Nach dem Auftritt von Melanie Halle ruft die Menge nach einer Zugabe. Bald darauf dann kommt Björn Höcke. Der Thüringer AfD-Chef soll eigentlich nur ein Grußwort sprechen, aber es gerät zu einem Exzess aus Pathos und Wut.

"Ihr habt das für Deutschland getan", sagt, nein: brüllt Höcke. "Und ihr habt gesiegt!", gegen die Altparteien, gegen die "Kanzlerdiktatorin". Höcke lässt die Menge skandieren: "Merkel muss weg!"

Doch wer käme nach Merkel, fragt Höcke: "Der verbitterte Mann" aus dem Finanzministerium? Oder die "Flintenuschi" aus dem Verteidigungsministerium? "Liebe Freunde", ruft Höcke, "es kann doch gar keinen Zweifel geben, die Mecklenburger und die Pommern sind Teil des deutschen Volkes! Und das deutsche Volk ist ein geduldiges und gutmütiges Volk." Aber "wenn so ein geduldiges und gutmütiges Volk so eine junge Partei mit diesem Ergebnis in den Landtag von Schwerin hineinkatapultiert, dann ist das nichts anderes als eine parteipolitische Revolution!"

Tosender Applaus. Die Lautsprecheranlage übersteuert, wenn Höcke spricht.

Höcke: "Die Altparteien haben dieses Land gegen die Wand gefahren, und sie müssen den Kelch der Verantwortung bis zur bitteren Neige leeren!" Die AfD halte sich bereit. "Das Bürgertum, das es in Deutschland noch gibt, läuft zu uns über."

Leif-Erik Holm, der Spitzenkandidat in Mecklenburg-Vorpommern, der so gerne jedermanns Liebling sein möchte, ringt sich keinen Kommentar zu Höckes Gepöbel ab. Auch Frauke Petry nicht. Ebenso wenig André Poggenburg, Fraktionschef von Sachsen-Anhalt und Mitglied im Bundesvorstand, der kurz nach Höcke die Bühne betritt.

Man muss also zu dem Schluss kommen, dass es gewollt ist, jedenfalls hier, jedenfalls an diesem Abend: auf der Grenze zu balancieren und immer mal wieder einen Schritt in die Sphäre der politischen Verwilderung zu wagen. Und man muss konstatieren, dass den AfD-Mitgliedern auf der Wahlparty gerade deshalb der Kompass verloren geht. Was ist sagbar und was nicht? Was ist scharfe Kritik, was Hetze? Und man fragt sich, was nun eigentlich die AfD sein will, eine bürgerliche oder eine bösartige Alternative?

Die AfD ist so schwer zu fassen, weil sie nicht durchgehend rechtsradikal ist, aber trotzdem immer wieder die Grenzen des politischen Anstands überschreitet.

Gegen Mitternacht, der Eingang ist längst geschlossen, auf dem Grill verkohlen die letzten Steaks, gebieten die AfD-Leute den Journalisten, nun bitte die Veranstaltung zu verlassen: Man wolle unter sich sein. Einer, der ab sofort für die AfD im Landtag sitzen wird, untersagt der Presse, das Gastronomiepersonal anzusprechen.

Das könnte daran liegen, dass hier ein weiterer Widerspruch existiert. Das Restaurant Schlossbucht 19 gehört nämlich einem Einwanderer mit aramäischen Wurzeln, der für sich reklamiert, einst der erste Dönerverkäufer Schwerins gewesen zu sein. Seine "Remigration" hat die AfD offensichtlich nicht vorgesehen.