Hej Ingvar,

wir kennen uns nicht, aber ich duze dich einfach. Du duzt mich schließlich auch, obwohl wir uns gar nicht kennen. Oder duzt du mich, weil du glaubst, mich doch zu kennen? Wie ich lebe und liebe? Was ich denke und esse?

Ich schreibe dir, weil gestern dein neuer Katalog im Treppenhaus lag. Ich nehme sonst nie Werbeprospekte mit in die Wohnung, mich interessiert nicht, dass es beim Supermarkt jetzt ein Kilo Hack für eins neunundsiebzig gibt. Deinen Katalog habe ich mitgenommen. Daran siehst du, welchen Einfluss du noch immer auf mich hast.

Ingvar, ich habe deinen Katalog durchgeblättert und bin wütend geworden. Du hast dich verändert. Du bist übergriffig geworden. Du willst mir nicht mehr nur Möbel verkaufen. Du sagst mir, wie ich leben soll.

1988, in meinem Geburtsjahr, sah man auf dem Cover deines Katalogs ein lila Sofa. Daneben stand, dass es KARLSO heiße und wie teuer es sei. 2016 steht auf dem Cover: "Entworfen für dich, nicht für irgendwen." Dein Katalog hat allein in Deutschland eine Auflage von 30 Millionen, und die Möbel sind extra für mich? Auf dem Coverfoto sieht man eine Clique beim Abendessen, die offenbar ein Antidiskriminierungsbeauftragter zusammengestellt hat.

Du schreibst im Vorwort: "Bestimmt gibt es irgendwo jemanden, bei dem immer alles genauso läuft wie geplant. Jemand, der perfekt ist. Ist dir so jemand schon mal begegnet? Uns nicht." Und weiter: "Es macht überhaupt nichts, wenn dir mal die Nudeln überkochen. Ganz normalen Menschen passiert so was eben."

Das stimmt. Aber dafür brauche ich deine Erlaubnis nicht. Vor allem: Ich nehme dir das nicht ab. Sonst nämlich drängst du mich im Katalog die ganze Zeit zur Perfektion. Das Bad nennst du "meine, deine, unsere Oase". Mein Bad hat etwa vier Quadratmeter und ist ein Schlauch, die Fugen zwischen den orangefarbenen Kacheln schimmeln. Meine Oase ist ein Loch. Da hilft es auch nicht, dass der Schrank unter dem Waschbecken, der Spiegel und die klebrige Korbkommode von dir sind. Wenn ich mir eine Gurkenmaske auflege wie deine Models im Katalog, stoße ich mir den Kopf an deinem Regal.

Du willst mein Leben perfektionieren, aber ich lebe im Unperfekten. Und du mischst dich in Dinge ein, die dich nichts angehen. Du stellst "Fünf Elternregeln für das Kochen mit Kindern" auf (perfekt korrekt: von Kindern erstellt!), zum Beispiel: "Schimpf nicht, wenn etwas nicht klappt." Ingvar, mit meinen ungeborenen Kindern schimpfe ich, wann ich will! Dein Katalog wurde angeblich häufiger gedruckt als die Bibel. Aber deshalb musst du doch nicht predigen.

Ich habe mir deine alten Kataloge angesehen, und ich finde: Früher warst du ehrlicher. Früher gab es noch Fernseher auf den Fotos, es lief Fußball. Kinder haben Spaghetti und Köttbullar gegessen. Nicht gesund, aber lecker. In deinem neuen Katalog beißt ein Kind in einen rohen Brokkoli. Das habe ich noch nie in meinem Leben gesehen.

Die meisten deiner Fotos zeigten früher Kleinfamilien: Vater, Mutter, Tochter, Sohn. Im neuen Katalog sieht man dieses Familienmodell auf einem einzigen Foto. Versteh mich nicht falsch: Ich freue mich, dass du in vielen Dingen deiner Zeit voraus warst. Bei dir kochte schon der Vater, und die Mutter arbeitete, als in Deutschland Vergewaltigung in der Ehe noch nicht unter Strafe stand. Homosexuelle gab es in deinem Katalog, bevor sie Minister wurden. Du hast sehr früh Models gezeigt, deren Eltern nicht zwischen Lappland und Öresund-Brücke lebten. Das ist es, was wir Deutschen uns von euch Schweden wünschen, richtig. Aber jetzt übertreibst du.

Wenn man deinen Katalog betrachtet, bekommt man den Eindruck, dass Deutschland sich in den vergangenen zwanzig Jahren sehr verändert hat. Niemand wohnt mehr in Vorort-Reihenhäusern mit Garten, alle in der Großstadt, in Fabriklofts mit bodentiefen Fenstern. Fast nur Männer kochen, am besten selbst gefangene und ausgenommene Fische. Nicht mehr die homogene Kleinfamilie, sondern der möglichst heterogene Freundeskreis wird in Szene gesetzt, multiethnisch, multikulturell. Warum nennst du BILLY nicht gleich YUSSUF?

Ingvar, willst du mich verarschen?

Am drei Meter langen Esstisch wird nicht nur gegessen, sondern rund um die Uhr gearbeitet. Ist das noch cool oder schon Prekariat? Nur die Möbel sind fast gleich geblieben.

Ingvar, ich glaube, es reicht dir nicht, ein Möbelhaus zu betreiben. Du willst mehr. Du willst mir sagen, wer ich sein soll.

Früher gab es im Katalog Seiten um Seiten, voll mit Miniaturen von Sofas und Couchtischen. Heute gibt es fast mehr Texte als Möbel. Immer mehr Seiten nehmen Verhaltensratschläge, Kochrezepte und etwas ein, das du wohl als Unternehmensphilosophie bezeichnen würdest: "Ein harmonisch gestalteter Flur trägt viel zu deiner Entspannung bei." Nur Ingvar: In meinem Flur will ich nicht entspannen, sondern meine Schuhe anziehen. Und Danke für diese Erkenntnis: "Persönlichkeit ist die halbe Miete", schreibst du. Leider bist du nicht mein Coach, Ingvar.

1998, als ich zehn Jahre alt wurde, war ein einzelnes Kind auf dem Cover deines Katalogs zu sehen, das sich schüchtern auf der Sessellehne abstützte. 2004 habt ihr euch tatsächlich noch gerechtfertigt, warum man eure Möbel selbst aufbauen muss (dass das mal anders war!). Da stand, wie aus der Bauweise eines Einkaufswagens eine Idee für einen Stuhl entstanden ist und dass ihr eure Möbel auf Belastung testet. Ja, das ist auch Werbung, aber damit kann ich umgehen. Glaub mir, ich bin dir für vieles dankbar: Du hast den Fliesentisch und die Schrankwand aus dem Wohnzimmer verbannt. Deine Kiefer hat die deutsche Eiche rustikal besiegt. Du hast es möglich gemacht, dass Menschen mit wenig Geld ihr Elternhaus verlassen und in Würde eine Wohngemeinschaft gründen konnten. Dein günstiges Design war nicht nur ästhetisch ein Fortschritt, es hat geholfen, Wohnen demokratischer und liberaler zu machen. Bei meiner Großmutter muss ich bis heute eine Decke über den Sessel legen, bevor ich mich hinsetze, damit das Polster nicht abwetzt. Die Befreiung aus der Enge der fünfziger Jahre, das waren nicht nur die 68er, das warst auch du.

Jetzt aber bist du das Möbel-Establishment. Wie alle meine Freunde habe ich deshalb in den vergangenen Jahren versucht, dich abzustreifen, dich zu ersetzen, mit Möbeln vom Flohmarkt, aus Weinkisten und Europaletten, mit einem Esstisch vom Tischler. Aber du bist doch bei mir geblieben: Die Schüsseln im Regal sind von dir. Das Regal ist von dir. Der Küchentisch, an dem ich gerade sitze, ist von dir. Er heißt INGO. Warum weiß ich das, verdammt?

Ich blättere weiter. Du schreibst: "Die Zeiten, als ausschließlich am ordentlich gedeckten Esstisch gegessen wurde, sind vorbei. Setzt euch doch einfach aufs Sofa oder gleich auf den Fußboden!" Tatsächlich, auf dem Foto sehe ich eine junge Frau mit drei Männern um einen Couchtisch sitzen. Einer trägt Dutt, ein anderer hat ein Käppi falsch rum auf dem Kopf. Sie wohnen in einer Fabriketage. Wenn man den Couchtisch genau betrachtet, erkennt man: Sie essen rohen Staudensellerie aus einem Glas. Staudensellerie!

Es ist 2016, und deinen Katalog gibt es natürlich auch als App. Dort findet sich zu dem Foto ein Video. Darin essen diese schönen jungen Menschen eine Suppe, die nach Blumenkohl aussieht. Ihre Unterhaltung, ungekürzt: "Hey Leute." – "Hey Mann, danke." – "Das ist für dich." – "Das ist gut." – "Wirklich sehr gut." – "Lecker." – "Hmm, das schmeckt." Dann holt der Gastgeber eine Pfeffermühle unter dem Couchtisch hervor.

Ingvar, willst du mich verarschen?

Ich fürchte, deine Firma steckt in der Midlife-Crisis. Immer willst du vorne dran sein. Aber was soll man tun, wenn die Avantgarde von früher der Mainstream von heute ist? Wie könnt ihr euch noch abgrenzen?

Du bist Opfer deines eigenen Erfolgs. Heute hat außerhalb des Nachmittagsprogramms von RTL 2 niemand mehr einen Fliesentisch. Alle haben helle Holzmöbel. Deswegen wendet sich die junge Avantgarde von dir ab und kauft Schränke aus der DDR. Du hast das gleiche Problem, das auch Autohersteller haben: Die Jugend will deine Produkte nicht mehr. Weil wir glauben möchten, dass wir individuell sind. Weil wir nicht mehr Unmengen konsumieren wollen – und wenn, dann klimaverträglich und nachhaltig.

Die Gesellschaft hat sich verändert, und du willst zeigen, dass du das kapiert hast. Früher war es im steifen Deutschland etwas Besonderes, dass man bei dir geduzt wurde. Das hat gutgetan. Heute duzen sich alle. Das macht dich nervös, deshalb legst du noch einen drauf.

In deinem Katalog gibt es eine Reportage aus dem Irak, du hast ein paar Unterkünfte für Flüchtlinge gespendet. Schön für dich. Mir würde es schon reichen, wenn du ausreichend Steuern zahltest. Wenn ich zum Gemüsehändler gehe, erzählt der mir auch nicht, dass er gestern einem Obdachlosen zwei Euro gegeben hat und ich mich deshalb mit seiner Aubergine in meiner Wohlfühloase entspannen soll. Er hat noch nie gesagt: "Was wirklich wichtig ist: die wertvolle Zeit miteinander zu genießen."

Träume hören nicht auf den Namen LACK

Ingvar, dein neuer Katalog setzt mich unter Druck, auch wenn du behauptest, das Gegenteil zu wollen: "Wir machen uns Gedanken darüber, was andere denken und erwarten – das macht es komplizierter, als es sein müsste. In diesem Katalog geht es darum, was wirklich wichtig ist." Aber wer schürt denn hier die Erwartungen? "Wir wollen, dass du glücklich bist", schreibst du. Aber darf ich auch unglücklich sein? Wenigstens zu Hause? Du schreibst: "Kochen ist keine langweilige Pflichtübung, sondern ein tolles Ritual, das unser Leben besser macht."

Was verkaufst du eigentlich noch mal: eine Couch? Oder ein Glaubensbekenntnis?

Selbst wenn ich versuche, so zu leben, wie es dein Katalog für mich vorsieht, kann ich nur scheitern. Du zeigst einen Mann mit Laptop am Esstisch, ein paar Seiten später bestimmst du mit "Dresscode: Jogginghose", was ich zu Hause tragen soll.

Ich arbeite zurzeit von zu Hause aus. Da, "wo du gerne fleißig bist", würdest du sagen. Bei mir sieht es nicht so aus wie in deinem Katalog, wo allein der Essbereich 50 Quadratmeter groß ist. 50 Quadratmeter, das ist etwa die Größe meiner gesamten Wohnung, die ich mir mit meiner Freundin teile. Um an dem kleinen INGO Platz für meinen Laptop zu finden, muss ich Krümel auf den Boden wischen und Rechnungen beiseiteschieben. Dresscode Jogginghose? Meine einzige ist gerade in der Wäsche. Deswegen sitze ich hier in Unterhose, aber du weißt ja: Niemand ist perfekt. Das war jetzt too much information? Wir duzen uns doch!

Ich habe ein Buch aus dem BILLY-Regal gezogen, um dich besser zu verstehen. Die israelische Soziologin Eva Illouz beschreibt in Gefühle in Zeiten des Kapitalismus, wie Waren mit Gefühlen aufgeladen werden. Und wie umgekehrt Gefühle als etwas erscheinen, das man als Ware kaufen kann, zum Beispiel mit den Teelichtern GLIMMA (24 Stück für 2,99 Euro). "Mehr Platz für Leidenschaft", schreibst du. Aber ich glaube, Leidenschaft kann man nicht kaufen. "Es muss kein Traum bleiben", schreibst du. Aber Träume hören nicht auf den Namen LACK (9,99 Euro).

Ingvar, ich weiß, dass du nicht mehr allein für deine Firma verantwortlich bist, du bist 90 Jahre alt. Haben deine Marketingleute den Laden übernommen? Sind die durchgedreht?

Aber ich will nicht nur meckern, ich habe auch einen konstruktiven Vorschlag, da bin ich ganz schwedisch. Es ist eine Idee für ein neues Produkt: eine Kiste für Altpapier. Da würde auch dein Katalog gut reinpassen. Du brauchst für die Kiste dann nur noch einen nordischen, komisch klingenden Namen. Wie wär’s mit KERSTEN?

Hej då,

dein Kersten