Glaubt man Bild, dann strahlen in diesem Sommer ein paar vergoldete Füllfederhalter heller als die Sonne. Das ist umso erstaunlicher, als die Montblanc-Schreibgeräte schon vor sieben Jahren gekauft wurden. "Volksverschwender!", "Skandal!", "Montblanc-Schnorrer!" – die Abgeordneten des Deutschen Bundestags sehen sich in diesen Wochen wieder von vielen Ausrufezeichen umstellt. Der Vorwurf: Sie hätten sich viele Edelfüller bestellt. Zu viele.

Die Bestellungen waren bis 2009 zwar legal, aber moralisch zweifelhaft. Jeder Volksvertreter verfügt über einen Pauschalbetrag von 12.000 Euro im Jahr, mit dem er sein Büro ausstatten kann, mit Mobiltelefonen, Laptops, Druckern, auch mit Stiften. Und zwar nach eigenem Ermessen. Im Jahr 2010 jedoch änderte der Bundestag die Bestellregeln: Luxusfüller sind seither tabu.

Weil Bundestagspräsident Norbert Lammert sich jahrelang weigerte, die Bestellungen offenzulegen, prozessierte Bild, bis im November 2014 das Bundesverwaltungsgericht Lammert recht gab. Doch in einem Eilverfahren erreichte Bild im August 2016, dass der Bundestag wenigstens sechs Namen preisgeben müsse. Gegen dieses Urteil erhob Lammert wiederum Einspruch, was inzwischen aber egal ist, denn am 24. August platzte Bild mit der "Volksverschwender"-Liste heraus: 92 Namen von Abgeordneten, die zwischen Januar und Oktober 2009 edles Schreibgerät geordert haben sollen.

Die Sache ist aber noch etwas komplizierter. Denn seit 16 Jahren versorgt ein einziges Unternehmen den Bundestag mit Büroartikeln, die Berliner Firma Bürofa. Sie darf laut Ausschreibung nur den Einkaufspreis ihrer Artikel in Rechnung stellen. Gleichwohl schickte die Bürofa stets zwei Kataloge los: einen unscheinbaren mit den günstigen, dem Bundestag zugesagten Preisen – und einen schicken dicken mit höheren Preisen. Nicht wenige Abgeordneten bestellten offenbar aus dem teureren Katalog. Auch ihre Montblanc-Füller.

Im Mai kam dann noch heraus, dass Bürofa-Inhaber Andrea Grigori Siewert mittlerweile Funktionär der AfD Berlin-Pankow ist. Die Bundestagsverwaltung kündigte den Vertrag mit der Firma.

Existiert in dieser Geschichte eine Verknüpfung zwischen dem Bürofa- und dem Montblanc-Strang? Wie gelangte die Bild- Liste an die Öffentlichkeit? Möglicherweise durch journalistische Recherche – vielleicht aber durch einen Menschen, der sich vom Parlament schlecht behandelt fühlt und vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl ein Interesse daran hat, die etablierten Politiker als Raffkes dastehen zu lassen.

Der Enthüller

Nikolaus Harbusch ist Chefreporter bei der Bild. 2010, als der Ältestenrat des Bundestages die Käufe von Montblancs untersagte und sich die Zeitung in den Clinch mit Lammert über Persönlichkeitsrechte von Abgeordneten begab, widmete sich Harbusch mit seinem Kollegen Martin Heidemanns einer viel größeren Aufgabe: der Affäre Wulff. Die Enthüllungen über den privaten Baukredit des damaligen Bundespräsidenten starteten im Dezember 2011. Es folgten Wulffs Ferien, das Oktoberfest, das Bobbycar. Nach 67 Tagen trat Wulff zurück, und die Bild- Reporter wurden für ihre Arbeit mit dem renommierten Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet. Heute nutzt Bild Harbuschs Recherchen wiederum für eine große Kampagne und veröffentlicht in der Causa Montblanc täglich Kleinstenthüllungen. Am Ende geht es weniger um die Sache als vielmehr um das Verhalten des Beschuldigten in der öffentlichen Kommunikation, um die Fehler, die er unter Druck begeht, den Mangel an Transparenz und das scheibchenweise Eingestehen von Schuld. Bisher zieht Bild in ihrer Berichterstattung noch keine Verbindung zu Bürofa und ihrem Inhaber Siewert. Dabei ist der Umstand, dass der Bundestag seine Sachleistungskonten offenbar nicht überwachte oder sich prellen ließ, mindestens ebenso fragwürdig wie der steuerfinanzierte Großeinkauf von Edelfüllern.