Wladimir Putin kommt! Und schon werden in den Städten die Straßen ausgebessert, Fassaden repariert, Blumenrabatten bepflanzt. Menschen mit Russlandfahnen versammeln sich hinter den Absperrungen und harren geduldig aus, denn Putin kommt immer zu spät. Wenn er auftaucht, jubeln ihm die Massen zu. Der Empfang mag inszeniert sein, die Verehrung jedoch ist echt.

Nach einer Umfrage des Lewada-Zentrums, des einzigen unabhängigen Umfrageinstituts Russlands, unterstützen derzeit 82 Prozent der Russen ihren Präsidenten. Umfragen in autokratischen Systemen sind heikel, die Befragten oft eingeschüchtert, die Begriffe dehnbar: Was heißt schon "unterstützen"? Aber es ist schon richtig: Die Zustimmung zu Putins Politik ist seit geraumer Zeit überwältigend und stabil. Warum?

Ein Blick in die Regale im Supermarkt müsste die Begeisterung für Putin schrumpfen lassen. Voll sind sie, aber Milch und Käse kosten dreimal so viel wie im Jahr 2006. Fast alles ist teurer geworden, viel teurer. Selbst das Benzin, obwohl der Ölpreis fällt. Ein Liter 95er-Benzin kostete vor zehn Jahren 23 Rubel, heute sind es 38 Rubel. Die Realeinkommen der Russen fallen und fallen. Die Mehrheit spart in diesem Jahr an Lebensmitteln. Innerhalb weniger Monate sollen acht Millionen Russen verarmt sein, mittlerweile lebt jeder sechste Russe in Armut und hat damit weniger als 9776 Rubel im Monat zur Verfügung – das sind etwa 135 Euro, wovon Miete, Medikamente, Essen und Kleidung zu bezahlen sind.

Doch Wladimir Putin kann das alles so gut wie nichts anhaben. Sein Volk darbt und jubelt ihm zu. Wer sind diese 82 Prozent?

Suchen wir nach ihnen. Verlassen wir Moskau. Fahren wir in die Weite Russlands.

Etwa 1.000 Kilometer südöstlich von Moskau liegt Toljatti. Hier hat Nikolai Schesterin praktisch sein Leben lang im Lada-Werk gearbeitet. Schesterin ist ein Rentner mit schwieligen Händen und sonnengegerbtem Gesicht. Er und die Stadt Toljatti sind beinahe gleich alt, der Mann bringt es sogar auf ein paar Jahre mehr. In den fünfziger Jahren wurde hier ein Staudamm gebaut, und die alte Stadt Stawropol verschwand in den Tiefen der angestauten Wolga. An anderer Stelle wurde sie wieder aufgebaut und 1964 nach dem Generalsekretär der italienischen Kommunisten, Palmiro Togliatti, benannt. Sie ist eine der vielen russischen Monostädte, deren Dasein der Herstellung eines bestimmten Produktes dient: Stahl, Kohle, Autos.

Das Glück der Familien in Toljatti ruhte bisher auf einem Auto, dem Lada. Er war der Stolz der Stadt. Aber jetzt werden weniger Lada gekauft. Und je weniger Lada gekauft werden, desto weniger Arbeit gibt es für Toljattis Einwohner. Massenentlassungen sind noch nicht zu befürchten. Sie sind eine giftige Konsequenz, die der Staat vermeidet, solange es geht. Vorerst werden Arbeitszeiten gekürzt und Gehälter. Die Arbeiter murren, auf die Straße gehen sie nicht. Ein junger Kerl zeigt seinen Gehaltsscheck: 10.050 Rubel stehen darauf, etwa 139 Euro. Seine Frau, ebenfalls beim Lada-Konzern angestellt, ist gerade in Mutterschutz, sie erhält knapp 69 Euro. Bald kommt das Baby. Sie sind wieder zu den Eltern gezogen.

Toljatti gehört zu einem der vier Russlands, die, grob vereinfacht, die Geografin Natalia Subarewitsch auf ihren Reisen quer durch das Land entdeckt hat. Subarewitsch ist Anfang 60 und lehrt an der Moskauer Lomonossow-Universität. Seit ihren Studententagen bereist sie Russland, und doch ist sie jedes Mal verblüfft, wie vielfältig das Land ist: Da gibt es Gouverneure, die Krankenhäuser und Schulen schließen und dafür Straßen bauen lassen, weil sich beim Straßenbau mehr klauen lässt. Da gibt es Politiker, die allen Widrigkeiten zum Trotz etwas zu bewegen versuchen. Da gibt es die eher kritisch eingestellten Großstädte und das nicht modernisierte Tschetschenien und Südsibirien. Da gibt es die abgelegenen Kleinstädte und Dörfer. Und die Malocherstädte, zu denen Toljatti gehört: Die Arbeiter sind meist unzufrieden, waren aber bislang geneigt, Putin zu glauben, wenn er Stabilität und pünktlich gezahlte Gehälter versprach.

Die Vielfalt, sagt Subarewitsch, gebe ihr Hoffnung für Russland. Doch "seit der Krim", sagt sie, und es klingt, als gebe es eine Zeitrechnung vor der Annexion der ukrainischen Halbinsel und eine danach, habe Putin seine Macht im ganzen Land konsolidieren können: aufgrund des "postimperialen Syndroms", wie sie die antiwestlichen Ressentiments und den Frust wegen des Untergangs der Sowjetunion nennt. "Ich war sehr überrascht", sagt Subarewitsch, "wie sich die Russen in den unterschiedlichsten Regionen in ihren Gefühlen gleichen." Ganz gleich, ob reich oder arm, man steht hinter dem starken Mann.

Toljatti zählt 720.000 Einwohner und ist mit Abstand größer als die anderen Monostädte. Villen am grünen Ufer der Wolga, heruntergekommene "Chruschtschowkas" im Zentrum, Wohnsiedlungen aus der Chruschtschow-Zeit. Zerfurchte Straßen, die sich wie verkalkte Arterien durch die längliche Stadt ziehen. Regnet es, steht das Wasser wadentief. Auf den Parkbänken der ärmeren Viertel lassen Trinkbrüder die Flasche kreisen, und Arbeitslose, die es offiziell nicht gibt, vertreiben sich draußen die Zeit.

Wieder groß sein

Früher wünschte man seinen Kindern eine Zukunft beim Lada-Hersteller Awtowas. Ein guter Job, ordentlich bezahlt, stabil. So hat Nikolai Schesterin es noch erlebt, der Schlosser war, auch seine Frau hat es so erlebt. Ihre drei Kinder arbeiten ebenfalls bei Awtowas, aber heute wünscht man niemandem mehr eine Lada-Zukunft.

Gerade hatte Toljatti begonnen, den Fluch der Monostadt hinter sich zu lassen. Kleinunternehmen entstanden, neue Wirtschaftszweige. So erzählt es Schesterins Freund Viktor Schamraj, der in der Leitung der Industrie- und Handelskammer sitzt und im Rotary-Club. Aber dann kam die Krise. "Ein depressiver Zustand, der alle erfasst", sagt er. Immerhin haben sie noch das Chemiewerk in der Stadt, das viel exportiert, sonst wäre es schlimmer.

Manchmal besucht Viktor Schamraj seinen Freund Nikolai Schesterin auf dessen Datscha, einer Sommerlaube mit Garten. Beiden fällt auf: Die Gärten ringsherum verändern sich. Die Rasenflächen und Blumenrabatten werden schmaler, die Gemüsebeete breiter: Kohl und Kartoffeln werden angepflanzt, Sattmacher, die auch im Winter halten. "Die Datscha ist kein Ort der Erholung mehr, sie ist wieder Ort des Überlebens", sagt Schamraj und meint, dass dafür Putin die Verantwortung trägt. Sein Freund Schesterin hingegen glaubt, dass Wladimir Putin ein ehrlicher, hart arbeitender Politiker sei, der dafür gesorgt habe, dass Russland sich endlich von den Knien erhoben habe.

Schesterin liebt sein Land. Er ist die Wolga entlanggerudert, hat den Baikalsee zweimal umrundet, und als Russland vor zwei Jahren die Krim annektierte, da holte er wieder sein Faltboot heraus, steckte eine Russlandfahne an das Heck und paddelte um die Halbinsel. Russlands Größe ist sein Stolz.

Doch die hat ihren Preis. Von den 85 "Subjekten", wie Russlands Regionen, Kreise und Republiken heißen, halten fast alle die Hand auf. Manche sind dramatisch abhängig von der Zentralmacht. Tschetschenien: Der Haushalt wird zu 85 Prozent bezuschusst. Etwa genauso viel bekommt Inguschetien. Altai: zu 75 Prozent. Die Krim: zu 67 Prozent. Das autonome Sewastopol auf der Krim, wo die Schwarzmeerflotte liegt, erhält 60 Prozent seines Budgets überwiesen. Dazu kommen die Haushalte jener selbst ernannten Republiken, die Russland nie anerkannt hat, die aber von Russlands Gnade zehren. Solange der Ölpreis hoch war, spielte Geld keine Rolle. Jetzt aber ist der Preis ins Rutschen geraten. Russland muss sparen. Die Größe wird zur Prüfung.

Man habe die Krim vor "ukrainischen Faschisten" gerettet, andernfalls hätte es dort "Leichenberge" gegeben, sagt Nikolai Schesterin über die Annexion. Der Freund verdreht die Augen, er kennt diese Propaganda und wechselt das Thema. Für Schesterin ist Putin das Beste, was Russland passieren konnte. Und die Wirtschaftskrise? "Uns Russen geht es schlechter. Aber das heißt noch lange nicht, dass es uns schrecklich geht! Die Konzertsäle und Stadien sind noch immer voll." Und dann schwärmt er: "Wladimir Putin hat uns Russen unser Selbstbewusstsein wiedergegeben. Wir sind ein großes und starkes Land."

Dieser Satz fällt so oder so ähnlich in fast allen Gesprächen über Präsident Putin. Wieder groß sein. Sich von den Knien erheben. Der Stolz auf prunkvolle Militär- und Flottenparaden, auf die Raketen und Panzer, die am 9. Mai der Welt vorgeführt werden, auf die einzigartige Weite und Größe des Landes entschädigt für alle Kränkungen.

Wo heute die Sehnsucht nach Achtung blüht, da nagte vorher die Demütigung. Und so mag das eigene Leben miserabel sein – wichtig ist, dass das Land wieder respektiert wird. Respektiert? Gefürchtet! So verstehen viele diesen Begriff.

Auf die Frage, was die Wähler von einem Präsidenten erwarten, antworteten schon vor 20 Jahren 41 Prozent der vom Lewada-Institut Befragten: den Status als Supermacht wiederherstellen. Als Putin 2012 gewählt wurde, lag dieser Pro-Supermacht-Wert bei 57 Prozent. Patriotismus, schreibt der Schweizer Slawist Ulrich Schmid, sei für das Regime zu einer Machtressource geworden, derer sich Wladimir Putin nach Belieben bedienen könne. Eine Kraftspritze für schwierige Zeiten.

In dem billigen Popsong "Jemand wie Putin" himmeln junge Sängerinnen den Präsidenten als perfektes Mannsbild an (sportlich, trinkt nicht, schlägt nicht). Es gibt ein offenbar vom Kreml erdachtes Künstlerkollektiv, das sich "Netz" nennt und etwa 100 jungen Künstlern in Moskau Ateliers in bester Lage zur Verfügung stellt, kostenlos. Einzige Bedingung: Ergebenheit für Putin. Eine Malerin namens Julia hat sich auf Putin-Porträts spezialisiert, denn die verkauften sich am besten. Der Hofkünstler Nikas Safronow hat Putin im Wams des französischen Ritterkönigs François I verewigt, des Begründers des Absolutismus; Putin sei ihm schon vor Jahrzehnten im Traum erschienen, behauptet Safronow. Nach der Annexion der Krim wurden Silbermünzen mit Putins Antlitz geprägt, und ein 28-jähriger Geschäftsmann witterte sogleich seine Chance und begann mit dem Verkauf von Putin-T-Shirts. Mittlerweile besitzt er 45 Läden.

Putin ist Pop

Putin ist Pop, Putin ist Glaube, Putin ist Zar, Putin ist Inszenierung. Es hängt vom Betrachter ab, wen er im Präsidenten sieht. Den Kämpfer gegen die Krise. Den starken Mann, der Russland wieder zur Großmacht formt. Den Einsamen, der beim Tod seines Judo-Lehrers Tränen vergoss; den Harten, Disziplinierten, der vom Geheimdienst geformt wurde, sich mit russischen Oligarchen anlegte und bis heute Kampfsport treibt. Putins Leben ist vage genug, um als vielseitige Projektionsfläche zu taugen.

Die staatlichen Fernsehsender, vom Kreml kontrolliert, inszenieren den Präsidenten. In den Abendnachrichten sitzt er oft leicht vorgebeugt am Ende eines langen Tisches, vor ihm die Regierung. Der Präsident blickt leidend um sich, wie einer, der aufgrund der Unzulänglichkeit aller andern die Dinge selbst in Ordnung bringen muss. Er spricht ruhig. Sehr oft runzelt er die Stirn. Fragt die Minister ab, als seien sie Schulkinder, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Die Minister schauen dann verschämt auf den Tisch oder nicken eifrig.

Der Eindruck, der transportiert werden soll: Es gibt keine Alternative zu Putin. Er kümmert sich um alles, sonst wird das nichts. Die Regierenden mögen unfähig sein, die lokalen Strukturen korrupt, er aber kämpft für das Gute. In den Umfragen ist das Vertrauen in Putin ungebrochen, das in die Regierung hingegen sinkt. Politik wird verachtet, Putin verehrt.

Was zählt da, dass in den vergangenen 16 Jahren wichtige Reformen ausgeblieben sind? Dass der Reichtum Russlands, abhängig von Öl und Gas, sich nun auflöst? Schuld sind immer die anderen (die er, Putin, doch selbst ins Amt geholt hat).

"So was wäre nicht möglich, wenn Putin es wüsste" ist ein Satz, der in Gesprächen über ihn unvermeidlich fällt. Der gütige Zar kann leider nicht in jeden Winkel des Riesenlandes hineinsehen, seine korrupten Diener verursachen daher allerhand Missstände. Aber wüsste der Zar davon, dann gäbe es bestimmt ein Donnerwetter.

Jedes Frühjahr läuft die Sendung "Direkter Draht". Dann hält Wladimir Putin Sprechstunde. Stundenlang dürfen Zuschauer aus dem ganzen Land anrufen und Fragen und Anliegen an den Präsidenten richten. Er antwortet allen live im Fernsehen. Mehr als drei Millionen Fragen an den Präsidenten! Doch was volksnah und spontan wirkt, trägt bisweilen Züge einer geheimdienstlichen Operation. Aus welcher Ecke Russlands ein Anruf zugeschaltet wird, bleibt bis zur Sendung geheim. In einem Erholungsheim nahe Moskau, so berichtete es die russische Onlineseite der Medienholding RBK, habe man Zuschauer zur heimlichen Generalprobe bestellt.

Wann ist die Wirtschaftskrise endlich vorbei? Warum bekommen die Arbeiter in der Fischfabrik von Sachalin keinen Lohn? Warum sind die Straßen in Omsk so marode? Putin hört zu, runzelt die Stirn, dann löst er Probleme. In Sendeminute 52 die erste frohe Kunde: Die Moderatoren teilen mit, die örtlichen Behörden in Omsk hätten versprochen, die Straßen auszubessern.

Auch Alexander Rylski hatte sich überlegt, eine Frage an den Präsidenten zu richten. "Warum blüht die Willkür der örtlichen Macht?" hätte sie lauten sollen. Weil er aber weiß, dass er darauf ohnehin keine Antwort bekäme, schrieb er dann doch nicht. Rylski ist kein Mann der Worte. Er ist ein Macher, der an diesem warmen Apriltag seinen Wagen aus Kursk hinaussteuert. Die Stadt liegt im Westen Russlands, umgeben von Weiten aus fetter, schwarzer Erde. Die Region hat alle Voraussetzungen, dass es ihr gut gehen könnte. Doch mitten in der Stadt steht eine Bronzeskulptur: Die russische Version des kleinen Mannes zieht ächzend einen schwer beladenen Karren, der Wegweiser zeigt in die Zukunft, unter den Rädern die Umrisse Russlands. Die Fracht besteht aus schweren Säcken, auf jedem ein Name: Kredite. Korruption. Steuern. Bürokratie. Die Welt des russischen Kleinunternehmers. So heißt die Statue denn auch "Der Unternehmer von heute". Bezahlt wurde sie von einer örtlichen Firma aus Kursk.

Rylski hört nicht auf, von Missständen zu erzählen. Die einzige Straße durch ein nahe gelegenes Dorf sei nicht einmal geteert, trotz föderaler Straßenbauprogramme. Das sei eine Strafmaßnahme gewesen, sagt kurz darauf ein Anwohner, weil die Dörfler gegen den Golfclub eines Machthabers gewesen seien, den dieser in der Nähe bauen wollte. Im Herbst verwandelt sich die Straße in dicken, schmatzenden Matsch, durch den sich allenfalls Traktoren kämpfen können.

Rylskis Geschichten handeln von Klüngeln und lokalen Politikern, die bei jeder Gelegenheit die Hand aufhalten. Vor allem treibt ihn seine eigene Geschichte um. Alexander Rylski hat auf Jahre Land gepachtet. Nicht viel – früher besaß er 110 Hektar, heute sind ihm 35 Hektar geblieben. Als der örtliche Machthaber wechselte, sollte Rylski den Pachtvertrag erneuern, obwohl der alte noch lief. Seitdem wartet er vergeblich auf seinen Vertrag und harrt aus, anstatt zu ernten. Mehrere Hektar liegen brach, und Alexander Rylski tobt: Wenn er drei Jahre lang das Land nicht bestellt, verliert er jeden Anspruch darauf. Rylski ist vor Gericht gezogen, er wütet gegen die Politik, aber was kann er machen? Am Ende tut er, was viele Russen tun in ihrer Not: Er schreibt an den Präsidenten. "Sehr geehrter Wladimir Wladimirowitsch", so endet sein Brief, "Sie sind meine letzte Hoffnung. Tun Sie etwas, um die Sache zu klären."

Die Jelzin-Jahre

Wie Alexander Rylski da vor seinem Haus im Dorf steht und aufgebracht diese Geschichte vorträgt, kommt ein junger Familienvater mit seinen Kindern vorbei, der für seine Arbeit auf dem Feld eines großen landwirtschaftlichen Unternehmens knapp 100 Euro im Monat bekommt, dann schlurft eine Babuschka die Straße herauf und stimmt in die Klage ein. Sie erzählt von ihrer Enkelin, die keine Arbeit finde trotz Hochschulabschlusses, sie jammert, sie selbst lebe nicht, sondern "über lebe", und das nach 42 Jahren Schufterei. Mit ihren 72 Jahren baut sie Kartoffeln an. Dann erwähnt jemand Putin, und sie verfällt ins Schwärmen: "So ein guter Mann!" Immerhin zahle er ihre Rente. Entgegnet man, die Rente stehe ihr nach 42 Jahren Arbeit doch redlich zu, sagt sie nur: "Aber Jelzin."

Boris Jelzin. Erster demokratisch gewählter Präsident Russlands von 1991 bis 1999. Putins Popularität ist nicht zu verstehen ohne die vorausgehenden Jelzin-Jahre.

Die 1990er waren für sehr viele Russen zehrend und bitter, trotz der Demokratisierung. Es waren die Jahre der Abwicklung der Sowjetunion und des drohenden Staatszerfalls. Skrupellose Privatisierung und historische Inflation. Unbezahlte Gehälter und ausbleibende Renten. Darbende Familien und bettelnde Alte. Grassierender Alkoholismus. Zuletzt Staatsbankrott.

An die Zeit unter Jelzin erinnern sich die Russen mit wachsendem Grauen, je mehr die Jahre vergehen. Jelzin war alt und krank, Putin wirkt jugendlich und viril. Über Jelzin lachte man im Ausland, Putin fürchtet man. Jelzin war dem Alkohol verfallen, Putin treibt Sport. Jelzin verursachte Chaos, Putin steht für Stabilität. Und: In den Jelzin-Jahren lag der Ölpreis am Boden – als Putin die Macht übernahm, stieg er. So folgten auf die wilden 1990er Jahre "die fetten 2000er Jahre", wie der Journalist Michail Sygar schreibt.

Unter Putin sind die realen Einkommen zunächst um mehr als das Dreifache gestiegen. In Jelzins Anfangsjahren hat der statistisch durchschnittliche Russe sein 60. Lebensjahr nicht erlebt. Heute werden die Russen wieder älter. Eine junge Mittelschicht ist entstanden, die ins Ausland reist und Autos aus dem Westen fährt. Sie wuchs mit der Erfahrung heran: Von jetzt an wird es uns besser gehen. Noch wirkt diese Erfahrung nach.

Von den Deutschen sagt man, sie seien eine Arbeitsgesellschaft, die sich über Beruf und Karriere definiere. Von den Franzosen sagt man, sie seien eine Gesellschaft, die den Genuss pflege. Was aber zeichnet die russische Gesellschaft aus?

Gleb Pawlowski ist Soziologe und ein Mann des Systems. Ob er das System erschaffen hat oder das System ihn, lässt sich nicht mehr genau sagen. Er war jedenfalls stets ein treuer Diener der Macht.

Pawlowski hat mit seiner Stiftung 1996 den Wahlkampf von Boris Jelzin unterstützt, dann, vier Jahre später, den von Putin, zuletzt half er 2008 Dmitri Medwedew. Er hat Konzepte dafür entworfen, wie man Medien beherrschen und Menschen manipulieren kann. Und er hat die Bezeichnung "Putinsche Mehrheit" erfunden: Diese Mehrheit besteht aus Bürgern, die in den neunziger Jahren viel verloren haben, häufig vom Staat abhängig sind (oft Rentner und Frauen) oder als Beamte für ihn arbeiten.

Heute fürchtet Pawlowski, dass die Putinsche Mehrheit tatsächlich zu einer "überwältigenden Mehrheit" geworden sei, wie im Kreml gern behauptet wird. Kürzlich las er in einer Broschüre der Regierungspartei den Satz: "Die Mehrheit irrt nie." Pawlowski selbst fiel vor fünf Jahren in Ungnade, weil er dagegen war, dass Putin entgegen der Verfassung ein drittes Mal als Präsident antrat und der Reformer Medwedew abdankte. Vieles von dem, was Pawlowski erdacht hat, bedauert er heute.

Pawlowski überlegt lange, dann antwortet er auf die Frage nach dem Charakter der russischen Sozialbeziehungen: "Wir Russen sind eine anonyme Gesellschaft. Mit anonymer Macht." Nie wisse man, wer worüber entscheide. Deshalb klagten die Geschäftsleute. Da werden Gesetze gemacht, überraschend geändert und Unternehmer bestraft. Oft sind die Anschuldigungen gegen sie eine Art kleine Erinnerung: Solange du nicht aus der Reihe tanzt, lassen wir dich in Ruhe. Vielleicht.

"Die Russen sind traumatisiert"

Die Unberechenbarkeit wird inszeniert, und sie verstärkt den Eindruck, nur einer könne Abhilfe schaffen: Putin. Bis er es geschafft hat, heißt es eben durchhalten. Die Krise ist eher ein chronischer Schmerz als ein pulsierender, man muss halt die Zähne zusammenbeißen. Und sparen, an allem.

Es ist ein regnerischer Augusttag in Moskau, als Wladimir Larionow vor dem Weißen Haus steht und sich mit Stolz daran erinnert, wie sie sich damals, vor 25 Jahren, zu Zigtausenden den Panzern entgegengestellt haben, als hier noch nicht die Regierung, sondern das Parlament saß. Die Bürger haben damals einen Putsch verhindert. Und jetzt? Ist kaum jemand da, um zu gedenken. Larionow begreift es nicht. Wofür haben sie denn gekämpft? Selbst sein 28-jähriger Sohn wolle nichts von dem wissen, was der Vater erzählt. "Wir führen Krieg in der Ukraine, in Syrien, aber meinen Sohn interessiert nur, dass wir Großmacht sind, dass man uns fürchtet. Warum nur? Ich hab ihn doch ganz anders erzogen. Vielleicht liegt es doch in unseren Genen?"

Das ist eine gängige Erklärung für Putins Anklang: Die Russen sehnten sich nach einer harten Hand. Die Literatur über die vermeintlich unterwürfige Natur der Russen reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Die Russen sind demnach ein Volk der Sklaven – so hört man auch Intellektuelle über die eigenen Landsleute reden.

"Unsinn", meint die Familienpsychologin Ljudmila Petranowskaja. Ihrer Ansicht nach quält die Russen ein posttraumatisches Belastungssyndrom, sie erkenne das als jemand, der täglich mit Traumatisierten zu tun hat. "Ihr Europäer versteht nicht, in welchem Ausmaß die Russen traumatisiert sind."

Man muss sich das vor Augen führen: Im 19. Jahrhundert litten die Russen unter Kriegen und Repressionen, Anfang des 20. Jahrhunderts folgten Revolution und Bürgerkrieg. Dann Stalin und der Große Terror, als sogar Freunde und Liebende einander denunzierten. Der Gulag, in dessen Lagern Millionen umkamen. Deutschlands Überfall auf die Sowjetunion 1941 mit Millionen Opfern. Im Jahr 1979 der Krieg gegen Afghanistan, der selbst dann noch geleugnet wurde, als Tausende sowjetischer Soldaten in Zinksärgen heimkehrten.

Die Pausen zwischen den Phasen mit dem hohen Blutzoll hätten selten länger als 20 Jahre gewährt, sagt Petranowskaja. So gut wie jede Generation war betroffen. Und nie gab es – anders als in Europa – für den gewöhnlichen Mann, die gewöhnliche Frau eine Möglichkeit zu entkommen. Zu fliehen. Die Ausreise in den Westen war ein Privileg weniger.

Petranowskaja hat ein Zentrum gegründet, in dem sie mit Eltern arbeitet, die Kinder adoptiert haben. Die meisten der angenommenen Kinder haben fürchterliche Gewalterfahrungen hinter sich, bevor sie ihre neue Familie fanden. Was sie an ihnen beobachte, sagt Petranowskaja, stelle sie auch an der russischen Gesellschaft fest: Äußerstes Misstrauen – sie sind überzeugt, für immer leiden zu müssen und zu nichts nutze zu sein. Es gibt Kinder, die sich so sehr an die Gewalt gewöhnt haben, dass sie sich ohne Schläge ungeliebt und unbeachtet fühlen. Diese Kinder nehmen ausgerechnet jene in Schutz, von denen sie misshandelt werden.

Menschen könnten Misshandlungen verkraften, sagt Petranowskaja, wenn es eine Hoffnung auf einen Ausweg gibt. Am schlimmsten sei es hingegen, wenn das Opfer nichts tun könne, wenn es kein Entkommen gebe, kein Korrektiv – etwa eine liebende Oma, zu der man am Wochenende fahre. Das, sagt Petranowskaja, sei die signifikanteste Eigenschaft totalitärer Systeme: Ganz gleich, was du tust, du entkommst der unerträglichen Situation nicht. Von dir hängt nichts ab.

Das heutige Russland sei nicht totalitär, sondern bloß eine "durchschnittliche Diktatur". Aber aus der "erlernten Hilflosigkeit" finde das Volk nicht heraus. "Wenn sich die Traumata aufeinanderschichten, ist es kaum möglich, sie loszuwerden."

Manchmal haben die Bürger aber doch genug. Weil sie seit Monaten keinen Lohn mehr erhielten, drohten Arbeiter einer Fabrik in Wladiwostok im März mit Hungerstreik. In einer anderen Fabrik schrieben sie in Lettern so groß wie ihre Verzweiflung aufs Dach: "Putin, rette die Arbeiter". Die Gehälter werden nun immerhin ausgezahlt, wenn auch in Raten. In Nowgorod trauten sich Studenten auf die Straße, als die Ermäßigung für ihre Fahrkarten gestrichen wurde. Die Sparmaßnahme wurde kassiert. In Krasnodar wollten Bauern in Treckern gen Moskau aufbrechen, sie wollten Putin von ihrer Verdrängung durch Mega-Betriebe erzählen. Der Kreml schickte einen Abgesandten, der Marsch wurde abgeblasen. Monate später findet er nun doch statt – und wurde noch in Rostow am Don, rund 1.000 Kilometer von Moskau entfernt, gestoppt; einige Bauern wurden festgenommen. In derselben Stadt traten Bergarbeiter in den Hungerstreik, weil sie seit Monaten kein Gehalt mehr bekommen haben.

Putin ist nie schuld

Die Proteste häufen sich in ganz Russland, aber sie fordern die Macht nicht heraus. Wird die Grenze des Erträglichen überschritten und geht eine Interessengruppe schüchtern auf die Straße, dann korrigiert der Kreml nach, der Miniaufstand fällt in sich zusammen, die alte Ordnung ist wiederhergestellt.

In der Sowjetzeit herrschte vertikale Kommunikation: Von oben hagelte es Befehle, unten wurden sie befolgt. Alle Versuche der horizontalen Kommunikation der Bürger untereinander wurden mit Gewalt unterbunden. Das setze sich heute wieder fort, meint Petranowskaja: Vertikal schlägt horizontal.

Kritische NGOs, Nichtregierungsorganisationen, die von ausländischem Geld leben, gelten als Feinde des Systems, als westliche Erfindung zur Destabilisierung Russlands. Es gibt Gesetze, die NGOs als "unerwünschte Organisationen" verbieten oder als Agenten des Auslands stigmatisieren. Selbst das Internet trachtet Putin zu kontrollieren, demnächst soll alle Massenkommunikation gespeichert werden.

Wo sich die Gesellschaft organisiert, weil der Staat versagt, schlägt dieser zurück. Als vor Jahren die Wälder bei Moskau lichterloh brannten und die Bevölkerung anfing, selber zu löschen, weil der Katastrophenschutz überfordert war, wurden diese stillen Anfänge einer freiwilligen Feuerwehr sogleich durch Gesetze unterdrückt.

Aus Sicht des Kremls ist es folgerichtig, die NGOs als Feinde zu bekämpfen: Eigeninitiative fordert seine Macht heraus, die sich auf Unmündigkeit gründet. "Sobald die Gesellschaft sagt: Wir schaffen es selbst, werden alle Initiativen gebremst und verboten", sagt Petranowskaja und erzählt von einer Frau, die ein Kind adoptiert hatte und sich damit sehr allein gelassen fühlte. Als Petranowskaja ihr deshalb vorschlug, sich mit anderen Eltern zusammenzutun, wiegelte die Frau verängstigt ab: Sie wolle auf keinen Fall Ärger.

In der Sowjetzeit gab es im Westen sogenannte Kreml-Astrologen, die rätselten, wer in der unergründlichen Welt der KPdSU Strippenzieher war und wer bloß Marionette. Man hoffte, dadurch etwas über das hermetische System zu erfahren, aber letztlich tappten diese Experten im Dunklen. Den Untergang der Sowjetunion sagten sie jedenfalls nicht voraus.

Auch Wladimir Putins Macht wird ausgedeutet, der Untergang des Systems erahnt, dessen Begrenztheit erkundet. Die einen glauben, dass schon bald das repressive Regime mit Putins Abgang kollabieren werde. Die anderen halten ihn lediglich für ein Symptom: Wenn Putin geht, trete eben die nächste Figur in den Vordergrund und setze die Heldensage fort.

Die Undurchsichtigkeit der Putinschen Herrschaftsform ist jedenfalls ihre Stärke. Sie löst noch die offenkundigsten Widersprüche auf: Wladimir Putin regiert, ist aber nie schuld. Er spricht vom Frieden, führt aber Krieg. Er gibt sich mächtig, aber doch schwach genug, um nicht verantwortlich zu sein. Er sagt offiziell der Korruption den Kampf an, aber seine engsten Freunde sind tief in Korruption verstrickt.

Ob die 82 Prozent nun, da die Wirtschaftskrise Russland so hart trifft, zusammenschmelzen? Kann sein, muss aber nicht sein. Gewiss ist nur: Putins Macht ist fragiler, als seine Anhänger glauben, und stabiler, als seine Gegner hoffen.

Mitarbeit: Lena Sambuk