Mit dem Aufschwung einer antiliberalen und autoritären Politik ist auch die Architektur ins Visier der Rechtsnationalen geraten. Sie träumen von rechten Räumen, und sie träumen nicht nur: Voller Abscheu gegenüber urbanen Lebensweisen suchen viele NPD-Kader, aber auch führende Köpfe der AfD ihr Heil auf dem Land. Fernab von Menschen mit Migrationshintergründen siedeln sie bevorzugt im ländlich geprägten Osten Deutschlands. In den letzten Jahren sind dort gleich mehrere sogenannte völkische Siedlungen entstanden, um den "Erhalt des deutschen Volkes" zu proben.

Das Programm der Siedler klingt vertraut und schien überwunden: Unter dem Motto "Blut und Boden" wollen sie als irgendwie blutsmäßig verbundene "Volksgemeinschaft" entschlossen gegen einen befürchteten "Volkstod" anleben.

Wofür stehen die Architektur und die Raumplanung deutscher Rechtspopulisten? Der Verleger Götz Kubitschek, bekannter Mitbegründer einer neurechten Denkfabrik, hatte in einem Essay unter dem Titel Leere Räume – Junge Männer bereits 2007 dargelegt, wie sich blühende Landschaften und rechte Landnahme mühelos miteinander verbinden lassen. Er schlug vor, die frei flottierende Aggression von Neonazis in ein kollektives Bau- und Renovierungsprojekt der ostdeutschen Länder umzulenken – um dadurch auf Jahrzehnte hinweg kulturelle Hegemonie für die eigenen Ideale zu erlangen. "Das sind die guten Gründe dafür, sich mit leeren Gehöften und Kameradschaften zu befassen: Beide sind da, sie sind ganz und gar unfertig und bieten demjenigen, der Kraft, Ideen, Verantwortungsbewusstsein, Wagemut und Vorstellungsvermögen hat, ein weites Tätigkeitsfeld. Teufel auch! Es wird doch in Deutschland Familien und junge Leute genug geben, die sich die leeren Häuser und die jungen Männer vornehmen und etwas aufbauen. Im Kern nämlich heißt Leben tatkräftig sein." Sein Ziel ist eine Siedlungspolitik nach dem Motto "Deutschland den Deutschen".

Viele der neurechten Siedler – darunter finden sich auch einige zunächst harmlos scheinende Biobauern – greifen damit auf Denkfiguren zurück, die, bevor sie im Nationalsozialismus und seiner Tötungsmaschine scharf gemacht wurden, in die ausgehende Kaiserzeit und die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zurückdatieren. So erfreut sich gerade bei rechtsradikalen Biobauern das sogenannte Artamanentum einer gewissen Beliebtheit. Darunter wird eine völkisch-agrarromantische Jugendbewegung verstanden, die, 1925 in München begründet, eine bäuerliche Besiedelung des "Lebensraums im Osten" im Schilde führte. 1934 ging sie in der Hitlerjugend auf.

Worum geht es den neurechten Siedlern? Sie wollen das Alltagsleben im Lande verändern

Als größte Artamanen-Siedlung wurde in den 1930er Jahren bei Güstrow das Dörfchen Koppelow gebaut, und ebendort siedelten sich kurz nach der Wiedervereinigung auch einige Neo-Artamanen an. Wie Anna Schmidt von der Amadeu-Antonio-Stiftung in ihrer überaus lesenswerten Forschungsarbeit über Völkische Siedler/innen im ländlichen Raum darlegt, proklamierten Neo-Artamanen bereits 1992 in ihrer eigenen Hauspostille, den Artam-Blättern, die Absicht, ein "artgemäßes Leben nicht nur als Freizeitbeschäftigung zu pflegen. Wir wollen die politische Lage in unserem Land (der Welt!), sowie die Umweltsituation als Herausforderung" betrachten.

Ein paar Dörfer weiter Richtung Osten, in Klaber in der Mecklenburgischen Schweiz, werden die Raumgreifungsversuche der neuen Rechten besonders deutlich. In einer konzertierten Aktion zogen ein Steinmetz, ein Kunstschmied, eine Buchbinderin, eine Hebamme, ein Kunstschmied und weitere Personen – darunter viele Rechtsradikale – in einige leer stehende Häuser und übernahmen nach und nach fast das gesamte Dorfleben. Geübteren Beobachtern dürfte die Entzifferung der politischen Einstellung dieser Gruppe leichtfallen, wenn der Blick auf eine Stele im Vorgarten des Steinmetzes fällt, die einen Irminsul genannten Weltenbaum darstellt. Derlei Symbolik diente auch den Artamanen der 1920er und 1930er Jahre als Ausweis ihrer gegen das Christentum gerichteten nordisch-heidnischen Gesinnung. Auch beim Schmied finden sich Bezüge zu derlei Mythologien, etwa wenn auf einem Messergriff der nordische Gott Odin mit seinen Raben Hugin und Munin zu finden ist.

Siedlungsprojekte wie die in Koppelow, Klaber und anderswo sind dabei keineswegs als Kurzzeitphänomene zu unterschätzen, wie Anna Schmidt darlegt. Vielmehr zielten sie auf "eine langfristige Beeinflussung der Alltagskultur". Und es sind nicht nur Rechtsesoteriker und rechtsextreme Handwerker, die an einer neu-völkischen Siedlungspolitik arbeiten, auch eloquente Großstädter gehören dazu, beispielsweise Udo Pastörs.

Auch ein "Reichsmusterdorf" der Nationalsozialisten wird neu belebt

Pastörs, ein zu Wohlstand gekommener ehemaliger Kaufmann, Uhrmacher und Zeitsoldat – und von Januar bis November 2014 Bundesvorsitzender der NPD –, lebt seit 1999 gemeinsam mit seiner Frau Marianne Pastörs im mecklenburgischen Lübtheen. Zunächst wohnte die Familie im Ortsteil Benz-Briest in einem Haus in der Hauptstraße, das Teil eines NS-"Reichsmusterdorfes" war; an einem der Dorfhäuser war sogar bis 2007 ein Hakenkreuz im Giebel zu finden, dann wurde es überfliest. Fast parallel zur Überfliesung zogen die Pastörs ein paar Kilometer nach Süden, in eine Villa im Naturpark Mecklenburgisches Elbetal, die nur unter der Auflage hatte errichtet werden dürfen, dass dort eine Baumschule entsteht.