Die Regierung der USA steckt in einem Dilemma, aus dem es scheinbar keinen Ausweg gibt: Die türkische Regierung fordert von Washington die Auslieferung Fethullah Gülens. Angeblich war Gülen an Versuchen beteiligt, den türkischen Staat zu unterwandern und schließlich am 15. Juli die Regierung zu stürzen. Gülen, ein türkischer Islamgelehrter, der eine weltweit aktive Bildungs- und Wohlfahrtsorganisation leitet, lebt legal in den Vereinigten Staaten. Er bestreitet, an dem Staatsstreich beteiligt gewesen zu sein. Es gibt nur wenig verlässliche Informationen über den ominösen "Gülen-Kult". Und dennoch haben die USA zwei gute Gründe, eine Auslieferung weiterzuverfolgen – zum einen geopolitische, zum anderen rechtliche und moralische.

Ich habe neun Jahre in der Türkei als Diplomat gedient und das Land kürzlich wieder besucht. Alle Türken, mit denen ich sprach, egal, ob für oder gegen Erdoğan, waren sich einig: Der Staatsstreich war für die Türkei das, was für Amerika der 11. September war; hinter dem Staatsstreich stecken Gülen und seine Bewegung; der Anführer hat sich dafür vor der türkischen Justiz zu verantworten.

Die türkische Regierung zwingt Washington eine Entscheidung zwischen Gülen oder dem Bündnis mit der Türkei auf. Selbst Türken, die dem Westen noch so freundlich gesinnt sind, vertreten die Ansicht: "Wir können keine Beziehung zu einem Verbündeten pflegen, der dem 'türkischen Osama bin Laden' Unterschlupf gewährt." Bedenkt man, welche Bedeutung das Nato-Mitglied Türkei angesichts der Bedrohungen hat, die uns von allen Seiten entgegenschlagen, braucht Amerika dieses Bündnis unbedingt.

Nun gibt es Zweifel an der Unabhängigkeit der türkischen Justiz und ein Dementi von Gülen selbst. Deshalb wünschen sich einige, dass die USA Gülens Menschenrechte über die realpolitischen Zwänge stellen. Aber diese Wahl wird möglicherweise gar nicht getroffen werden müssen. Falls die Türken vernünftige Beweise für Gülens Schuld vorlegen, können die USA argumentieren, sie hätten eine moralische und rechtliche Pflicht, ihn auszuliefern – schließlich habe er versucht, einen Verbündeten zu destabilisieren. Aus meiner eigenen Erfahrung heraus bin ich überzeugt, dass dieser Kult, der Gülen und nicht den staatlichen Behörden gegenüber loyal ist, tatsächlich existiert. Im Schatten von Gülens "öffentlicher" globaler Organisation haben seine Gefolgsleute junge Menschen dafür gewonnen, sich in den türkischen Verwaltungsapparat einzuschleichen. Ihre Ziele sind undurchsichtig, umfassen aber den Schutz von Geschäftsinteressen und die Förderung bürokratischer Karrieren von "Brüdern", das Sabotieren von Säuberungsmaßnahmen der türkischen Regierung und letztlich die Kontrolle des Staats.

In den neunziger Jahren machte Fethullah Gülen gemeinsame Sache mit einer weiteren türkischen Islambewegung, Milli Görüş ("Nationale Sicht"), die über Verbindungen zur Muslimbrüderschaft verfügt. Nachdem die Justiz Gülen beschuldigt hatte, einen islamischen Staat in der Türkei anzustreben, floh er in die Vereinigten Staaten – offiziell aus gesundheitlichen Gründen. Er verbündete sich mit Tayyip Erdoğan, der zuvor Milli Görüş nahegestanden hatte und nun eine neue Partei gründete, die AKP. Sie gewann 2002 die allgemeinen Wahlen und regiert seitdem unter Erdoğan das Land. Dass Gülenisten die Justiz, die Polizei und andere Staatsorgane unterwandert hatten, erwies sich als unbezahlbar für die eher lokal ausgerichteten AKP-Kader. So konnten sie diverse Organe von Staat und Wirtschaft gleichschalten. 2010 begannen Gülenisten aber, Erdoğan-treue Generale strafrechtlich zu verfolgen, dann nahmen sie seine engsten Verbündeten und seine Familie ins Visier. Ihr Ziel: der Sturz Erdoğans. 2013 reagierte Erdoğan, indem er die Justiz von Gülenisten säubern ließ.

Dass die Gülenisten auch das Militär unterwandert hatten, war seit Langem gemutmaßt worden, deshalb hatte Erdoğan für den August geplant, verdächtige ranghohe Offiziere ihrer Ämter zu entheben. Das war der Auslöser für den Staatsstreich im Juli. Viele ranghohe Offiziere führten diesen Putschversuch an, der alle Türken schockierte, weil auch Zivilisten angegriffen wurden.

Diese Geschichte ist allgemein bekannt. Worin also besteht das Problem, den zentralen Akteur – Fethullah Gülen – den türkischen Gerichten zu überstellen? Zunächst einmal erfordert eine Auslieferung Zeit. Anwälte der US-Regierung müssen einen amerikanischen Untersuchungsrichter mithilfe der von der Türkei vorgelegten Beweise von Gülens Schuld überzeugen. Doch hier fehlen bislang Unterlagen zu dem blutigen Staatsstreich, dem Anklagepunkt also, der am schwersten wiegt. Die Messlatte für eine Auslieferung liegt niedriger als bei einem strafrechtlichen Verfahren, aber im Auslieferungsabkommen zwischen den USA und der Türkei sind "politische Verbrechen" ausgenommen. Zudem bietet die amerikanische Rechtsprechung Gülen Möglichkeiten, die Auslieferung hinauszuzögern oder sogar ganz zu kippen. Aber angesichts der Dringlichkeit der türkischen Forderungen und der öffentlichen Empörung können die USA rasch mit nicht gerichtlichen Mitteln gegen Gülen vorgehen, etwa Ermittlungsverfahren, Steuerprüfungen und Visaauflagen. Ein derartiges Vorgehen könnte die Türken beschwichtigen, neue Aktionen der Gülenisten verhindern und das Vertrauen zwischen beiden Seiten während des laufenden Auslieferungsverfahrens wieder stärken.

Aus dem Englischen von Matthias Schulz