Sonntag, Volksfest in einem Dorf in der Steiermark. Ganz großes Alpenpanorama. Fels, der dramatisch in die Tiefe stürzt, davor eisblau der See. Da hinten, erzählt jeder, ob man nun fragt oder nicht, wurde der letzte James Bond gedreht.

Im Dorf Dirndl, Lederhosen, Blasmusik. "Sie werden auffallen, wenn Sie nicht in Tracht kommen", hatte der Pressesprecher am Telefon gesagt und recht behalten. Mitten durch den Volksfestrummel schiebt sich Alexander Van der Bellen, 72 Jahre, der Mann, der im Mai zum neuen Bundespräsidenten Österreichs gewählt worden war – und sich am 2. Oktober ein weiteres, drittes Mal für den Posten zur Wahl stellen muss. Er hatte bereits die Kisten für das Bundespräsidialamt gepackt, da erklärte der Verfassungsgerichtshof die Wahl für nichtig. Und Van der Bellen befand sich erneut im Wahlkampf.

Also rein in den Biergarten. In der harten Disziplin des Volksfestwahlkampfs ist Van der Bellen so etwas wie der Anti-Seehofer. Nimmt der Bayer jede Bierzeltbühne im Sturm, hält der Österreicher prinzipiell keine Stammtischreden. Van der Bellen ist Volkswirtschaftsprofessor und grüner Realo (offiziell jedoch geht der einstige Bundessprecher als unabhängiger Kandidat ins Rennen). Man will sich nicht aufdrängen. Der bekennende Raucher bleibt ruhig, bescheiden, ganz der freundliche Herr.

Eine Pranke landet auf seiner Schulter. "Ich möchte meinem Präsidenten die Hand geben", erklärt ein Mann im Bassbariton. "Der amerikanische Wahlkampf dauert ein Jahr. Das kriegen wir auch hin", entgegnet Van der Bellen. "Etwas ungewöhnlich, Sie in Tracht zu sehen, wo Sie doch sonst Anzug tragen", sagt ein Reporter und hält ihm ein Mikrofon unter die Nase. "Man hat mir gesagt, dass das hier dazugehört", sagt Van der Bellen in das Mikro. Ein Mann mit Beagle gesellt sich zu ihm. "Ich als Auslandsösterreicher bin extra vom Starnberger See hierhergefahren, um Sie zu wählen", sagt der Mann. "Schade, dass du nicht wählen kannst", sagt Van der Bellen und streichelt den Hund.

Selten wurde eine österreichische Wahl im Ausland mit mehr Spannung verfolgt als diese, und das liegt weniger an Van der Bellen als vielmehr an seinem Herausforderer Norbert Hofer, 45 Jahre, Kandidat der FPÖ. Überall in Europa sind die Rechtspopulisten auf dem Vormarsch, nirgends aber bekommen sie so viel Zuspruch wie hier. Bei der Stichwahl im Mai holte Hofer knapp 50 Prozent der Stimmen. Und die Österreicher wählen im nächsten oder übernächsten Jahr auch noch Parlament und Kanzler. Der FPÖ-Kanzlerkandidat Heinz-Christian Strache führt in den Umfragen mit Abstand. Österreich könnte bald von einem blauen Kanzler, Präsidenten und Nationalratspräsidenten regiert werden.

Van der Bellen zieht also in eine große, entscheidende Schlacht. Gerade passiert er einen Stand mit Volksfestherzen ("Süßer Kater", "A Busserl für Di"), eine Journalistin will wissen, warum die Menschen hier so wenig Inhaltliches fragen, "die wollen ja alle nur Selfies machen". "Die wissen eh, warum sie mich wählen oder nicht. So ein Volksfest ist ja nicht unbedingt für Diskussionen da", sagt Van der Bellen. "Da trinkt man ein Bier und trifft Freunde."

Altaussee, das ist für Van der Bellen ein Heimspiel. Hier stimmten 61,1 Prozent im zweiten Wahlgang für ihn. Wie überall dort, wo man vom Tourismus lebt, weiß man auch hier, wie fatal sich ein Wahlsieg der FPÖ auf den Ruf Österreichs im Ausland auswirken könnte – und damit aufs Geschäft.

Die Frage ist nur: Wie kommt er an die anderen ran? Diejenigen, die ihr Kreuz bei der FPÖ, den "Freiheitlichen", machten. Laut Umfragen sind das Menschen, die eher weniger gebildet sind, auf dem Land leben und sich vor einer Zukunft fürchten, die zum ersten Mal seit vielen Jahren den Abschwung bringen könnte. Es sind jene, deren Jobs immer anstrengender geworden sind, etwa, weil sie als Altenpfleger nur noch ein paar Minuten pro Patient haben. Die für die Digitalisierung verloren sind, weil sie schon ein Geldautomat vor Probleme stellt. Die in Dörfern leben, in denen es keinen Polizisten mehr gibt, keinen Bankangestellten und keinen Postmann, denn die wurden alle wegrationalisiert.

Also tourt Van der Bellen seit Wochen übers Land. Er wandert mit Reportern auf 2000 Meter Höhe, um zu zeigen, wie fit er sei. Rechtsextreme Websites hatten nämlich Gerüchte verbreitet, er sei krebskrank und dement. So zeigt er sich bei Volksfesten, Weinfesten, Stadioneröffnungen und Public Viewings. Mischt sich unters Volk, nicht zuletzt, um den Vorwurf der FPÖ zu kontern, er und seine Anhängerschaft seien "die elitäre Hautevolee". Anders als die FPÖ glauben lassen will, wirkt er bei Terminen wie in Altaussee nicht deplatziert. Van der Bellen, in Wien geboren, ist im Tiroler Kaunertal aufgewachsen, er kennt das Leben auf dem Land.

Er hört hauptsächlich zu. Wofür er und sein Widersacher stehen, dürften die meisten Österreicher ohnehin wissen, schließlich haben sie ihn und seinen Widersacher Norbert Hofer in etwa 20 Fernsehduellen und Streitgesprächen erlebt.