Während in Europa der Zweite Weltkrieg tobt, boomt in Amerika die Wirtschaft, wie zu erwarten vor allem die Kriegswirtschaft. Was keiner erwartet hat: Auch die Kinderbetreuung boomt, und beides hängt miteinander zusammen. An der Westküste entstehen 1943 auf Werftanlagen regelrechte Kinderparadiese – wenn man so will als Nebenprodukt von Transportschiffen, mit denen die amerikanischen Soldaten in die Schlacht fahren. Es sind Kindertageszentren, deren pädagogischer Ansatz so bahnbrechend ist, dass man sich fragen kann, ob Heraklit nicht recht gehabt hat, als er den Krieg als Vater aller Dinge bezeichnete.

Der Hintergrund ist: Je länger damals der Weltkrieg dauert und je bedeutender der amerikanische Einsatz wird, desto mehr Männer sind an der Front, und die Frauen müssen in die Männerjobs einrücken. Das ist auch in England so, wo Prinzessin Elizabeth als uniformierte Fahrerin unterwegs ist. Ihr amerikanisches Pendant ist Rosie the Riveter, Rosie die Nieterin, eine nationale Ikone im Blaumann mit Kopftuch. Nur in Deutschland verleiht man den Frauen noch Mutterkreuze, dort kann man stets auf eine ungeahnte Reserve von Zwangsarbeitern zurückgreifen.

Das Problem im Gefolge der Frauenarbeit, damals wie heute, ist die Betreuung der kleinen Kinder. Wohin mit ihnen? Die Geschichten von Kindern berufstätiger Mütter, die in Kinos übernachten, weil sie da wenigstens sicher sind, von Kindern, die nicht zur Schule gehen, weil sie auf kleine Geschwister aufpassen müssen, werden zuhauf erzählt. Der amerikanische Staat reagiert, indem er die Betreiber von Kindergärten unterstützt. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs gibt es in Amerika kriegsbedingt über 3.100 staatliche oder öffentlich geförderte Kinderbetreuungszentren. Je nach Schätzung sind sie für 600.000 bis 1,6 Millionen Kinder zuständig.

Eine herausragende Rolle spielen dabei die Kaiser-Werften in Portland (Oregon) und Richmond (Kalifornien). Henry J. Kaiser ist ein Industrieller und amerikanischer Vorzeige-Selfmademan: Sein Vater war Schuhmacher, er selbst beginnt seine Laufbahn in einem Damenoberbekleidungsgeschäft. Später baut er eine Firma auf, die Straßen in Kuba verlegt und Staudämme in seinem Heimatland errichtet. Die Kaiser-Werften gründet er 1939. Berühmt werden sie für ihr Tempo in der Massenproduktion. Einmal schafft es ein Team, in nur vier Tagen ein Kriegsschiff der Liberty-Klasse zusammenzubauen. Schiffe dieser Größe werden nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor dringend benötigt.

Als Kaiser ab 1943 immer öfter auf Frauenarbeit zurückgreifen muss, lädt er die besten Leute auf dem Feld der Kindererziehung auf seine Werften ein. Die Frage lautet: Wie lässt sich die Produktivität aufrechterhalten und den Müttern gleichzeitig die Sorge um die Sicherheit ihrer kleinen Kinder nehmen? Die Antwort: Die Kinder sollten vor Ort betreut werden, in der denkbar größten Nähe zu ihren arbeitenden Müttern.

Von Eleanor Roosevelt, der sozialreformerisch orientierten Frau des amerikanischen Präsidenten, wird Kaiser zum Bau seines modernen Modellprojekts ermuntert. Finanziell unterstützt ihn die US Maritime Commission. Bald werden 7000 Kinder in den Kaiser Child Service Centers in Portland und Richmond betreut, zu jeder Tageszeit, weil auch rund um die Uhr, eingeteilt in drei Schichten, auf der Werft gearbeitet wird.

Vor fünf Jahren ist nun an der Universität Berkeley in der Bibliothek des Institute of Governmental Studies die lange verschollen geglaubte wissenschaftliche Dokumentation dieses Projekts aufgetaucht. Sie zeigt: Nicht nur das Konzept, alles an den Zentren ist neu, die Architektur, die Spielgeräte, das pädagogische Fundament. Niedrige Waschbecken und kleine Toiletten sind Standard, jedes Kind hat seinen Schlafplatz. Das Essen ist gesund und frisch zubereitet.