Kein amerikanischer Präsident ist so intensiv mit der Kamera beobachtet worden wie Barack Obama. Mehr als 600 Bilder macht Pete Souza, der Cheffotograf des Weißen Hauses, jeden Tag von Obama, fast 20.000 im Monat. Der 62-Jährige begleitet den Präsidenten den ganzen Tag, auch auf Reisen und sogar im Urlaub. Obama hat sich so sehr an diese Dauerpräsenz gewöhnt, dass er Souza schon als Teil seiner Familie betrachtet, wie er einmal sagte.

Barack Obama ist auf Souzas Bildern ein Schauspieler seiner selbst, ein Präsident im Livestream, er sendet sich ständig selbst über die Internetdienste Flickr und Instagram in die Welt, kostenlos zugänglich für jeden zu jeder Zeit.

Zu sehen sind heitere, fast schwerelose Augenblicke mit der Familie, aber auch bewegende Momente mit heimkehrenden Soldaten. Oder ein Foto des Präsidenten, der seinen Beratern zuhört, lässig hingegossen auf einer Treppe.

Es sind Bilder, die einen Mann mit Macht zeigen, der diese Macht aber nicht zur Schau stellt. Die extrem männliche Selbstinszenierung eines Wladimir Putin ist ihm fremd. Es ist, als ob Obama, der schon zu Beginn seiner Präsidentschaft den Friedensnobelpreis erhielt, mit seiner Selbstdarstellung zur weltweiten Deeskalation beitragen möchte. Als wolle er sagen: Auch dieses Amt ist machbar, man kann darin Mensch bleiben.

Pete Souza, der früher als Fotojournalist für die Chicago Tribune, für National Geographic und das Life Magazine arbeitete, hat mit dem Sujet Obama einen neuen Stil erfunden. Eine Mischung aus Kunst und Politik: Seine Bilder sind intim und cineastisch, natürlich und inszeniert zugleich. Das Wirken des Politikers wird zu einer schier unendlichen digitalen Bilderserie, die den Betrachter nicht nur an den Szenen teilhaben, sondern sie auch als etwas Großes erleben lässt: das Leben und Wirken des mächtigsten Mannes der freien Welt als sorgsam kontrolliertes Bild, so spontan manche Fotos auch scheinen mögen.

Schon im ersten Präsidentschaftswahlkampf nutzte Obama die sozialen Netzwerke, um die Menschen direkt anzusprechen. Jetzt dient Obamas transparentes Leben als visuelle Homestory, der man jederzeit folgen kann.

Pete Souza, der mit seinem Team fast ein Monopol auf die Darstellung des Präsidenten hat, weil andere Fotografen nur selten ins Weiße Haus gelassen werden, lernte Obama 2005 kennen. Drei Jahre begleitete er den damaligen Senator im Auftrag der New York Times. Daraus entstand ein Buch (The Rise of Barack Obama), das in den USA zum Bestseller wurde und auch Obamas Interesse an Souza weckte.

Einen offiziellen Fotografen gibt es im Weißen Haus bereits seit Präsident John F. Kennedy. Nie zuvor aber hatte der Fotograf einen solch unmittelbaren, permanenten Zugang – und vergleichbare Ressourcen. Pete Souza arbeitet mit einem ganzen Team von Fotografen und Bildredakteuren. Ihr Büro liegt im ehemaligen Friseursalon im Westflügel des Weißen Hauses, wenige Flure vom Oval Office, dem Arbeitszimmer des Präsidenten, entfernt.

Das Team produziert nicht nur eine große Menge an Bildern, es bereitet sie auch für die Archivierung vor. Alle Motive werden für künftige Generationen gespeichert, sei es im Nationalarchiv oder in der Präsidentenbibliothek. Für Souza ist das Geschichtsschreibung mit der Kamera. "That’s for history", sagt er.

Aber selbst im Weißen Haus sind die historischen Momente eher selten, und nur wenige Bilder, die der Fotograf von Obama gemacht hat, sind für die Geschichtsschreibung relevant. Ein Motiv jedoch sticht heraus. Es zeigt den Präsidenten im Situation Room des Weißen Hauses, der Kommandozentrale für militärische Einsätze. Aufgenommen wurde das Foto in dem Moment, als US-Soldaten in Pakistan den Terrorführer Osama bin Laden erschießen. Obama wird vor dem Bildschirm Zeuge einer Operation, die er selbst angeordnet hat, und Souza wird mit der Kamera Zeuge des Entsetzens, das sich in den Gesichtern der Verantwortlichen zeigt. Ob diese Szene authentisch ist, lässt sich nicht belegen, aber offensichtlich ist, dass Obama keine Einwände hatte, in einem derart drastischen Moment so menschlich gezeigt zu werden – auch das ist Teil der Inszenierung.