Das erste Bild zeigt atemberaubende Gipfel, die mit dem Himmel zu verschmelzen scheinen. Bauern tragen Gemüsekörbe über kunstvoll terrassierte Felder. Der Wind wiegt einen Vogel auf seinem Ast. Nur die wehmütige Musik kündigt Irritation an. Dann sieht man eine blonde, junge Frau, deren Blick über den Himalaya schweift. Sie schluchzt: "Wie konnte das alles passieren?" Es ist Irja von Bernstorff, die Autorin des ungewöhnlichen Dokumentarfilms The Farmer and I und eine seiner Hauptfiguren.

Eine Geschichte aus dem Land des Glücks beginnt mit Tränen? Wir werden verstehen, warum.

Bhutan, das abgelegene buddhistische Königreich weckte schon immer Sehnsüchte nach dem Shangri-La, jenem unberührten Utopia, wo die Menschen ganz im Frieden leben. Im Frieden mit sich, miteinander, mit der Natur. Seit einigen Jahren ist dieser Traum fest verankert. Eine staatliche Kommission prüft in dem kleinen Himalaya-Staat alle wirtschaftlichen Entscheidungen darauf, ob sie dem "Bruttonationalglück" dienen. Dieses ergibt sich aus der Summe von Natur- und Umweltschutz plus der Zufriedenheit der Bürger. Bhutan will einen anderen Weg in die Moderne gehen – und die von Finanz-, Klima-, Ressourcen- und Migrationskrisen zerrissene Welt schaut fasziniert zu. Zumindest jener wachsende Teil ihrer Bürger, der diese Krisen auch als Folge eines einseitig materiellen globalen Wirtschaftswachstums betrachtet.

Irja von Bernstorff gehört dazu. 2013 bricht sie mit ihrem Ehemann in den Himalaya auf, um das bhutanische Experiment zu dokumentieren, ja daran mitzuwirken. Bereits mit Reportagen über Solarenergie, Urbanisierung oder die Zukunft der Ernährung hat die 33-jährige Filmemacherin immer wieder Gespür für aufkommende Nachhaltigkeitsdebatten bewiesen. Mit ihrem neuen, sehr persönlichen Film zeigt sie jetzt besondere Klugheit und Mut.

Ihre "Verliebtheit" in das Land hätte sie dazu verführen können, eine Bruttonationalglücks-Idylle zu inszenieren. Und ja, von Bernstorff findet schöne Szenen für zivilisationsfluchtwillige Zuschauer. Sie zeigt, wie die Bauern fröhlich Boccia spielen, einfach mit Steinen. Sie beobachtet Schulkinder beim Morgengebet: "Möge unsere Verbindung im endlosen Kreislauf des Lebens stark sein". Doch ihr Film begnügt sich nicht mit Projektion. Vielschichtig hat von Bernstorff widersprüchliche Geschichten miteinander verwoben und mit ihrer eigenen.

Eine dieser Geschichten handelt von der Bauerntochter Dika. Gerade feiert sie in der Hauptstadt Thimphu ihre Abschlussprüfung, da ruft ihr Großvater auf dem Handy an. Seine Frau stirbt, Dika muss zurück aufs Land. Zerrissen zwischen alten und neuen Normen, verliebt sie sich dort in den Agrarberater Sangay. Beide entscheiden sich, im Dorf zu bleiben und den Bauern mit modernen Ökopraktiken einen Weg aus der Rückständigkeit zu weisen. Damit wollen sie ein Modell schaffen – für zwei Drittel der Bevölkerung in Bhutan.