Es ist spät an diesem Schweriner Wahlabend, sehr spät, als Erwin Sellering bei Pizza und Bier am Stehtisch lehnt und über einer Frage grübelt, die er beim besten Willen nicht ehrlich beantworten kann: Dieser Sieg, den er mit seiner SPD in Mecklenburg-Vorpommern an diesem Tag eingefahren hat, dieser 30-Prozent-Triumph – hat daran eigentlich auch Sigmar Gabriel einen Anteil, der SPD-Chef in Berlin?

Sellering sagt also erst mal nichts. Dann nimmt er sich sein Stück Pizza und beißt hinein. Mund voll. Kann nicht reden. Wie schade.

Die ehrliche Antwort hätte gelautet: Nein, was hat Gabriel denn bitte mit dem Sieg in Mecklenburg-Vorpommern zu tun? Aber das sagt er nicht. Dabei ist das Gefühl, das Sellering und seine Mecklenburger Parteifreunde in diesen Tagen trägt, dieses: Das haben wir nicht dank Berlin geschafft, sondern trotz Berlin. Das haben wir geschafft, obwohl die SPD im Bundestrend miserabel dasteht. Diesen Erfolg haben wir selbst hinbekommen.

Sellering, das wird auch vielen politischen Beobachtern erst jetzt, nach seinem Wahlsieg, bewusst – Sellering ist in den vergangenen Monaten der wohl am meisten unterschätzte Ministerpräsident der neuen Länder gewesen. Denn dieser Westdeutsche, 1949 im nordrhein-westfälischen Sprockhövel geboren, versteht erstens die Befindlichkeiten der Ostdeutschen wie vielleicht kein anderer Regierungschef. Und er ist zweitens einer der wenigen Politiker, denen ein besonderes Kunststück gelungen ist: der AfD Themen zu stehlen – und dadurch selbst stärker zu werden.

Noch im Frühsommer hätte kaum jemand sein Erspartes auf einen Wahltriumph dieses Ministerpräsidenten gesetzt: Da sahen Umfrageinstitute die SPD bei nur 22 Prozent, während die CDU zeitweise bis auf 29 Prozent kletterte. Dann begann Sellering seinen Wahlkampf, und die SPD legte plötzlich zu. Von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, von Befragung zu Befragung. Diesen Aufschwung schaffte er mit entschlossenem Ostpopulismus, den er seit Jahren schon erprobt. Seit Langem positioniert sich Sellering als Mann mit Ostherz: Dass die Ostrenten angepasst gehörten, fordert er seit einer Ewigkeit. Als einst diskutiert wurde, ob die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei, erklärte Sellering: nicht unbedingt – und blieb auch beinhart bei dieser Haltung, als bald Shitstürmchen in Richtung Ostseeküste geschickt wurden. Lieber toppte er seine Sätze noch. "Die DDR hatte auch Stärken" war seine Version von "Es war nicht alles schlecht". Als er einmal in die Türkei reiste, sagte er: Die Ostdeutschen seien "unbefangener" im Umgang mit Türken, weil sie "kein vorgefertigtes Bild" hätten. Er verteidigt sein Volk, selbst wenn die Verteidigung manchmal gaga wirkt. Ein Volk, für das er ja selbst nur ein Zugezogener ist.

Seine Herkunft West kompensiert er dagegen durch besonders entschlossenes Fördern ostdeutscher Polit-Talente: Manuela Schwesig zum Beispiel kannte niemand, als Sellering sie in sein Kabinett berief. Inzwischen ist sie Bundesministerin und Vize-Chefin der SPD – und schwärmt vom "Erwin", der viel mehr für junge Leute tue als andere Politiker.

Irgendwann fing Sellering an, politisch, sagen wir, umstrittene Dinge von sich zu geben, die besonders im Osten viele Menschen gerne hören. Und die sonst die AfD gern sagt: Die Beziehungen zu Russland gehörten dringend besser gepflegt, die Sanktionen seien schändlich. In der Flüchtlingskrise verteidigte Sellering seine Ostdeutschen mit besonderer Verve: "Diejenigen, die skeptisch waren und den unkontrollierten Zuzug mit Sorge gesehen haben, fühlten sich nicht verstanden, manche sogar provoziert." Es sei falsch gewesen, den Zuzug von Flüchtlingen zur moralischen Frage zu verklären, es hätten "viele Menschen das Gefühl, mit ihren berechtigten Sorgen nicht ernst genommen und in die rechte Ecke gestellt zu werden".

Während andere Politiker noch rätseln, wie sie sich am heftigsten von der AfD distanzieren können, ist der Trick des Erwin Sellering: Die AfD beklauen, wo es geht. Und sie nur dort zu maßregeln, wo es Sinn hat. Die Kanzlerin griff er in Interviews, zum Beispiel mit dem Tagesspiegel, besonders gern an: "Frau Merkel hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Flüchtlingsfrage zu einer starken Polarisierung der Bevölkerung geführt hat. Davon profitiert die AfD", sagte er. Bei alldem unterscheidet ihn eines ganz deutlich von Sigmar Gabriel, dem Bundesvorsitzenden der SPD: Gabriel sagt heute dies und meint morgen das, schimpft heute über Pegidisten und geht morgen zu einer Pegida-Debatte. Vieles von dem, was Sellering sagt, sagt Sellering hingegen schon ziemlich lange.

Das hat seine Beliebtheit in immense Höhen geschraubt: Er sei der "nahezu optimale Spitzenkandidat" gewesen, stellte die Forschungsgruppe Wahlen gerade fest, 78 Prozent der Mecklenburger und Vorpommern hätten Sellering bescheinigt, gute Arbeit geleistet zu haben. Am Ende, das kann man wohl so sagen, gewann in Mecklenburg-Vorpommern nicht die SPD – sondern Erwin Sellering. "Das war fast unfair", sagt einer von der Union, dieses Rennen sei nicht zu gewinnen gewesen. Dabei gibt es einige, die kritisieren, dass Sellering mit allzu harter Hand regiere, nicht eben diskursaffin sei, Debatten nur führe, wenn sie ihm nützten.

Am Wahlabend, auf der SPD-Party, sieht man Sellering an, wie viel Genugtuung ihm das beschert: von so vielen unterschätzt und angegriffen worden zu sein und jetzt recht zu behalten. "Ich glaube, das war der schwerste Wahlkampf, den die SPD hier zu führen hatte", sagt er und meint eigentlich: der schwerste Wahlkampf, den Erwin Sellering zu führen hatte. Jetzt, vor den Kameras, in der Stunde des Sieges, entfaltet er ein Charisma, das man ihm nicht zugetraut hatte.

Selbst manche AfD-Leute sagen: "Wäre der Sellering nicht, wären wir stärkste Kraft geworden." Aber ist das moralisch okay, macht er AfD-Positionen nicht salonfähig, wenn er sie aufgreift, wenn er sie verstärkt? Er selbst hat am Wahlabend den Satz gesagt: "Ich kann nicht sehen, dass das, was ich die letzten Wochen gesagt habe, der AfD genützt hätte." Im Gegenteil, sie habe doch viel schlechter abgeschnitten, als sie erhofft habe.

Dass er nicht auf ewig alle Ostdeutschen wird glücklich machen können, dürfte Sellering dagegen schon sehr bald feststellen. In den kommenden Wochen muss er sich entscheiden, ob seine SPD weiterhin mit der CDU oder mit der Linken regieren soll. Die Chefs beider Parteien würden gerne Sellerings Juniorpartner werden. Anders als der Ministerpräsident, stammen Lorenz Caffier und Helmut Holter aus Ostdeutschland. Einem von ihnen wird Ossi-Versteher Sellering leider einen Korb geben müssen.