Ulrike Meinhof, Horst Mahler und Gudrun Ensslin waren hochbegabte Stipendiaten. Bislang geheime Unterlagen zeigen, wie sich die Gründer der Roten Armee Fraktion schon als Studenten radikalisierten.

Stipendien

Es ist eines der großen Rätsel der deutschen Zeitgeschichte: Warum wurden gerade drei Hochbegabte die führenden Köpfe der RAF, der Roten Armee Fraktion? Ulrike Meinhof, Horst Mahler und Gudrun Ensslin zählten zu einer Elite von einem Prozent der Studenten; sie waren Stipendiaten der Studienstiftung des deutschen Volkes, ausgewählt in einem aufwendigen Verfahren: Gutachter bewerteten die Studenten immer wieder, die Stipendiaten legten Rechenschaft ab – was sie studierten, wo sie sich engagierten, wie sie sich entwickelten. Gutachten und Berichte hielt die Stiftung Jahrzehnte unter Verschluss. Nun werden die Akten Meinhof, Mahler, Ensslin öffentlich: 560 Seiten Bildungstagebücher der späteren Terroristen. Sie zeigen, wie drei reflektierte Studenten immer politischer wurden, wenige Jahre bevor sie in den Untergrund gingen.

Die Akte Ulrike Meinhof:

Ulrike Meinhof (1934 – 1976) war nach Abbruch des Studiums Journalistin. 1970 ging sie in den Untergrund und gründete mit Andreas Baader, Mahler und Ensslin die Rote Armee Fraktion, die Deutschland mit einer Anschlagsserie überzog.

Studium: Pädagogik, Psychologie, Geschichte, Germanistik und Kunstgeschichte in Marburg, Wuppertal, Münster und Hamburg Stipendiatin der Studienstiftung von 1955 bis 1960 Auszüge aus Semesterberichten und Gutachten

Ich beabsichtige, Pädagogik, Psychologie und Germanistik zu studieren. Zur Begründung dieses Studiums möchte ich sagen, daß ich in Oldenburg eine katholische Schwesternschule besuchte, da die städtische Mädchenoberschule bei meinem Eintritt in die höhere Schule, Ostern 1946, bereits überfüllt war, und daß ich im Winter 1950/51 die Rudolf-Steiner-Schule in Wuppertal besuchte. Beide Schulen haben mich durch die Eigenwilligkeit ihrer Erziehungsform aufmerksam gemacht auf die Wichtigkeit der Erziehungsfragen überhaupt. (...) Ich glaube, daß ein fruchtbares Studium der Pädagogik nur möglich ist, wenn man es auf der Grundlage der Erkenntnisse der Psychologie aufbaut. (...) Außerdem glaube ich, daß die Fragen der Erziehung und Menschenbildung nicht zu trennen sind von ihren geistesgeschichtlichen Herkünften und Zusammenhängen.
Ulrike Meinhof, Lebenslauf, Dezember 1954

Ich schreibe dieses Gutachten unter dem unmittelbaren Eindruck einer ernsten und anregenden Unterhaltung mit Fräulein Meinhof nieder. (...) Ich habe bei dieser Unterhaltung fast vergessen, daß ich eine Abiturientin vor mir hatte. So reif und bedacht war das Urteil, so besonnen das Abwägen der verschiedenen Gesichtspunkte. Dabei ist sie in keiner Weise altklug, aber klug, sicher weit über dem Durchschnitt begabt, selbständig und klar. Ich empfehle Fräulein Meinhof vorbehaltlos für die Studienstiftung.
Gutachten von Mathilde Gantenberg, CDU-Landtagsabgeordnete, Februar 1955

Über meine erste Begegnung mit der Universität oder dem Universitätsbetrieb kann ich nur wenig sagen. Man hat zwar auch schon als Erstes Semester den sicheren Eindruck, daß sehr viel Kritik, wie sie heute geübt wird, unmittelbar einsichtig ist, andererseits tun sich einem, wenn man von der höheren Schule kommt, gerade beispielsweise durch die Unpersönlichkeit des Systems, viel reichere Möglichkeiten, ich möchte sagen, zu fruchtbarem Lernen auf als eben auf der Schule, so, wie sie heute ist. Ich möchte dies nicht weiter begründen, weil es ja nur eine ganz subjektive Anschauung ist; sie besagt, daß ich gerne studiere (...).
Ulrike Meinhof, Semesterbericht über das Sommersemester 1955, September 1955


Was einem an diesem jungen Menschen am meisten auffällt, ist, was man vielleicht als ihren existentiellen Ernst bezeichnen könnte. Hier liegt allerdings auch eine Gefahr für sie. Sie neigt dazu, Probleme theologisch zu radikalisieren, und ich habe den Eindruck, daß sie in letzter Zeit in eine gewisse geistige Krise geraten ist. Aber solche Erfahrungen sind bei ernsten Menschen unvermeidlich, und sie können als eine Bestätigung ihrer geistigen und menschlichen Qualität angesehen werden. Bei Fräulein Meinhof sind sie für mich eine solche Bestätigung. Ich habe auch keine Sorge, daß sie die Krise überwinden wird. (...) Es besteht für mich kein Zweifel, daß Fräulein Meinhof zu den besten Studentinnen gehört und daß sie eine der meistversprechenden ist und jede Förderung verdient.
Elisabeth Blochmann, Pädagogikprofessorin, Universität Marburg, Gutachten, 4. Juli 1956

Sie ist in eine gewisse geistige Krise geraten. Sie wird sie überwinden.

Fräulein Meinhof hat sich mit grossem Ernst und einem ungewöhnlichen Verständnis in ihr Studium eingearbeitet. Da sie an die pädagogischen und psychologischen Probleme von einer betont religiösen christlichen Einstellung herantritt, die mit einer eigenen erlebnishaft begründeten religiösen Erfahrung zusammenhängt, stand sie von Anfang an auch ihren akademischen Lehrern mit einer grossen inneren Freiheit gegenüber.
Ernst Benz, Professor für Kirchengeschichte, Universität Marburg, Gutachten, 6. Juli 1956


Die Verantwortung, die wir in der Erziehung spüren, kann letztlich nie die gegenüber der Vergangenheit sein, sondern, wenn rückwärtsgewandt, dann ist es wohl die, die wir gegenüber dem Ursprung haben als dem, was immer und zu jeder Zeit gegenwärtig ist. Von daher, glaube ich, gibt es auch in der Pädagogik geschichtliche Verantwortung. Von dorther rührt wohl auch das Unbehagen gegenüber allen heutigen "Erziehungssystemen", deren Urheber glauben, daß erst mit ihnen das Eigentliche der Erziehung erkannt sei, wie es beispielsweise in der sowjetischen Pädagogik manchmal den Anschein hat.

Ulrike Meinhof, Bericht über das Sommersemester 1957, Oktober 1957

Nicht unbeeinträchtigt blieb die Arbeit dieses Semesters von meiner Tätigkeit im "Studentischen Arbeitskreis für ein kernwaffenfreies Deutschland" Münster, den ich zusammen mit einigen Kommilitonen zu Beginn des Semesters ins Leben rief. Wir veranstalteten im Mai einen Schweigemarsch und brachten ab Mitte Juni zweimal wöchentlich ein Flugblatt unter dem Titel argument heraus, in dem wir versuchten, die einzelnen Punkte der Auseinandersetzung durchzudiskutieren. Ende Juli errichteten wir dann noch eine "Mahnwache" und veranstalteten gleichzeitig eine Unterschriftensammlung. (...)

Im Zusammenhang mit den studentischen Aktionen gegen die Atomaufrüstung steht mir selber immer wieder das Beispiel der Bücherverbrennung von Mai 1933 vor Augen, wo es schon vier Monate nach Hitlers Machtübernahme möglich war, daß die nationalsozialistischen Studentengruppen den größeren Teil der Studentenschaft einfach überrumpelten, weil dieser in seiner politischen Indifferenz nicht zu Widerstand und Gegenaktion fähig war. Es geht mir dabei nicht um ein Urteil über die Studenten von 1933, sondern um die dort hervorgetretene Problematik, die uns heutige Studenten u. U. aufmerksam machen kann auf heute gegebene Aufgaben innerhalb unseres Bereiches. Denn wie immer man die gegenwärtigen Verhältnisse in der Bundesrepublik beurteilen mag, die Sorge um die innere Festigkeit unserer Demokratie ist zweifellos nicht ganz unberechtigt. Besonders der Kampf gegen die Atomaufrüstung hat manches hervortreten lassen, das auf ein mehr oder weniger latentes Vorhandensein totalitärer Strebungen schließen lässt. Es ist das in der CDU und wohl von dorther auch im RCDS zum Teil sehr starke Einheits- und "Wir"-Denken, das die politische und menschliche Lauterkeit des Andersdenkenden diffamierend in Frage stellt und den aufgebrochenen Widerspruch als solchen suspekt macht, ohne sich der sachlichen Diskussion zu stellen. Ich glaube, daß man solchen Strukturen des Denkens und Handelns, wo immer sie in Erscheinung treten, widerstehen muß, ehe sie die Überhand gewinnen. Ein Verlust der Demokratie hat – meines Erachtens – seine Ursache auch je und je in einem Versagen der Opposition. Die Aufgabe der Opposition – ob parlamentarisch oder außerparlamentarisch – liegt aber zweifellos in der gegenwärtigen Situation nicht nur in der Vertretung ihrer Sache und im Schutz ihrer selbst, sondern auch darin, die "Indifferenten" zu politischem Denken anzuregen und aufzufordern, nicht, um diese unbedingt für eine oppositionelle Parteinahme zu gewinnen, sondern um sie zu einer "Wachsamkeit" aufzufordern, die verantwortlich genannt werden darf, auch wenn sie in bewusster Neutralität ihren Ausdruck findet. Diesergestalt "Unruhe in die Studentenschaft" zu tragen, war das Anliegen des studentischen Arbeitskreises. Der Kampf gegen die atomare Aufrüstung hat heute dazu geführt, daß viele Studenten beginnen, ihren politisch-gesellschaftlichen Ort wieder zu reflektieren. Es wird die Aufgabe der politischen Hochschulgruppen sein, in diese – an einem einzelnen Problem nunmehr entstandene – Unruhe jene Inhalte hineinzutragen, die bewußtes demokratisches Denken auf die Dauer möglich und sinnvoll machen.

Ulrike Meinhof, Bericht über das Sommersemester 1958, August 1958

Sie wissen – wie ich annehme –, daß ich mich in Münster in den letzten anderthalb Jahren an der studentischen Bewegung gegen die atomare Aufrüstung der Bundesrepublik aktiv beteiligte. Ich glaube, daß wir Studenten damit eine Aufgabe wahrgenommen haben, die uns zukommt und deren Vernachlässigung angesichts der politischen Entwicklung der Bundesrepublik nicht verantwortbar ist. Ich betrachte diese Tätigkeit deshalb auch nicht als eine ausserstudiumsmäßige, vielmehr als unbedingt dazugehörig.

Ulrike Meinhof, Brief an den Stiftungsreferenten Hartmut Rahn mit Antrag auf Verlängerung des Stipendiums, 15. Dezember 1959

Der persönliche Eindruck, den ich bei diesem Gespräch von Fräulein Meinhof gewonnen habe, war ausgezeichnet. Bei allem Idealismus, mit dem sie für ihre politischen Überzeugungen eintritt, ist ihre Persönlichkeit von einer ruhigen Sachlichkeit und Klugheit geprägt.
Dieter Sauberzweig, Referent der Studienstiftung, Aktenvermerk, 8. Juni 1960

Der zweite Grund, den Fragebogen abzusenden, ist der, daß ich mich wiedereinmal melden möchte, um mein Bild als schwarzes Schaf in Ihrer Kartei ein wenig aufzuhellen. Bin ich doch – ganz gewiß im Gegensatz zu Ihnen – der Ansicht, daß die Förderung, die mir durch die Studienstiftung zuteil wurde, keine Fehlinvestition war, keine Fehleinschätzung meiner Person, will sagen, daß – obwohl ich keinen Studienabschluß ordentlicher Art gemacht habe – meine heutige Tätigkeit die damalige Förderung meines Studiums rechtfertigt, ich dafür nach wie vor – trotz jahrelangen Schweigens – sehr, sehr dankbar bin.
Ulrike Röhl, Brief an Marianne v. Lieres, Referentin der Stiftung, als Antwort auf die Bitte, einen Fragebogen auszufüllen, 2. April 1966. Meinhof hatte 1961 Klaus Rainer Röhl geheiratet

"Werden Sie Ihre Berufstätigkeit künftig einschränken oder u. U. aufgeben?"

Ich hoffe nicht. Unvorhersehbare Ereignisse, die mich dazu zwingen könnten, sind denkbar. Seien es außergewöhnliche Schwierigkeiten mit den Kindern, sei es, daß die politische Entwicklung in der Bundesrepublik dazu führt, daß es für mich in Funk, Fernsehen und Presse keine Verwendung mehr gibt. In einem solchen Fall würde ich allerdings meine Berufstätigkeit lediglich unterbrechen, nicht aufgeben wollen.
Ulrike Röhl als Antwort auf den Fragebogen