Es ist der Nachmittag des 13. Augusts, als in Biel Remo Längs Telefon klingelt. Auf dem Display sieht er die Nummer eines Kollegen.

"Hey", sagt Läng, "kommt ihr vorbei, bisschen von der Autobahnbrücke springen?"

"Remo, weißt du es noch nicht?"

"Nein, was denn?"

"Der Severin ist tot."

Remo Läng, ein Mann wie ein Bär, auf dem Unterarm die chemische Formel für Adrenalin tätowiert, "C9 H13 NO3", haut selten was um. Aber in diesem Moment, sagt er später, sei er froh gewesen, dass er auf einem Stuhl saß. Schweigend legt er auf, öffnet die Facebook-App und scrollt über das Profil seines Freundes. "Fly free, Severin" steht da bereits. Und: "Jetzt musst du nie mehr landen." Remo Läng tippt: "Es war mir eine Ehre, mit dir zu fliegen. Der nächste Flug ist für dich!"

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 38 vom 8.9.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Remo Läng, 40, und Severin Ott, 23, hatten denselben Traum: fliegen. Gemeinsam kletterten sie auf Berge und sprangen von senkrechten Felswänden in die Tiefe. Sie rasten in ihren Flügelanzügen an Baumwipfeln und Felsnasen vorbei, 180 km/h schnell, und lachten der Schwerkraft ins Gesicht. Jetzt ist Severin Ott tot. Und Remo Läng muss damit leben.

Fast ein Dutzend Basejumper starb in den letzten drei Wochen. In Lauterbrunnen krachte der Star der Szene, Uli Emanuele, bei der Landung in die Wiese eines Bergbauern. Im Kandertal streamte ein Springer seinen Todesflug live ins Internet. Nachdem er aufgeschlagen war, hörte man im Hintergrund nur noch Kuhglocken bimmeln. Jeder dieser Toten hatte Freunde, die selbst springen. Manche, auch Freunde von Severin Ott, hörten nach dessen Tod auf zu fliegen. Remo Läng hat keine Sekunde daran gedacht.

Zwei Wochen nach dem Tod seines Freundes stapft er über die Startbahn des Flughafens Triengen am Sempachersee. In der Ferne leuchten die Berner Alpen. Es ist der Tag der Beerdigung, neun Uhr morgens, aber Remo Läng wird nicht hingehen. Er startet bei den Schweizer Meisterschaften im Wingsuitfliegen. "Wingsuiten", wie Läng sagt, funktioniert wie Basejumpen, nur springen die Sportler aus dem Flugzeug, nicht von der Felswand. Sechs Sprünge an zwei Tagen, wer die besten Wertungen erhält, gewinnt.

Herr Läng, warum fahren Sie nicht zur Beerdigung Ihres Freundes?

"Ich wollte den Wettkampf verschieben lassen, aber es ging nicht."

Ist der Tod eines guten Freundes nicht wichtiger als der Sieg bei einer Schweizer Meisterschaft, die Jahr für Jahr stattfindet?

"Der Severin hätte gesagt: Geh fliegen, Remo! Ich springe heute für ihn."

Glauben Sie nicht, dass Sie die Entscheidung irgendwann bereuen?

"Dass ich nicht gehe, hat auf traurige Art auch etwas Gutes: Ich könnte das psychisch kaum aushalten."

Wenige Kilometer entfernt, in Stans, huschen kurze Zeit später ein paar Jungs mit Basecaps in die Dorfkirche. Dumpf schließt hinter ihnen die Pforte. Severin Ott lächelt als Schwarz-Weiß-Foto vom Altar. Grübchen in den Wangen, Schalk in den Augen. "Wir wollen den Wert eines Lebens nicht nach dessen Länge bemessen", ruft der Pfarrer. "Sondern nach der Intensität." Dann startet er einen CD-Player. Rapmusik hallt durch die Kirche. Die Trauernden lauschen: vorne die Eltern, in der Mitte die Dörfler – und in den letzten Reihen nicken die Jungs mit den Schildmützen zum Beat. Nach der Kirche fragt einer: "Wo ist eigentlich Remo?"

Während die Trauergemeinde Severin Ott beerdigt, reißt Läng ein paar Dörfer weiter die Schiebetür eines Flugzeugs auf, prüft ein letztes Mal seinen Fallschirm – und wirft sich in den Wind. Später erzählt er, dass er sich vorgestellt habe, der Severin schaue ihm zu und gebe ihm Extraschwung.

Eine Freundschaft zu einem Basejumper ist eine Wette gegen die Wahrscheinlichkeit. Remo Läng hat diese Wette dutzendfach verloren. Fragt man ihn nach toten Freunden, zählt er Namen und Unglücksstellen auf. Chamonix, Lauterbrunnen, Titlis. Getrauert hat er immer gleich: mit weitermachen.