Irgendwann war der Druck einfach zu groß. Eine gute Freundin, jahrelang überzeugte Nutzerin eines alten, internetunfähigen Nokia-Klotzes, hat sich dieser Tage ein Smartphone bestellt. Einzig und allein wegen: WhatsApp. Ihre Familie nutzt das Netzwerk täglich, Eltern und Geschwister tauschen Fotos aus oder wünschen einander einfach nur einen schönen Tag. Hinzu kommen die Gruppen im Freundeskreis, in denen Ausflüge organisiert oder Treffpunkte abgestimmt werden, und die WhatsApp-Gruppen der Schulklassen und Sportvereine, in denen Neuigkeiten so schnell und verlässlich die Runde machen wie bei keiner Telefonkette in den 1980er Jahren.

Ohne WhatsApp geht es nicht mehr. Es ist der praktische, kostenlose und zuverlässige Ersatz für SMS und Telefonate. Doch wer sich in dem Netzwerk einmal verfangen hat, der kommt davon nicht mehr los – ohne befürchten zu müssen, zukünftig etwas zu verpassen. WhatsApp zu nutzen mag gratis sein. Es nicht zu nutzen hat soziale Kosten.

Deswegen kann es sich das Unternehmen leisten, ein Versprechen zu brechen, das sein Gründer Jan Koum den Nutzern 2014 gegeben hat. Damals verkaufte er das Netzwerk für rund 20 Milliarden Dollar an Facebook – oder vor allem: seine 500 Millionen Nutzer, die schon damals Tag für Tag Milliarden von Nachrichten und Hunderte Millionen Bilder austauschten. Ihnen sicherte Koum zu, dass er ihre Daten niemals an irgendjemanden weitergeben werde. Daran ändere auch die Übernahme durch Facebook nichts.

Jetzt aber erlaubt WhatsApp Facebook, bestimmte Daten seiner Nutzer zu verwenden, damit es seine "Facebook-Werbung und Produkterlebnisse verbessern" kann. Facebook verdient fast ausschließlich mit Werbung Geld, allein im zweiten Quartal dieses Jahres mehr als 6,2 Milliarden Dollar – ein neuer Rekord und etwa 60 Prozent mehr als im selben Zeitraum 2015. Die Daten von WhatsApp dürften Facebook für Werbekunden noch attraktiver machen – und damit noch ertragreicher.

Die Nutzer werden so noch gläserner. Zwar können sie verhindern, dass Facebook die WhatsApp-Daten für individualisierte Werbung nutzt. Gegen die Weitergabe selbst aber sind sie machtlos. Wer bisher noch glaubte, WhatsApp und Facebook seien besonders kundenfreundlich, weil kostenlos, der lernt spätestens jetzt eine der Grundweisheiten der Internetökonomie: Wenn es dich nichts kostet, bist du das Produkt.

Eine weitere ist: Je größer ein Netzwerk, umso schwieriger ist es, ihm auszuweichen. Denn natürlich gibt es Alternativen zu Facebook und zu WhatsApp. Threema zum Beispiel, das von anderen sozialen Netzwerken unabhängig ist, ohne Werbung funktioniert und an den Daten seiner Nutzer nicht interessiert ist. Hier ist die App das Produkt. Deswegen müssen Nutzer dafür einmalig zwischen zwei und drei Euro bezahlen, je nachdem, wo sie die App kaufen. Das ist wenig Geld, aber noch zu viel, und die 3,7 Millionen Threema-Nutzer sind zwar viele, aber noch zu wenige, um WhatsApp mit seinen mehr als eine Milliarde Nutzern Konkurrenz zu machen.

Wer bei WhatsApp bleibt, kann deswegen nur hoffen, dass sich nicht noch eine weitere Grundweisheit der Internetökonomie bewahrheitet. Sie lautet: Die Politik kommt immer zu spät. Dieses Mal wäre es wünschenswert, wenn die Politiker schnell auf die zahlreichen Beschwerden von Datenschützern hören und WhatsApp Grenzen aufzeigen. Nur wenn Nutzer explizit zustimmen, sollte WhatsApp ihre Daten weitergeben dürfen. Selbst wenn die Alternative wäre, für WhatsApp wie früher wieder rund einen Euro pro Jahr zu bezahlen. Es wäre gut angelegtes Geld, würde Alternativen wie Threema konkurrenzfähiger machen. Und es wäre trotzdem immer noch billiger als die vielen SMS, die wir uns im Zeitalter der Nokia-Klötze schicken mussten.