Wladimir Putin kommt! Und schon werden in den Städten die Straßen ausgebessert, Fassaden repariert, Blumenrabatten bepflanzt. Menschen mit Russlandfahnen versammeln sich hinter den Absperrungen und harren geduldig aus, denn Putin kommt immer zu spät. Wenn er auftaucht, jubeln ihm die Massen zu. Der Empfang mag inszeniert sein, die Verehrung jedoch ist echt.

Nach einer Umfrage des Lewada-Zentrums, des einzigen unabhängigen Umfrageinstituts Russlands, unterstützen derzeit 82 Prozent der Russen ihren Präsidenten. Umfragen in autokratischen Systemen sind heikel, die Befragten oft eingeschüchtert, die Begriffe dehnbar: Was heißt schon "unterstützen"? Aber es ist schon richtig: Die Zustimmung zu Putins Politik ist seit geraumer Zeit überwältigend und stabil. Warum?

Ein Blick in die Regale im Supermarkt müsste die Begeisterung für Putin schrumpfen lassen. Voll sind sie, aber Milch und Käse kosten dreimal so viel wie im Jahr 2006. Fast alles ist teurer geworden, viel teurer. Selbst das Benzin, obwohl der Ölpreis fällt. Ein Liter 95er-Benzin kostete vor zehn Jahren 23 Rubel, heute sind es 38 Rubel. Die Realeinkommen der Russen fallen und fallen. Die Mehrheit spart in diesem Jahr an Lebensmitteln. Innerhalb weniger Monate sollen acht Millionen Russen verarmt sein, mittlerweile lebt jeder sechste Russe in Armut und hat damit weniger als 9776 Rubel im Monat zur Verfügung – das sind etwa 135 Euro, wovon Miete, Medikamente, Essen und Kleidung zu bezahlen sind.

Doch Wladimir Putin kann das alles so gut wie nichts anhaben. Sein Volk darbt und jubelt ihm zu. Wer sind diese 82 Prozent?

Suchen wir nach ihnen. Verlassen wir Moskau. Fahren wir in die Weite Russlands.

Etwa 1.000 Kilometer südöstlich von Moskau liegt Toljatti. Hier hat Nikolai Schesterin praktisch sein Leben lang im Lada-Werk gearbeitet. Schesterin ist ein Rentner mit schwieligen Händen und sonnengegerbtem Gesicht. Er und die Stadt Toljatti sind beinahe gleich alt, der Mann bringt es sogar auf ein paar Jahre mehr. In den fünfziger Jahren wurde hier ein Staudamm gebaut, und die alte Stadt Stawropol verschwand in den Tiefen der angestauten Wolga. An anderer Stelle wurde sie wieder aufgebaut und 1964 nach dem Generalsekretär der italienischen Kommunisten, Palmiro Togliatti, benannt. Sie ist eine der vielen russischen Monostädte, deren Dasein der Herstellung eines bestimmten Produktes dient: Stahl, Kohle, Autos.

Das Glück der Familien in Toljatti ruhte bisher auf einem Auto, dem Lada. Er war der Stolz der Stadt. Aber jetzt werden weniger Lada gekauft. Und je weniger Lada gekauft werden, desto weniger Arbeit gibt es für Toljattis Einwohner. Massenentlassungen sind noch nicht zu befürchten. Sie sind eine giftige Konsequenz, die der Staat vermeidet, solange es geht. Vorerst werden Arbeitszeiten gekürzt und Gehälter. Die Arbeiter murren, auf die Straße gehen sie nicht. Ein junger Kerl zeigt seinen Gehaltsscheck: 10.050 Rubel stehen darauf, etwa 139 Euro. Seine Frau, ebenfalls beim Lada-Konzern angestellt, ist gerade in Mutterschutz, sie erhält knapp 69 Euro. Bald kommt das Baby. Sie sind wieder zu den Eltern gezogen.

Toljatti gehört zu einem der vier Russlands, die, grob vereinfacht, die Geografin Natalia Subarewitsch auf ihren Reisen quer durch das Land entdeckt hat. Subarewitsch ist Anfang 60 und lehrt an der Moskauer Lomonossow-Universität. Seit ihren Studententagen bereist sie Russland, und doch ist sie jedes Mal verblüfft, wie vielfältig das Land ist: Da gibt es Gouverneure, die Krankenhäuser und Schulen schließen und dafür Straßen bauen lassen, weil sich beim Straßenbau mehr klauen lässt. Da gibt es Politiker, die allen Widrigkeiten zum Trotz etwas zu bewegen versuchen. Da gibt es die eher kritisch eingestellten Großstädte und das nicht modernisierte Tschetschenien und Südsibirien. Da gibt es die abgelegenen Kleinstädte und Dörfer. Und die Malocherstädte, zu denen Toljatti gehört: Die Arbeiter sind meist unzufrieden, waren aber bislang geneigt, Putin zu glauben, wenn er Stabilität und pünktlich gezahlte Gehälter versprach.

Die Vielfalt, sagt Subarewitsch, gebe ihr Hoffnung für Russland. Doch "seit der Krim", sagt sie, und es klingt, als gebe es eine Zeitrechnung vor der Annexion der ukrainischen Halbinsel und eine danach, habe Putin seine Macht im ganzen Land konsolidieren können: aufgrund des "postimperialen Syndroms", wie sie die antiwestlichen Ressentiments und den Frust wegen des Untergangs der Sowjetunion nennt. "Ich war sehr überrascht", sagt Subarewitsch, "wie sich die Russen in den unterschiedlichsten Regionen in ihren Gefühlen gleichen." Ganz gleich, ob reich oder arm, man steht hinter dem starken Mann.

Toljatti zählt 720.000 Einwohner und ist mit Abstand größer als die anderen Monostädte. Villen am grünen Ufer der Wolga, heruntergekommene "Chruschtschowkas" im Zentrum, Wohnsiedlungen aus der Chruschtschow-Zeit. Zerfurchte Straßen, die sich wie verkalkte Arterien durch die längliche Stadt ziehen. Regnet es, steht das Wasser wadentief. Auf den Parkbänken der ärmeren Viertel lassen Trinkbrüder die Flasche kreisen, und Arbeitslose, die es offiziell nicht gibt, vertreiben sich draußen die Zeit.