Der Befund hat etwas Symptomatisches: Die Kanzlerin sei gut zu verstehen gewesen, aber sie sei "halt sehr weit weg gewesen", sagte ein Teilnehmer der CDU-Vorstandssitzung, die sich Anfang der Woche damit befassen musste, dass die Union zum ersten Mal bei einer Wahl hinter der AfD geblieben war. Merkel hatte die Niederlage aus China verfolgt und war deshalb zugeschaltet worden. Sie war zu hören, aber nicht zu spüren. Da und dennoch weg.

Das Wahlergebnis von Mecklenburg-Vorpommern kam nicht überraschend, in der CDU hat es trotzdem einen Schock ausgelöst. Denn die Symbolik ist aus Sicht der Kanzlerin niederschmetternd: Die Niederlage kam exakt ein Jahr nach ihrer Entscheidung, die Grenzen für Flüchtlinge nicht zu schließen. Und ein Jahr vor der nächsten Bundestagswahl.

Zum ersten Mal macht sich ein Überdruss an Angela Merkel bemerkbar

Nun ist die Rede von einer Kanzlerinnendämmerung. Das mag übertrieben sein. Natürlich ist ein Jahr vor einer Bundestagswahl nichts entschieden. Aber dass so viel offen ist, ist spektakulär genug. Merkels Ansehensverlust ist immens, fast erinnert ihre Situation an die Anfänge ihrer Karriere. Auch damals galt sie als Fremde, als jemand, der von außen kommt. Mit dem Satz "Sie kennen mich" gewann Merkel ihre letzte Bundestagswahl. Es war das Versprechen, dass alles so bleibt, wie es ist. Nun muss sie Sätze sagen wie: "Wir haben niemandem etwas weggenommen." Von der Garantin des Wohlstands zur Frau, die im Verdacht steht, das Erbe zu verschleudern. Ihr Ende ist das noch nicht. Aber nach Jahren, in denen sie unangreifbar schien, macht sich zum ersten Mal ein Überdruss an Merkel bemerkbar, der nicht nur auf ihre politischen Gegner beschränkt ist.

Sie könne nichts versprechen, was nicht zu halten sei. So hat Merkel begründet, warum es keine Grenzschließung, keine Obergrenze geben könne. Als Regierungschefin werde sie eben nicht an Ankündigungen gemessen, sondern daran, was sie umsetze. Genau das passiert jetzt.

Und die aktuelle Bilanz vieler Bürger fällt skeptisch aus. Es kommen zwar weniger Flüchtlinge, aber rund 300.000 sind ja nicht wenig, nur weniger als letztes Jahr. Die sozialen und finanziellen Kosten des Ausnahmejahrs 2015 werden jetzt spürbar. Auch deshalb dürfte es sich bei der AfD nicht um eine politische Eintagsfliege handeln wie bei anderen Neuparteien. Sie ist keine Ein-Thema-Partei wie die Piraten. Sie ist eine Gefühls- und Stimmungspartei, die vom Verlust des Vertrauens in die Etablierten lebt.

Nun tut die CDU so, als sei die AfD gar nicht ihr Problem allein, sondern das aller Parteien. Das stimmt und stimmt doch nicht. Denn die Flüchtlingspolitik, die zum Katalysator einer vagabundierenden Wut geworden ist, ist so persönlich mit Merkel verbunden wie einst die Agenda 2010 mit Gerhard Schröder. Und wie bei der Agenda bekommt der rückwärtsgewandte Streit über einzelne Kanzlersätze langsam neurotische Züge. Merkels Beharren gewinnt derweil einen pampigen Unterton.

Was kann sie tun? Nicht wieder als Kanzlerkandidatin antreten? Merkel hat an Ansehen verloren, aber in der CDU/CSU verfügt niemand über größere Autorität. Würde sich die Union geschlossen hinter einem anderen Kandidaten versammeln, hieße der nun Seehofer, Schäuble, von der Leyen oder de Maizière? Kaum. Wären die Probleme damit gelöst? Auch nicht.

Sollte Merkel mehr auf die Ängste eingehen, von denen nun so viel die Rede ist? Auch das ist wenig erfolgversprechend. Es sind nämlich längst nicht alle AfD-Wähler sozial "abgehängt", wie es immer heißt. Etliche treibt keine existenzielle Angst, sondern eher die Sorge, kulturell und habituell in die Defensive gedrängt zu werden.

Merkel hat den wachsenden Einfluss der Außenpolitik und der Globalisierung so früh erkannt wie wenige deutsche Politiker, aber sie hat diesen Zusammenhang nie wirklich vermittelt. Sie hat die Deutschen beruhigt und sanft gelenkt, aber sie hat ihnen nie etwas abverlangt. Nun führt daran kein Weg mehr vorbei.

Wenn Merkel also wieder antritt, dann richtig: weder als Trösterin der Ängstlichen noch als Rechthaberin in eigener Sache. Sie könnte das tun, indem sie gerade denen, die sich für konservative Patrioten halten, etwas abverlangt: Raus aus der Nörgelecke, stattdessen ab sofort das Beste aus einer schwierigen Situation machen, solidarisch sein mit denen, die sich für das Land abrackern. Dazu braucht es allerdings mehr als Beharren und das Wiederholen alter Sätze.

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