Wem es das Gemüt zerreißt, der muss dem Druck ein Ventil geben. Körperliche Tätigkeit gilt als hilfreich. Also versuchen die Leute, diese riesige Halle zu erobern, sie rennen von einem Ende zum anderen, sie tanzen hier, hüpfen dort, machen nur kurz Rast bei den Schienen an der Seite, bis sie mit ihren Händen wieder im Kohlenstaub buddeln und ihre Kleider vollständig eingerußt haben. Die sind dann ein Fall für die Schmutzwäsche.

Die Ruhrtriennale hat eine neue Industrie-Kathedrale der Kultur geweiht: die soeben stillgelegte Kohlenmischanlage der Zeche Auguste Victoria in Marl. Dort sucht jetzt Intendant Johan Simons abermals einen Gefallenen, einen Verlorenen des Weltkulturerbes, durch einen Kunsttransfer wiederzubeleben. Im vergangenen Jahr schickte er den Titelhelden aus Pier Paolo Pasolinis Film Accattone in eine Zechenanlage in Dinslaken, wo er den Schotter des Kohlenpotts fraß, aber ein Kleinkrimineller blieb. Jetzt kümmert sich Simons um den ermordeten algerischen Namenlosen in Albert CamusDer Fremde, der in Kamel Daouds Nachfolge-Roman Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung von der anderen Seite gezeigt, mit einem Vornamen und einer Familie versehen wurde. Es geht also um vergessene Existenzen, die Simons barmherzig humanisieren will. Beide Werke – das von Camus und das von Daoud – kehrt er wie mit dem Kunstbesen auf einem Kohlenschaufelblech zusammen und kippt ihn als aufwendige Multimediashow mit dem Titel Die Fremden vor unseren Füßen aus, dass es abermals nur so staubt.

Wir auf der Zuschauertribüne starren also in die schier endlose Marler Halle und direkt ins Gesicht des Rückladers, eines gigantischen Metallskeletts, durch dessen Rippen früher die Kohle rieselte. Vor dieser Maschine ist das Orchester Asko/Schönberg unter Reinbert de Leeuw platziert, es spielt Werke von Kagel, Vivier und Ligeti, das klingt herrlich edel und hat mit der Geschichte, die der Regisseur ausbreitet, nichts zu tun. Die Musik ist ein beliebiger Soundtrack, der keinem anderen Zweck dient als der ästhetischen Aufwertung. Mit den Männern und Frauen auf der steinigen Bühne, die uns eine sehr ferne Geschichte vorspielen, kann Simons wenig anfangen, sie verlieren sich in der Weite zu schemenhaften Leibern, obwohl ihre Stimmen durch die Lautsprecher sehr nah klagen und uns zu mahnen scheinen, dass uns ihr Schicksal nicht gleichgültig sein darf.

Politisch zeigt sich der Abend in Gegenwart des Bundespräsidenten auf kesse Weise als subtile szenische Protestdemo. In historischen Filmchen bekommen wir französische Besatzer und Touristen gezeigt, die sich am Strand von Algerien lümmeln, die Gesichter der Einheimischen starren angstvoll und verbittert, sie zeigen also die Wunden des Maghreb, derer wir gedenken sollten, sagt Simons, statt seine Flüchtlinge zu verteufeln. Die algerische Flagge ist allgegenwärtig auf der Bühne, die Darsteller hüllen sich beizeiten in sie, denn der Abend wird nicht wärmer, weil auch die Sprache nicht recht zu funktionieren scheint. Sagt einer etwas, bekommt er keine Antwort. Jedes Gespräch verhindert der echolose Raum. Die Fremden werden zu einem Stück endloser Monologe.

Ungeheuer der Aufwand, der das Projekt in die Banalität treibt

Einzig Claude Viviers eurasische Experimentalsilben in seinem Stück Bouchara (für Sopran und Orchester) scheinen diese kollektiven Verständigungsnöte durch Musik zu spiegeln. Der starke Effekt dieser Szene hat auch damit zu tun, dass in diesem Moment der riesige Rücklader unmerklich zum anderen Ende der Halle zurückrollt, wie eine gesättigte Muräne, die Kunst, Welt, Politik, Justiz und Religion verdaut. Das Licht wird nun schwärzer, das ist die perfekte Stimmung für neue Filmsequenzen, die uns ins Jahr 2016 versetzen – und zwar in den Raum, in dem wir sitzen. Jetzt ist Marl ein Flüchtlingslager, und wir sehen erschöpfte Menschen, die auf Pritschen Gebete murmeln und von fleißigen Polizisten beobachtet werden.

Ein unerhörter Aufwand, der das Projekt jedoch nicht zu grandioser Tristesse erhöht, sondern bloß in die Banalität treibt. Irgendwann schaut uns auch der Raum nur noch stumpf an. Die Fremden sind eine neuerliche Weltkulturerbschaft, die man ungern annimmt. Die Steuer, die man durch sein Verweilen zu zahlen gezwungen ist, besteht aus einer Unsumme an Langeweile. Die einzigen Spuren, die der Abend beim Zuschauer hinterlässt, finden sich als Kohlenstaub auf seiner Hose.