Das Loch ist geschlossen! Acht Jahre klaffte il buco, die riesige Baugrube, zwischen dem Meer und dem Palazzo del Cinema auf dem Lido di Venezia. Acht Jahre stritten korrupte Politiker und mafiös verstrickte Firmen über die Entsorgung des dort illegal deponierten Asbests. Nun hat man auf dem Gelände einen mit rotem Kunststoff überzogenen Kinowürfel errichtet. Der Asbest ist allerdings noch immer da. Und rechnet man die bisherigen Gerichts- und Baukosten sowie die noch ausstehenden Arbeiten auf den Quadratmeter um, dann ist dieser Ort, an dem die venezianischen Festivalgäste in der Abendsonne ihren Aperitif trinken, der wohl teuerste Platz der Welt.

Wie würde man einem Grüppchen Außerirdischer die Sache mit dem Loch erklären? Seit je sind Aliens, die auf die Erde kommen, vergleichbar mit Eltern, die in ein unaufgeräumtes Jugendzimmer voller Pizzareste blicken. Sie sind die andere Zivilisation, die auf unsere verkommene Spezies schaut, das Gegenüber, in dessen Blick wir peinlich berührt unsere Schwächen erkennen, der Spiegel, in dem wir plötzlich den Schlamassel sehen, in dem wir uns eingerichtet haben. In Denis Villeneuves Film Arrival kommen die Aliens auf die Erde, um – ausgerechnet! – von den Menschen zu lernen.

Ihr Raumschiff sieht aus wie eine Mischung aus elegantem Designobjekt und schwarzer Riesengurke. Es landet nicht, es schwebt majestätisch ein paar Meter über dem Boden der amerikanischen Provinz, so als traue es sich noch nicht, Kontakt aufzunehmen. Dieses Raumschiff ist ein von Wolken umgebener Ausdruck des Innehaltens, ein Bild gewordenes Rätsel. Wie ein riesiges schwarzes Fragezeichen schwebt es über der Welt. Und über der Filmbiennale von Venedig.

In Arrival wird eine von Amy Adams gespielte Sprachwissenschaftlerin vom Militär beauftragt, mit den Aliens zu kommunizieren und so den Grund des Besuchs herauszufinden. Entgegen der Weisung tut sie dies ohne Schutzanzug, im direkten Augenkontakt und mit den erstaunlichsten Ideen. Mit einer Mischung aus Energie, Ehrgeiz und Verletzlichkeit spielt Adams diese Frau, die versucht, die kreisförmigen Sprachzeichen der Aliens zu verstehen. Man könnte ewig zuschauen, wie die Wissenschaftlerin mit Schrifttafeln und Symbolen hantiert, Gesten ausprobiert – und durch die Sprache der Außerirdischen langsam beginnt, auch ihre eigene Geschichte zu begreifen. Viel Zeit bleibt ihr dafür nicht. Denn eine unselige Koalition aus Militärs und radikal rechten Radiomoderatoren fordert, den Fremden lieber mal ordentlich eins vor den Bug zu ballern. In Arrival scheint der Science-Fiction-Film auf überraschende Weise bei sich selbst anzukommen. Arrival arbeitet gegen die Logik von Konfrontation und Invasion. Eine Kreisbewegung entsteht, in der das Bewusstsein einer anderen Spezies und die Biografie einer Frau ineinander übergehen.

Vielleicht sind die faszinierendsten Filme ja solche, auf die man wie auf die Schriftzeichen von Außerirdischen blickt, bevor man sie erschließt, versteht, entziffert. Filme, deren Fremdheit und Andersartigkeit man gerne noch ein wenig konservieren würde, bevor sie von den Gesprächen, Pressekonferenzen und Kritiken eines Festivals seziert werden. Filme wie Nocturnal Animals von dem amerikanischen Mode-Designer Tom Ford und The Bad Batch von der jungen amerikanischen Regisseurin Ana Lily Amirpour.

In beiden scheint die Heldin durch einen Tagtraum zu wandeln, aus dem es kein Erwachen gibt. Beide spielen in letztlich lebensfeindlichen Umgebungen. Der eine in der klimatisierten urbanen Wüste von Los Angeles, der andere in der wirklich wahren Wüste irgendwo in Texas.

Nocturnal Animals ist eine weitere Begegnung mit Amy Adams, der man vor Freude darüber am liebsten vom Kinosessel aus zuwinken würde – obwohl ihre Rolle in Tom Fords Film keineswegs dazu einlädt. Adams spielt dieses Mal keine Wissenschaftlerin, sondern eine kühle Galeristin in Los Angeles, ausgestattet mit einem schönen Haus aus Glas und Beton und einem so schönen wie langweiligen Ehemann. Eines Tages bekommt sie ein Buch von dem Mann geschickt, den sie einst verlassen hat. Während sie den Roman liest, einen brutalen Thriller, sieht man die Handlung vor ihrem inneren Auge als Film im Film vorbeiziehen, mit ihr selbst in der Hauptrolle. Die Bilder verbinden sich mit Rückblenden ihrer eigenen Geschichte, mit Schuldgefühlen und Angstfantasien. Adams gibt diesem Film viele Gesichter: das unnahbare, stark geschminkte Antlitz der Frau, die sich erfolgreich im Kunstbusiness durchschlägt und vom eisigen Nebel der Einsamkeit umgeben ist. Und das ungeschminkte, durchscheinende Gesicht der enthusiastischen Kunststudentin von einst, die an ihren schriftstellernden Ehemann (Jake Gyllenhaal) glaubt. In der jungen Susan sieht man schon die spätere Pragmatikerin aufblitzen, die Frau, die den an sich zweifelnden Schriftsteller verlassen und damit auch die eigenen Sehnsüchte in einen Seelenpanzer sperren wird. Die späte Susan wiederum scheint sich in manchen Momenten unter ihrer Maske selbst zu entgleiten. Sie wirkt wie ein Geist, der sich zwischen den glänzenden Oberflächen der kulturellen Hautevolee von Los Angeles verirrt hat.