Das Casa Alfredo: ein trostloser, verwaister Ort. Der Platz vor dem kleinen Restaurant in der Kirchenallee in St. Georg ist an diesen Tagen voller Menschen, die vor den Bars und Cafés sitzen. Nur vor dem Kellerlokal stehen keine Tische und Stühle. Die Stufen hinab in das Souterrain wurden lange nicht mehr gefegt, die Zitronenbäume vor dem Haus sind längst vertrocknet.

Eigentlich hatte Alfredo M. sein Lokal so schnell wie möglich wiedereröffnen wollen. "Sobald ich nach diesem Verfahren Gelegenheit dazu habe", hatte er im Mai gesagt, als sein Gerichtsprozess am Anfang stand. Damals, als er noch wegen Totschlags angeklagt war und davon ausgehen musste, für viele Jahre ins Gefängnis geschickt zu werden.

Dann kam alles anders: Der Gastronom wurde freigesprochen, ein völlig überraschendes Urteil. Ist das gerecht?, fragten Zeitungen und Prozessbeobachter.

Das Hamburger Landgericht schickte Alfredo M. nicht ins Gefängnis, der 52-Jährige ist heute ein freier Mann, er könnte sein Lokal sofort wiedereröffnen. Das Leben, sollte man meinen, liege vor ihm. Nur fühlt es sich für ihn offenbar nicht so an. "Wie soll man Freude empfinden, wenn man einen Menschen getötet hat?", fragt sein Anwalt Tim Burkert. Das Casa Alfredo, so viel scheint sicher, bleibt vorerst geschlossen.

Es ist inzwischen fast ein Jahr her, dass in jenem Restaurant mitten in Hamburg ein Schuss abgegeben wurde. Dass Alfredo M., der Gastwirt, einen Menschen tötete. Es war der 30. September vorigen Jahres, kurz nach 23 Uhr, als die letzten Gäste das Restaurant gerade verlassen hatten und Alfredo M. Ercan D. erschoss. D., den alle nur Cincin nannten, hatte seit 2014 Schutzgeld von Alfredo M. erpresst. Cincin war immer wieder angekommen, bis es M. offenbar reichte. Also schoss er und betonierte die Leiche im Fußboden seines Restaurants ein, in einer Abstellkammer, nur wenige Meter von jenem Raum entfernt, in dem schon wenige Stunden später wieder nichts ahnende Gäste sitzen sollten.

Und so einer wird jetzt freigesprochen?

Bei der Urteilsverkündung sitzt Alfredo M. mit gesenktem Kopf da, hört regungslos der Begründung des Richters zu. Wie einer, der sich über einen Freispruch freut, sieht er nicht aus.

Im Zuschauerraum hinter der Trennscheibe tobt derweil die Meute. Freunde und Angehörige von Ercan D. stehen da, und sie beschimpfen Alfredo M. als Mörder. Männer, die immer nur wenige Minuten stillhalten, um dann wieder anzusetzen: "Mörder! Du bist ein Mörder!", hallt es durch den Gerichtssaal. Dabei wurde M. gerade freigesprochen.

Sieben Wochen lang hatte Alfredo M. nach seiner Tat so getan, als wäre nichts gewesen. Er kochte in seinem Lokal weiter, servierte und bediente, machte Scherze und lachte wie immer mit den Gästen. Dann kam die Polizei.

Dem Vorsitzenden Richter ist bei Verkündung des Freispruchs bewusst, dass das Urteil für Cincins Angehörige wie ein Schock wirken muss. "Die absolut unwürdige Entsorgung der Leiche ist eine zutiefst verletzende und nahezu unerträgliche Zumutung für die Angehörigen", sagt er. Er wendet sich direkt an die beiden Brüder von Cincin, zwei übergewichtige Mittfünfziger in verwaschenen T-Shirts, die als Nebenkläger am Prozess teilgenommen hatten: "Das war der Kammer zu jedem Zeitpunkt sehr bewusst."