Es sind 210 Kilometer vom Landtag in Schwerin bis zur Pappelallee in Prenzlauer Berg. Aber dazwischen liegen Welten. In der Pappelallee sind die Mieten hoch, Sushi- und Burgerläden säumen die Straße, Trödler verkaufen Tand aus Nepal. Sechs Flüchtlingsunterkünfte gibt es in Prenzlauer Berg. Ausländeranteil: 15,8 Prozent, mehr als das Doppelte des Bundesdurchschnitts.

Dagegen Mecklenburg-Vorpommern: Ausländeranteil 3,7 Prozent, im vergangenen Jahr wurden gerade mal 23.080 Flüchtlinge registriert. 300.000 Mecklenburger haben ihr Bundesland seit 1990 verlassen. Trotzdem ist kaum eine Partei hier so erfolgreich wie die Alternative für Deutschland (AfD) mit ihren Thesen von den schmarotzenden Ausländern und der Überfremdung. In aktuellen Umfragen liegt sie bei 21 Prozent, Platz drei, knapp hinter der CDU, deutlich vor der Linken.

Zwischen diesen Extremen pendelt Leif-Erik Holm, der Spitzenkandidat der AfD in Mecklenburg-Vorpommern. Im Nordosten macht er Wahlkampf mit ausländerfeindlichen Parolen. Aber mit Frau und Kind lebt er im Gutmenschenkiez Prenzlauer Berg.

Holm stammt aus Schwerin. Seine Familie, sagt er, war sozialdemokratisch, westlich orientiert, arrangierte sich aber mit der DDR. Als die friedliche Revolution hereinbrach, befand sich der damals 19-Jährige in der Ausbildung zum Elektromonteur. Holm, sagt er selbst, war damals begeisterter Zuschauer, ein Fan der Wende. Sie hat ihm dieses Leben in Prenzlauer Berg erst möglich gemacht: Er studierte in Berlin Volkswirtschaft, wurde Dorf-DJ, dann Radiomoderator in Schwerin und Frankfurt am Main und hat sich aus dieser Zeit diesen kumpeligen Hey-jetzt-sagen-Sie-mal-Privatradiocharme erhalten.

Für den Wahlkampf hat sich der nette Holm den harten Björn Höcke aus Thüringen zur Seite geholt. Höcke nennt andere Politiker "vaterlandslose Versager", Merkel eine "Kanzlerdiktatorin" und den Bundestag einen "politischen Swingerclub". Holm selbst klang im Wahlkampf ähnlich. "Die Bürger wollen nicht, dass unser Land zu einem Kalifat gemacht wird", rief er vor wehenden Flaggen mit dem nordischen Kreuz in Schwarz-Rot-Gold. Und: "Wir werden Politik für das eigene Volk machen."

Fragt man Holm, wie sein Wahlkampf zu seinem Wohnort passt, wird er verlegen.

"Es geht ja nicht um EU-Ausländer", sagt er. "Es geht um Migranten, die unserer Kultur fernstehen." Meint er die Vietnamesen im Berliner Osten? Nein, sagt Holm. Und außerdem: Heimisch sei er in Prenzlauer Berg nicht geworden, dafür hänge er zu sehr an Klein-Trebbow, dem 1000-Einwohner-Dorf bei Schwerin, aus dem er stammt.

Leif-Erik Holm kann wunderbar erklären, warum Mecklenburg-Vorpommern bessere Schulen braucht, bessere Arbeitsplätze und ausländische Investitionen. Dass man mit Ehekrediten wie seinerzeit in der DDR für mehr Nachwuchs sorgen solle. Hart im Ton wird Holm, wenn es um Flüchtlinge geht. Und um den Islam. Zwei Themen, die in Mecklenburg-Vorpommern zu den geringsten Problemen gehören.

Warum aber sollten die Menschen in einem leise vor sich hin sterbenden Bundesland eine Partei wählen, die Angst vor Zuwanderung schürt? Weshalb sollte ein ausländischer Konzern in Mecklenburg-Vorpommern investieren und neue Arbeitsplätze schaffen, wenn sich Fremde dort nicht sicher fühlen können? Das sind so Widersprüche, denen sich Holm im Gespräch nicht stellen will.

Eigentlich wäre Holm nach seiner Spitzenkandidatur für die AfD im letzten Bundestagswahlkampf gern wieder zum Radio zurückgekehrt, erzählt er. Aber der Sender habe ihn wegen seines Engagements bei der AfD nicht gelassen. "Dann habe ich gesagt: Dann mache ich halt Politik. Dann hat das Schicksal es so gewollt."

Am kommenden Sonntag wird Leif-Erik Holm in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern gewählt werden. Er will dann zurück nach Klein-Trebbow ziehen. Ob er die Wohnung in Prenzlauer Berg behalten wird? Das lässt Leif-Erik Holm an diesem Tag offen.