Frage: Herr Küstenmacher, wir haben Ihnen zur Einstimmung für dieses Interview ein Bild unseres Büros geschickt.

Werner Tiki Küstenmacher: Habe ich bekommen. Sieht ja schlimm aus bei Ihnen.

Frage: Was glauben Sie: Können Menschen, die in einem solchen Büro arbeiten, glücklich sein?

Küstenmacher: Das ist Ansichtssache. Sie haben nicht viel Zeug, aber es ist großzügig verteilt.

Frage: Was sagt das Büro über uns aus?

Küstenmacher: Sie sind jung und kreativ. Das Büro wirkt lebendig, hat aber keinerlei Struktur. Sie wollen anders sein, sich nicht festlegen, sich nicht in alte Muster pressen lassen. Aber was ist das? Da hinten sehe ich ja leere Bücherregale!

Frage: O Gott! Müssen wir uns Sorgen machen um unser Seelenheil?

Küstenmacher: Nicht unbedingt. Man braucht aber eine gewisse Infrastruktur, damit einem die Dinge nicht über den Kopf wachsen. Ich verordne Ihnen eine Hängeregistratur!

Frage: Sie schreiben in Ihrem Weltbestseller Simplify your life: Wer seinen Schreibtisch aufräumt, wird glücklich. Warum ist das so?

Küstenmacher: Ein Schreibtisch ist eine Art Metapher für das, was in unserem Kopf los ist. Bei kreativen Vorgängen bedeuten solche Stapel oft: "Ich schöpfe aus dem Vollen." Das funktioniert eine Zeit lang gut – bis es unübersichtlich wird. Und dann gibt es eine negative Rückkoppelung: "So chaotisch, wie es auf meinem Schreibtisch ausschaut, so chaotisch sieht es in mir drin aus."

Frage: Und diese innere Verwirrung können wir mit einer Hängeregistratur beheben?

Küstenmacher: Ja, indem man die äußere Ordnung wiederherstellt. Das ist ein kleines Wunder.

Frage: Gibt es irgendeine Technik, mit der wir darüber hinaus auf unserem Schreibtisch und in unserer Seele Ordnung schaffen können?

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Küstenmacher: Die Methode für den Schreibtisch geht so: Sie räumen alles leer, die Laptops, die Kaffeetassen, die Papierstapel, alles weg damit. Dann putzen. Dann freuen Sie sich und räumen alles in einer sinnvollen Weise wieder drauf. Härtefälle wie Sie beide teilen den Tisch am besten in vier Felder. Sie lauten: "Wegschmeißen", "Weiterleiten", "Wichtig" und "Wunder". Auf den Wunder-Stapel kommt alles, was man sofort erledigen kann. Dann arbeiten sie sich konsequent im Uhrzeigersinn durch die Papiere. Wichtig: Man darf jedes Blatt Papier nur einmal anfassen!

Frage: Woher kommt diese Sehnsucht nach Ordnung?

Küstenmacher: Früher besaßen nur privilegierte Menschen viele Bücher und Papier. Heute muss fast jeder Unterlagen managen, sei es für die Steuer oder Versicherung. Aber prinzipiell glaube ich: Diese Ordnungssehnsucht ist etwas Altes. Das weiß ich aus meiner eigenen Familie.