Schwerin, so viel schon mal vorab, ist nicht nur die schönste Stadt Norddeutschlands, sondern auch die kitschigste: Es gibt ein Neorenaissanceschloss, das auf einer Insel thront, es gibt einen Schlossgarten und eine Liebesinsel – und es gibt die Geschichte von der Blumenfrau Bertha Klingenberg. Aber dazu gleich mehr.

Wer in Schwerin aufwächst, bekommt es jedenfalls schon als Kind eingebläut: Schwerin ist schön, Schwerin ist die "Stadt der sieben Seen"! Es gibt sogar ein Einkaufszentrum, das Sieben-Seen-Center heißt. Nur stimmt das mit den sieben überhaupt nicht. Tatsächlich sind es nämlich zwölf Seen! Aber okay. Der Schweriner an sich ist bescheiden. Der Schweriner prahlt nicht. Man muss die Schönheit schon selbst entdecken.

Starten Sie am besten bei einer Schwerinerin aus Bronze, am Südufer des Burgsees, am Bertha-Klingenberg-Platz. Dort sitzt sie nämlich, Bertha Klingenberg, die einzige Ehrenbürgerin der Stadt, die 2005 mit 107 Jahren verstarb, als lebensgroße Statue. In der Hand einen Strauß Tulpen, neben sich eine Gießkanne.

Klingenberg ist weltberühmt in Schwerin, weil sie Zeit ihres Lebens mit Schürze und Kopftuch am Schlachtermarkt saß und Blumen verkaufte. Sie wurde noch berühmter, als sie 1990 mit 91 Jahren 17.000 Unterschriften sammelte, damit Schwerin, nicht das größere Rostock, zur Landeshauptstadt ernannt wurde. Und das ist wichtig, weil es in Schwerin, dieser ewigen Residenzstadt, viel Schönheit, aber kaum Jobs gibt.

Schwerin ist also eine Stadt der Seen und Beamten. Die Beamten sollte man ignorieren. Deshalb spazieren Sie die Johannes-Stelling-Straße entlang, einen kleinen Hügel hinauf, von dem sich Ihnen der schönste Blick Schwerins eröffnet. Auf den Schlossgarten und den Kreuzkanal, auf das Schloss und den Schweriner See, den viertgrößten Deutschlands.

Trotten sie den Abhang hinab, und wandeln Sie durch den Schlossgarten, der aussieht, wie man sich den Landsitz von Mr. Darcy in Jane Austens Stolz und Vorurteil immer vorgestellt hat: Laubengänge, Skulpturen, Blumenrabatten. Vor sich sehen Sie das Schloss, in dem der Schweriner Landtag sitzt, umrandet vom Burggarten, umspült vom Schweriner See. Wer in Schwerin aufwächst, weiß, dass das auch eine wunderbare Kulisse ist, um sich zu betrinken. Vor allem wenn man 16 ist.

Schlendern Sie dann durch die Meeresgrotte im Burggarten, oder trinken Sie einen Kaffee in der Orangerie. Es ist wirklich wahnsinnig romantisch hier: Der Arkadengang, der Muschelbrunnen, die Hochzeitspaare, die auf der 15-Quadratmeter-großen Liebesinsel für Fotos posieren.

Falls Ihnen das jetzt doch alles zu klebrig wird, könnten Sie auch durch die Kopfsteinpflastergassen der Altstadt laufen, den Dom anschauen oder den Pfaffenteich, der ein bisschen so aussieht wie die Hamburger Binnenalster. Sie könnten ins Staatliche Museum am Alten Garten gehen und die Gemälde der niederländischen Meister des 17. Jahrhunderts bewundern. Sie könnten auch Austern im La Bouche nahe dem Markt essen. Sie könnten. Aber warum holen Sie sich nicht einfach ein Softeis?

Am besten ein Schoko-Vanille in der Eismanufaktur neben dem Café Wallenstein. Es ist, versprochen, das beste Softeis, das Sie je gegessen haben.

Warum setzen Sie sich dann nicht auf den Steg daneben, ziehen die Schuhe aus, lassen die Füße ins Wasser baumeln und schauen auf den See und die weißen Dreiecke der Segelboote? Das Schloss spiegelt sich zitternd im See. Sie könnten jetzt die Schwäne füttern. Oder Sie könnten es machen wie jemand, der in Schwerin aufgewachsen ist: Ziehen Sie sich nackt aus, und springen Sie in den See.