lässt, finden sich Denkmalschützer und Alternativkonzepte. So oder so, gemessen an den Hoffnungen, die das Oberhafenquartier bis vor wenigen Jahren begleitet haben, ist dies heute ein Ort des Scheiterns. Hier lässt sich besichtigen, wie Hamburg seine Substanz zerstört und seine kreative Klasse regelrecht vertreibt.

Hinter den Deichtorhallen über die alte Stahlgitterbrücke, dann links halten. Wer diesen Weg findet, betritt einen wunderbar skurrilen Ort. In den baufälligen Lagerhallen kann man nachmittags Mozart hören, vierhändig gespielt, oder zwischen alten Kulissen und Requisiten stöbern, morgens weht solider Rock aus einem Pop-up-Club, in dem sich einmal im Monat Raver zu Technomusik müde oder wach tanzen. Bei schönem Wetter trifft man auf junge Frauen und Fotografen, die mal für Mode werben und mal für sexuelle Dienstleistungen. Es kommt vor, dass man nichts ahnend seinen Arbeitsplatz in einer dieser Hallen verlässt und sich in einem Porno-Dreh wiederfindet.

Die Pornografen seien "wahnsinnig nett" gewesen, sagt der Designer Christoph Schmidt, dem das passiert ist.

Der Ort hat allerdings auch eine andere Seite. Wer sich auf dem Kopfsteinpflaster am Eingang des Quartiers in Richtung Stadt wendet, der sieht: die Deichtorhallen, die dem Abriss geweihten City-Hochhäuser, die Glaspaläste von ZDF und Spiegel, Speicherstadt und HafenCity. Woher der Wind auch weht, an diesem Ort riecht er nach Geld. Wahrscheinlich liegt es daran, dass nicht nur Verschwörungstheoretiker, sondern auch gestandene Experten für Bau und Stadtentwicklung sagen, hier im Oberhafen gehe es schon lange nicht mehr mit rechten Dingen zu.

Christoph Schmidt, der Designer, arbeitet seit gut fünf Jahren im Oberhafen. Er hat sich hier eine Zukunft vorgestellt und einige Zehntausend Euro investiert. Jetzt steht er vor dem Absprung in die USA, wo seine Freundin lebt.

Wie seltsam, denkt man. Ist der Mann nicht genau richtig hier, in diesem zukünftigen "Kreativquartier"? Läuft nicht seit Jahren ein Prozess der Stadtteilplanung und -entwicklung, gesteuert von der stadteigenen HafenCity GmbH und regelrecht kuratiert von der ebenfalls städtischen Kreativgesellschaft, um Leute wie ihn an diesen Ort zu locken?