Was erwartet man, im Horizont politischer Kultur der Bundesrepublik seit ihrer Gründung 1949, von einem Spitzenpolitiker dieses Landes? Dass er sich der Politik mit Haut und Haaren hingibt, allen anderen Neigungen abschwört und in tiefster Ernsthaftigkeit nur das ist: Berufspolitiker. – Was erwartet man von einem Bundespräsidenten seit Theodor Heuss und auch nach Joachim Gauck? Dass er ein Homme de Lettres sei und zugleich eine moralische Leitfigur, ja ein religiös getriebener Asket und Mahner. – Was erwartet man von dem Elder Statesman, nach dem Abgang aus den höchsten Staats- und Regierungsämtern? Moralische Instanz zu bleiben, ja sie möglichst ins Übermenschliche zu steigern, und nebenher in vielen Bänden literarisch geschliffene Memoiren vorzulegen.

Walter Scheel hat diesen Erwartungen nicht entsprochen. An ihnen gemessen, verkörpert er geradezu den Typus eines Antipolitikers der Bundesrepublik Deutschland – oder umgekehrt: das Muster eines erfolgreichen und durchsetzungsfähigen Politikers, der nicht vorgeben musste, zugleich oberster Intellektueller, Programmstratege und Pastor der Nation zu sein.

Geburtsjahrgang 1919, evangelische Konfession, Soldat in Hitlers Wehrmacht seit dem Kriegsbeginn 1939: Das rückt Scheel in die Nähe von Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker, mit dem der spätere FDP-Politiker auch den beruflichen Aufstieg nach 1945 in der Wirtschaft teilt. Aber die religiöse Prägung blieb für ihn im Hintergrund; erst recht lehnte Scheel es seinem ganzen Naturell nach ab, daraus politisch-moralische Konsequenzen zu ziehen wie Gustav Heinemann, sein Vorgänger im Amt des Bundespräsidenten, und wie nicht wenige seiner Nachfolger. Auch deshalb lag die Entscheidung für die FDP nahe: für eine Partei der pragmatischen Politik, die nicht dauernd auf der Suche nach ihren ideologischen Prinzipien oder nach ihrem Werte-Tafelsilber sein musste.

In den fünfziger Jahren, als der Solinger seine Karriere begann, war in der nordrhein-westfälischen FDP viel los. Im Naumann-Kreis versuchten alte Nazis, den Landesverband rechtsextrem zu unterwandern. Auf der anderen Seite formierten sich die "Jungtürken", die ein Zeichen gegen den Regierungsstil Konrad Adenauers setzen wollten, indem sie im Februar 1956 den CDU-Ministerpräsidenten Karl Arnold in Düsseldorf abservierten und eine neue Koalition mit der SPD bildeten. Zu ihnen gehörte Walter Scheel, der seine Partei bereits seit 1953 im Bonner Bundestag vertrat.

1961 wurde Scheel erster Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, doch seine große Stunde und im Rückblick die Phase seiner historischen Bedeutung kam erst mit der Existenzkrise, in die die erste große Koalition die FDP 1966 stürzte. Nicht nur die parlamentarische Oppositionsrolle, auch die außerparlamentarische Bewegung forderte die Liberalen zu einer reformerischen Neuorientierung heraus. Als Walter Scheel im Januar 1968 den nationalliberalen Erich Mende als Parteivorsitzenden ablöste, signalisierte das jedoch in der Öffentlichkeit noch keinen radikalen Kurswechsel. Scheel moderierte; er überließ anderen wie Ralf Dahrendorf und Karl-Hermann Flach die Rolle des Provokateurs und intellektuellen Vordenkers. Klug, zielstrebig, auch mit persönlichem Ehrgeiz arbeitete er bald auf ein doppeltes Ziel hin: Die FDP musste trotz ihrer reformerischen Öffnung 1969 erneut in den Bundestag einziehen, um sodann in eine SPD-geführte Regierung unter Willy Brandt einzutreten.

Das war die Zeit, in der Walter Scheel alles gelang. Mühsam, aber letztlich erfolgreich sicherte er die nötigen Stimmen seiner Partei für die Wahl Heinemanns zum Bundespräsidenten im März 1969, hievte die FDP ein halbes Jahr später knapp über die Fünfprozenthürde und verabredete noch in der Wahlnacht des 28. September mit Brandt die sozialliberale Koalition. Dass auch in einer kleinen Koalition dem Juniorpartner stets das prestigereiche Auswärtige Amt zustehe: Diese Tradition begründete Walter Scheel. Gerade in der Zeit der "neuen Ostpolitik" war das ein zweischneidiger Erfolg, denn die Richtung in den Verhandlungen mit Moskau, Warschau und Ost-Berlin gaben Brandt und sein Vertrauter Egon Bahr vor.

In Partei und Regierung ging es nicht mehr höher hinaus, aber früh erkannte Scheel die Chance auf das Amt des Bundespräsidenten. Intellektuellen wie Günter Grass missfiel das Volkslied-Image eines Staatsoberhauptes, das er sich kritischer und zerfurchter wünschte. Aber glatt war Scheel nicht, zudem als ungenierter Freund eines großzügigen Lebensstils nicht wirklich volkstümlich, jedoch, nach dem Urteil Arnulf Barings, "völlig undoktrinär". Und innerlich unprätentiös, denn trotz zahlreicher Ehrenämter war 1979, als andere Mehrheitsverhältnisse eine Wiederwahl nicht zuließen, für den erst Sechzigjährigen Schluss. Seitdem hat er sich nie als Denkmal inszenieren wollen. So war Walter Scheel beides zugleich: Motor und Moderator einer entscheidenden Wende in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ein charakteristisches Gesicht seiner Generation und der alten Bundesrepublik – und die fröhliche Negation hochgesteckter Erwartungen an deutsche Politiker in nach-nationalsozialistischer Zeit.