Henning

Es war ein Abend im Dezember 2015, windig, kalt und dunkel. Der Kölner Hauptbahnhof war noch ein einfacher Hauptbahnhof, Regionalzüge und Einkaufszentren keine angsterfüllten Orte, und Angela Merkels Satz "Wir schaffen das" wurde zwar schon angezweifelt, doch es gab noch eine Menge Menschen, die den Optimismus teilten, der ihm zugrunde lag.

Deshalb stand ich am Hamburger Busbahnhof, wartete auf Flixbus Nummer 150 und fror.

Wir schaffen das? Ich hatte einige Zeit gebraucht, um zu begreifen, dass Merkels "Wir" in diesem Satz mal kein behütender Pluralis Majestatis war, kein Regierungs-Wir und kein Wahlplakat-Wir. Dieses "Wir" bezog ein paar mehr Menschen ein als das Bundeskabinett, es richtete sich auch nicht bloß an Grenzbeamte, Sprachlehrer und Sozialarbeiter. Dieses "Wir" waren auch wir! Und wir, das sind: Mutter und Vater, Sohn und Tochter, zehn und fünfzehn. Typisch deutsche Vierköpfigkeit in einem Haus in einer Kleinstadt bei Hamburg. Eine ganz normale Familie, die entschieden hatte, sich ins Weltgeschehen einzumischen.

Heute kann ich nicht mehr sagen, welche genauen Anteile an Überzeugung, Pflichtgefühl, Abenteuerlust und Selbstverliebtheit uns bewogen, einen Menschen aus einer Million von Flüchtlingen aufzunehmen: Amir, 24 Jahre alt, Mathematikstudent, Syrer, aufgewachsen in einem Dorf am Euphrat. Er würde aus Sachsen kommen, umsteigen in Berlin und aussteigen in Hamburg, Haltebucht Nummer 15.

Als einer der letzten Passagiere trat Amir aus dem Bus, graue Jeans, graue Jacke, schwarzes Haar. Wir hatten wohlmeinend ein ganzes Zimmer für ihn leer geräumt. Doch in seinen Händen hielt Amir nur eine kleine Sporttasche und eine Plastiktüte. Zeug für eine Schublade. Mehr hatte er nicht dabei.

Amir

Der Mann wartete am Bahnhof auf mich. Er war schmal, nicht groß, hatte schütteres Haar und trug eine Brille. Henning sah aus wie ein typischer Deutscher. Mit dem Auto fuhren wir hinaus in eine kleine Stadt in der Nähe von Hamburg. Die Häuser waren neu und schön anzusehen, einige hatten spitze Dächer, andere waren flach wie Würfel.

Mir schossen alle möglichen Gedanken durch den Kopf. In Syrien lebte ich mit meiner Familie in der Nähe der Stadt Deir al-Sur, wo ich Mathematik studierte. Meine Mutter organisierte den Haushalt, mein Vater arbeitete auf unserem Acker. Wir waren dreizehn Geschwister. So lebten wir, bevor der Krieg losbrach. Nach meiner Flucht teilte ich mir mit fünf anderen Syrern ein kleines Zimmer in einem Flüchtlingsheim in Sachsen.

Nun würde ich mit einer deutschen Familie zusammenleben, das war schön. Aber wie sollte ich hier leben? Wie sollte ich essen? Wie schlafen? Wann sollte ich aufstehen?

Vieles, was mir heute vertraut ist, erschien mir damals höchst ungewöhnlich. Und manches, was ich anfangs gar nicht wahrnahm, ist mir bis heute fremd geblieben. In Syrien sind die Häuser normalerweise von Mauern und Zäunen umgeben. Bei uns zu Hause verlief eine hohe Mauer um das Haus und den Garten, die einem das Gefühl von Sicherheit vermittelte. Zumindest vor dem Krieg war das so. Hier öffnete ich manchmal die Türen, um zu lüften. In den ersten Tagen fürchtete ich mich ein wenig und schloss sie rasch wieder.