Darum ist alles nicht so schlimm:

1. So dramatisch, wie alle meinen, haben die Volksparteien nicht verloren. "Klatsche", "Wahldesaster" – tatsächlich? Die CDU hat in Mecklenburg-Vorpommern, im Vergleich zur vergangenen Wahl, vier Prozentpunkte verloren. Das ist viel. Aber es ist kein Weltuntergang. Und die SPD hat an absoluten Stimmen, im Vergleich zur vorherigen Wahl, sogar zugelegt. Vielleicht merken die Wähler der Volksparteien erst jetzt wieder, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Erwin Sellering jedenfalls schwärmte am Sonntagabend von der "liebevollen Unterstützung", die er erfahren habe.

2. Gutes Regieren wird sehr wohl belohnt. Die SPD stand noch vor Monaten miserabel da in Mecklenburg-Vorpommern. Und vor ein paar Wochen drohte die AfD dort stärkste Kraft zu werden. Seit die Sozialdemokraten im Nordosten stolz von ihren Regierungserfolgen erzählen – das nennt sich Wahlkampf! –, stiegen ihre Umfragewerte aber Woche für Woche (siehe auch den Text über Erwin Sellering rechts auf dieser Seite). Das heißt, dass die Wähler es sehr wohl honorieren, wenn gut regiert wird.

3. So ein richtiger Rechtsruck ist das doch gar nicht. Tatsächlich ist das konservative Lager im neuen Schweriner Landtag sogar in der Minderheit. Gemeinsam kommen CDU und AfD auf 39,8 Prozent der Stimmen. SPD und Linke haben vier Prozentpunkte mehr erreicht – und damit mehr als die Hälfte, nämlich 37 der insgesamt 71 Sitze. Eine linke Mehrheit.

4. Der Osten wählt nicht mehr braun. Wer jetzt empört ist über das Wahlergebnis im Norden, der sollte sich an das Jahr 2004 erinnern. Damals zog die NPD mit 9,2 Prozent der Stimmen in Sachsens Landtag ein. Zwei Jahre später schaffte es die Partei mit 7,3 Prozent auch in den Schweriner Landtag. Rechtsextremisten im Parlament: Das war eine Zumutung. Heute hat die NPD kein einziges Landtagsmandat mehr.

5. Die Ostdeutschen wählen wieder! Es hat in den vergangenen Jahren nach jeder Wahl immer dieselben Debatten gegeben: Warum, um Himmels willen, wählt der Bürger nicht mehr? Das ist Geschichte: Nun gaben in Mecklenburg-Vorpommern 61,6 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. In Sachsen-Anhalt stieg die Wahlbeteiligung von 44,4 Prozent (2006) auf 61,1 Prozent. Lorenz Caffier, CDU-Spitzenkandidat in Mecklenburg-Vorpommern, sagte jetzt, nach seiner Wahlniederlage: Auch wenn die AfD profitiert habe, sei er als Ostdeutscher glücklich, dass die Menschen wieder wählten. Das war sehr mutig – und sehr richtig.

6. Politiker trauen sich, wieder ehrlicher zu sein. Am Wahlabend von Schwerin ließ sich etwas Besonderes beobachten: Alle Politiker waren ziemlich schonungslos, gerade mit sich selbst. Gut, CDU-Spitzenkandidat Lorenz Caffier begründete seine Niederlage mit Angela Merkels Flüchtlingspolitik. Aber damit hatte er ja nicht unrecht. Sogar CDU-Generalsekretär Peter Tauber gab in Berlin unumwunden zu, dass die Wahl durch Bundespolitik bestimmt gewesen sei. Das hieß auch: Wir in Berlin sind selbst schuld.

7. Die Parteien lernen, dass sie die AfD nicht weg-ignorieren, sondern nur wegdiskutieren können. Es sollte eine provokante Geste sein: Kurz nach 18 Uhr am Sonntag stand AfD-Chefin Frauke Petry in einem Fernsehstudio und hielt Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) die Hand hin. Man könne sich doch die Hand reichen, sagte Petry dazu. Schwesig reagierte nicht. Die Sache ist: Die AfD gefällt sich in ihrer Rolle als Ausgestoßene ganz gut. Schon später am Abend sagte Schwesig, dass die totale Ausgrenzung einer Partei, wie man sie bisher mit der NPD praktiziert habe, keine Option für die Zukunft sei. Und diese Erkenntnis ist wichtig: Gegenüber AfD-Abgeordneten hilft nur gnadenlose, direkte und offen praktizierte Freundlichkeit im Umgang – sowie gnadenlose, direkte und offen praktizierte Härte im Argument.

8. Wenn es eine moderate und eine radikale Option gibt, wählen die Leute lieber die moderate. Eine Sehnsucht nach Radikalität ist aus dem Wahlergebnis in Mecklenburg-Vorpommern nicht abzulesen: Selbst Menschen mit bedenklichem Weltbild wählen lieber AfD als NPD, wenn sie ihren Protest ausdrücken wollen. Vielleicht erkennt die AfD gerade deshalb, dass sie auf Dauer nur Erfolg haben kann, wenn sie bürgerlicher wird – und sich von Radikalen trennt. Die Linke indes leidet nicht nur darunter, dass Wähler zur AfD abwandern – sondern auch darunter, dass viele im Norden der SPD wesentlich bessere Politik zutrauen.

9. Erstmals hat das Warnen vor der AfD etwas genützt. Es war die SPD, die die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern am meisten vor der AfD warnte – und zugleich eine kritische Rolle in der Flüchtlingskrise einnahm. Es war dann auch die SPD, die mit 30,6 Prozent der Stimmen die mit Abstand stärkste Kraft wurde. Ihr Trick: zwar vor der AfD zu warnen – ihren Sympathisanten aber keine Vorwürfe zu machen. Offenbar funktioniert das.

10. Jetzt müssen alle liefern. Vor allem die Neuen. AfD-Wähler sind nicht genügsam. AfD-Wähler können nerven. Das wissen die Abgeordneten der Partei am besten. Schon kurz nach dem Einzug der AfD in den Magdeburger Landtag wollten die Wähler wissen, was denn schon passiert sei. Die AfD muss sich jetzt erst einmal beweisen. Und die anderen Parteien werden ihr Tag für Tag zeigen, dass viel reden das eine ist. Parlamentsarbeit aber das andere.