In Anklam kämpfen Jugendliche gegen Neonazis. Ein Besuch im Jugendzentrum Demokratiebahnhof.

Der Bahnhof von Anklam ist trostlos, Eingangstor eines Ortes, der als Hauptstadt der Nazis gilt. Wer hier, kurz vor Usedom in Vorpommern, aus dem Zug steigt, hat den Kopf voll dunkler Bilder: von aufmarschierenden Rechten; von Neonazis, die Punks durch die Stadt jagen; von Gewalttätern, die Ausländer schwer verletzen. Die Chronik des Schreckens ist lang.

Wer nach Anklam fährt, erwartet nichts Gutes. Und doch empfängt der Bahnhof die Ankommenden mit einer Überraschung. Das alternative Jugendzentrum Demokratiebahnhof ist das Erste, was man hier sieht – noch vor dem NPD-Plakat auf dem Bahnhofsvorplatz.

Vor ein paar Wochen kamen dort 2.000 Menschen zu einem Konzert gegen Rechtsextremismus zusammen. Auf der Bühne der Rapper Marteria, die Punkband Feine Sahne Fischfilet und Campino von den Toten Hosen. "Nazis abwählen" hatten die Jugendlichen des Demokratiebahnhofs auf ein Transparent geschrieben und es weit oben, am Giebel das Gebäudes, befestigt. Die Studentin Klara Fries, die das Jugendzentrum vor drei Jahren mitgegründet hat, stand mit Tränen in den Augen am Mikro: "So was hat Anklam noch nicht erlebt!"

Wenige Tage später gingen die Menschen in Anklam wählen. 26,2 Prozent gaben ihre Stimme der AfD (die damit vor SPD und CDU liegt), 9,3 Prozent wählten NPD.

Seit den 1990er Jahren haben NPD, rechte Kameradschaften und die autonomen Nationalen professionelle Strukturen in der Stadt aufgebaut. Hier gibt es die Parteizentrale des NPD-Landesverbandes, eine Nationale Bibliothek, einen Naziladen und einen rechtsextremen Pflegedienst. Die NPD macht Sozialberatung für Hartz-IV-Empfänger, organisiert Jugendlager und Kinderfeste und ist trotz der starken AfD so etabliert in der Stadt, dass sie kaum jemanden fürchten muss.

Seit der Wende hat Anklam ein Drittel seiner Bewohner verloren, nur noch rund 13.000 sind geblieben, 15 Prozent sind arbeitslos. Die Jungen, viele Frauen, sind gegangen, die gut ausgebildeten, klugen – und mit ihnen die Zivilgesellschaft, die für ihre demokratischen Rechte kämpft. Allein von den Anklamer Abiturienten verlassen jedes Jahr 95 Prozent die Stadt. Kaum einer widerspricht hier, wenn die Rechtsextremen Anklam als "national befreite Zone" bezeichnen. In den Pausen der Stadtratssitzung sitzen die NPD-Vertreter mit CDU-Abgeordneten gemeinsam am Kaffeetisch.

Der Demokratiebahnhof

Dass es hier einen Demokratiebahnhof gibt, ist für die Rechten eine Provokation. "Regelmäßig kommen Nazis vorbei. Gucken, was los ist. Wer da ist. Die machen nichts, sagen nichts. Aber es ist klar, dass wir nicht vergessen sollen, dass sie das hier als ihr Revier betrachten", sagt Klara Fries. Sie ist 23 Jahre alt, eine schmale Frau mit blonden Dreadlocks und Undercut. Ohne die Lehramtsstudentin aus Greifswald gäbe es den Demokratiebahnhof nicht. Dreimal die Woche fährt sie die 40 Kilometer von Greifswald nach Anklam, um ehrenamtlich mit den Kindern und Jugendlichen Zäune zu bauen, Fahrräder zu reparieren, zu kochen oder einfach nur zu reden. Genau wie die zehn anderen jungen Erwachsenen, die sich hier engagieren und nicht in Anklam wohnen. "Ich bin in Vorpommern aufgewachsen", sagt Klara Fries. "Von Anklam hieß es immer, dass die Stadt verloren sei. Ich will dem was entgegensetzen."

Kurz nachdem der Demokratiebahnhof eröffnet wurde, tauchte in einer NPD-Pressemeldung Klara Fries’ Name auf. Vor ein paar Wochen brannte der Kleinbus, mit dem Fries und die anderen Studenten oft von Greifswald nach Anklam fahren. An allen vier Reifen fand sich Brandbeschleuniger. "Ich nehme das schon sehr ernst, klar. Alles andere wäre naiv", sagt Klara Fries. "Aber wenn ich mich jetzt einschüchtern lassen würde, hätten die gewonnen."