Papst Franziskus will die katholische Kirche neu erzählen. Er hat sein Pontifikat unter das Schlagwort der Barmherzigkeit gestellt. Nach diesem Plot soll sich die Kirche nicht mehr als mahnende moralische Instanz über die Menschen erheben, sondern sich ihrer mütterlich annehmen. So, wie Mutter Teresa es einst mit den Armen tat. Es ist kein Zufall, dass Franziskus die weltberühmte Ordensschwester noch während des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit am kommenden Sonntag in Rom heiligspricht. Für seine Neuerzählung des Katholischen braucht der Papst Protagonisten. Die 1997 im Alter von 87 Jahren verstorbene Mutter Teresa passt zu gut in die Franziskus-Story.

Die Hagiografie der 1910 im heutigen Mazedonien unter dem Namen Anjezë Gonxha Bojaxhiu geborenen Mutter Teresa stand seit jeher im Zeichen der Geschwindigkeit. 2003 sprach Johannes Paul II. sie in Rekordtempo selig, jetzt folgt eilig die nächste Stufe. Die weltweit verehrte Frau wuchs in einer katholischen albanischen Familie auf und widmete ihr Leben den Armen und Kranken. Waren das nicht auch die ersten Schlaglichter, die die Welt nach seiner Wahl über Jorge Mario Bergoglio erfuhr, den Papst "vom anderen Ende der Welt", der sich als Bischof besonders um die Armen und Benachteiligten gekümmert hatte? Wenn Franziskus nun also Mutter Teresa zur Ehre der Altäre erhebt, dient dieser Akt auch zur Illustration seines eigenen Programms.

Und doch hat Franziskus selbst einmal scherzhaft eine gewisse Skepsis gegenüber Mutter Teresa bekannt. Als er im Herbst vor zwei Jahren Gonxha Bojaxhius spätere Heimat Albanien besuchte, erzählte der Papst eine Geschichte über seine Begegnung mit der Ordensschwester auf der Synode des Jahres 1994. Bischöfe und Ordensleute trafen sich im Vatikan, während der Sitzungen saß Mutter Teresa unmittelbar hinter Bergoglio, dem damaligen Weihbischof von Buenos Aires. Er habe "ihre Kraft, die Entschiedenheit ihrer Äußerungen" bewundert. Bergoglio sagte aber auch: "Wäre sie meine Obere gewesen, hätte ich Angst vor ihr gehabt." Angst vor der Barmherzigkeit in Person?

Franziskus ist nicht der Erste, der Mutter Teresa, diese Ikone der Nächstenliebe, aus einem kritischeren Blickwinkel betrachtet hat. "Medienheilige" wurde sie genannt. Der umstrittene britische Journalist Christopher Hitchens bezeichnete sie gar als "ultrareaktionär und fundamentalistisch". Bis heute gibt ihr Wirken Anlass zum Streit. Der aus Kalkutta stammende Schriftsteller Aroup Chatterjee wirft ihr und dem von ihr gegründeten Orden systematischen Betrug vor. Die kanadischen Wissenschaftler Serge Larivée und Geneviève Chénard behaupteten in einer Studie von 2013, das Wunder, das der Vatikan für ihre Seligsprechung im Jahr 2003 anerkannte, sei erfunden. "Unsere Analyse der Fakten deckt sich nicht mit dem Heiligenbild, das die Welt von Mutter Teresa hat", heißt es in der Arbeit. Sie trägt den Titel "Die dunkle Seite der Mutter Teresa".

Die katholische Kirche tut die Kritik an ihrer größten Identifikationsfigur des 20. Jahrhunderts seit jeher als Angriffe von "Kirchenfeinden" ab. Dabei haben einige Anschuldigungen durchaus Substanz. Mutter Teresa sammelte vor allem nach ihrer Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis im Jahr 1979 Spendengelder in Millionenhöhe, manche behaupten gar Milliarden. Nicht alle Spenden kamen direkt Armen, Kranken und Bedürftigen zugute. Das Geld floss vor allem in die Expansion ihres Ordens, der heute über 5.000 Schwestern in weltweit 700 Ordenshäusern umfasst. Die "Missionarinnen der Nächstenliebe" sind wegen ihrer überstrengen Organisation und Rückständigkeit umstritten. Ein großer Teil der Spenden ging zudem an den Vatikan, der versichert, das Geld ausschließlich zu guten Zwecken ausgegeben zu haben. Belege dafür gibt es nicht, die Finanzen des Ordens sind bis heute völlig intransparent.

"Das mediale Bild, das wir von Mutter Teresa haben, entspricht nur bedingt der Wirklichkeit", behauptet die kanadische Wissenschaftlerin Geneviève Chénard, die in ihrer Studie aus dem Jahr 2013 hart mit der künftigen Heiligen ins Gericht geht. Die darin gegen Mutter Teresa erhobenen Vorwürfe reichen vom Paktieren mit fragwürdigen Gestalten über mangelhafte Hygiene in den von ihr gegründeten Sterbehäusern bis hin zu dogmatischer Überhärte.

So ging Mutter Teresa für ihr Fundraising bei den Reichen und Mächtigen der Welt ein und aus, unter ihren Spendern waren auch dubiose Figuren wie der Diktator von Haiti, Jean-Claude Duvalier ("Baby Doc"), oder der US-Finanzbetrüger Charles Keating. Für alle hatte sie lobende Worte übrig. Ein anderer, von ehemaligen Mitarbeitern erhobener Vorwurf lautet, die hygienischen und medizinischen Zustände in ihren Sterbehospizen seien skandalös gewesen. Heilbare Kranke seien in derselben Manier wie unheilbar Kranke behandelt worden. Spritzennadeln seien unter laufendem Wasser gereinigt, abgelaufene Medikamente verabreicht worden. Bei der Nobelpreisverleihung 1979 in Oslo bezeichnete Mutter Teresa Abtreibung als "größte Bedrohung des Friedens". Auch dieser Aspekt verbindet Mutter Teresa mit Franziskus: Dass auch der als besonders liberal wahrgenommene Papst ein kompromissloser Gegner von Abtreibung und Gender-Theorie ist, wird oft ausgeblendet.