Auch die "Ausnahmefrau" wurde von Isabelle Graw als eine typische Figur in der neueren Kunstgeschichte ausgemacht. In ihrem Essay Es kann nur eine geben – Überlegungen zur "Ausnahmefrau" sprach sie über einen weiteren, von ihr aus dieser Rolle abgeleiteten Unterschied: Frauen treten in der Kunstwelt meist allein auf, Männer auch mal gern in karrierefördernden "Boys’ Clubs" – wie etwa Georg Baselitz, Jörg Immendorff und Markus Lüpertz.

Graws Beobachtung kann in der Tat auch eine Erklärung dafür sein, dass rasante und spektakuläre Aufstiege auf dem Kunstmarkt meistens nur den Männern vorbehalten bleiben. Hier ist eben nicht nur das Werk entscheidend, sondern auch das Netzwerk. Als das klassische role model für eine solche Freundschaft mit beruflichen Vorteilen gelten Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller. Ersterer beschrieb das Wesen ihrer Verbindung einmal wie folgt: Mit Freunden sollte man sich nur von einer Seite verbinden, "von der sie wirklich mit uns harmonieren, und ihr übriges Wesen weiter nicht in Anspruch nähmen". Eine Freundschaft solle nicht belastet werden, in dem man im Gegenüber ein anderes Ich suche. So bliebe genug Freiheit für das Wesentlichste: die Arbeit am Werk!

Die Bedenken der Sammler: Was, wenn die Künstlerin Mutter wird?

Haben Frauen damit größere Probleme? In der Kunstgeschichte und an der Spitze des Kunstmarktes sind zumindest mehr gleichgeschlechtliche Freundschaften und Kooperationen unter Männern bekannt als unter Frauen. Bei Verkaufsgesprächen äußern Sammler, so berichten Galeristen, auch schon mal Bedenken, ob eine Künstlerin auch in Zukunft weitermalen würde – sie könne schließlich noch Kinder bekommen. Das stereotype Bild eines Künstlers als Vater ist hingegen positiver besetzt: Schließlich kann die neue Verantwortung dazu führen, dass der wilde, heimatlose Künstler weniger Drogen nimmt, besser und damit länger lebt und somit mehr Meisterwerke, also Geldanlagen, hervorbringen kann.

Ob es nun an dem Mutterimage, Künstlerrollen, der Selbstinszenierung, den Freundschaftsmechanismen, an Genderkonzepten oder an der einfach noch zu jungen Gleichstellungsbewegung liegt – in einem Bereich sind die Frauen im Kunstbetrieb besonders stark unterrepräsentiert: im künstlerischen Größenwahn, als Urheber von Mammutprojekten. Zwar gibt es Ausnahmen wie Kara Walker oder Katharina Grosse, doch die Liste an männlichen Künstlern, die Andy Warhols Geschäftsmodell "Je größer, umso teurer" immer wieder neu bestätigen wollen, ist ungleich länger. Der Größenwahn hilft nicht selten auch bei der Zusammenarbeit mit Sponsoren und Städten, führt so zu größerer Präsenz, welche sich wiederum in Künstlerrankings, in den Medien und auch auf dem Kunstmarkt widerspiegelt. Hier ist noch viel Platz für Künstlerinnen, mit und ohne Kinder.