Als der Patient bewusstlos vor ihm liegt, macht der Urologe ein Foto von der Stelle, an der er gerade den Blasenkatheter gelegt hat. Dann schickt er das Bild vom Genital seines Patienten an verschiedene Freunde und Bekannte, "als Witz", wie er später aussagt. Ein teurer Spaß: Fast 15.000 Euro Strafe muss der Urologe schließlich dafür zahlen, hinzu kommen sechs Monate Berufsverbot.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Der Fall, der sich in Kanada vor Kurzem so zugetragen hat, ist natürlich ein Extrembeispiel. Und doch ist dieser Einzelfall exemplarisch: In Krankenhäusern wird die Privatsphäre von Patienten täglich gefährdet und verletzt. Es fängt mit dem fremden Bettnachbarn an, der nicht nur heikle Details über die Erkrankung hört, sondern auch zusieht, wie der Pfleger die Bettpfanne bringt und wieder abholt. Kommt die Großfamilie oder der nervige Arbeitskollege des Zimmergenossen zu Besuch, muss man das als Patient ertragen. Und bei der Chefarzt-Visite unterhält sich eine ganze Entourage von Ärzten und Studenten über die persönliche Situation, meist wieder vor dem Bettnachbarn. Jederzeit kann die Tür aufgehen und eine Schwester hereinkommen, völlig egal, was man gerade macht.

"Rechtlich ist das Thema Privatsphäre im Krankenhaus eine Grauzone. Nein, eigentlich ist es noch mehr: Es ist ein Raum ständiger Rechtsverletzungen", sagt die Berliner Ärztin und Anwältin Britta Konradt, die sich auf Medizinrecht spezialisiert hat. Denn im Grunde müsste jeder Patient, dessen Visite in Anwesenheit des Bettnachbarn stattfindet, für seinen Mitpatienten eine sogenannte Schweigepflicht-Entbindungserklärung unterschreiben. Darin erlaubt er, dass die Ärzte auch in dessen Gegenwart über seine Krankheit und die Behandlung sprechen dürfen.

"Darum kümmert sich allerdings fast kein Krankenhaus", sagt Konradt. "Dabei darf nach den aktuellen gesetzlichen Regelungen genau genommen kein Arzt mit einem Patienten sprechen, während sich der Bettnachbar im Zimmer befindet." Andererseits, sagt die Anwältin, sei die Theorie des Rechts mit der Praxis des Krankenhausalltags in vielen Bereichen kaum vereinbar. "Wenn jeder Patient eine solche Erklärung unterschreiben würde, wäre das kein Problem", erklärt sie. "Nur was geschieht mit den Patienten, die ihren Bettnachbarn nicht das Zuhören gestatten? Das Krankenhaus darf sie ja nicht einfach abweisen."

Hedwig François-Kettner, die Vorsitzende vom Aktionsbündnis Patientensicherheit, hat für solche praktischen Hürden Verständnis. "Wer ins Krankenhaus geht, gibt seine Privatsphäre mitunter ein Stück weit auf", sagt sie. Nur weil das in manchen Fällen notwendig wird, bedeutet das aber noch lange nicht, dass die Bedürfnisse des Patienten eine untergeordnete Rolle spielen. Ganz im Gegenteil, sagt François-Kettner: "Gerade wegen der unvermeidbaren Einschränkungen sollte man das Thema endlich einmal systematisch angehen."

Genau da scheint es in Deutschland aber Nachholbedarf zu geben. Auf Anfrage betonen zwar die Sprecher aller großen Klinikgruppen, dass man bei Neubauten mehr Zweibett- und Einzelzimmer einplane und darauf achte, dass Pfleger und Ärzte vor dem Eintreten anklopfen. Eine zentrale Strategie für einen besseren Umgang mit Privatsphäre kann jedoch keine Klinik vorweisen.