Das wahre deutsche Mirakel war nicht das Wirtschafts-, sondern das Politwunder, folgte doch auf Hitler eine liberale Musterdemokratie. Gekappt wurden die linken und rechten Extreme. Die Kommunisten schafften es nur einmal in den Bundestag. Ganz rechts versanken zwei Dutzend Splitterparteien. Den Gipfel erklomm die Rechte mit 9,2 Prozent für die NPD in Sachsen – vor 13 Jahren.

Nun aber schaffte die AfD aus dem Stand fast 21 Prozent in Schwerin, in Merkel-Land. Kippt also die Republik? Die schlichte Antwort lautet: Unsinn, haben doch 80 Prozent für die Etablierten gestimmt. Andererseits darf die AfD auf 15 Prozent im Bund hoffen. Ein Menetekel oder bloß eine Verkettung hässlicher Umstände?

Ein bleibender Rechtsruck lässt sich aus den Zahlen nicht ablesen. Die meisten ihrer Wähler – 83 Prozent! – hat die NPD an die AfD verloren, also von rechts nach rechts. Der zweitgrößte Verlierer war die Linke mit 15 Prozent, die zur AfD überliefen – wohl kaum Neo-Nazis. Fast genauso viele Prozente verlor die CDU, ein Debakel in der Heimat der Kanzlerin.

Der Event als Trend? Es war eine klassische Protest- und Denkzettelwahl, kein Schritt in eine andere Republik. Flüchtlinge gibt es dort kaum, dafür aber eine große SPD-CDU-Koalition, und zwar seit neun Jahren. Wie im Land, so im Bund: Fehlt eine richtige Opposition, bleckt der Wähler irgendwann die Zähne – siehe auch Österreich.

Das eigentliche Rätsel ist, warum eine Partei wie die AfD so lange gebraucht hat, um zu triumphieren. Die Merkel-CDU hatte systematisch das Revier der SPD aufgerollt und so rechts von ihr immer mehr Boden preisgegeben. Warum auch nicht? In dieser Tabuzone könne doch nie eine Rechtspartei florieren. Zehn Jahre lang ging das Kalkül auf. Warum nicht länger? Weil die AfD keine klassische Rechtspartei, sondern eine populistische Bewegung ist, die rechts und links vereint. Geraune und Deutschtümelei hier, aber viel mehr Abschottung und Abwehr dort: gegen Euro, Freihandel, Jobexporte und Zuwanderung – just wie in England (Brexit) und Amerika (Trump).

Es ist die Revolte gegen "die da oben" – gegen den Globalismus und die Verbindlichkeit des Korrekten. Ein potenter Merkel-Faktor kommt freilich hinzu. Diese Kanzlerin, die stets eine so feine Witterung für Stimmungen aufgebracht hat, "kratzt die Kurve nicht", wie der Volksmund sagt. Sie hält ihre Entscheidungen in der Flüchtlingsfrage nach wie vor "für richtig". Mag sein, dass Kanzler – siehe Adenauer und Kohl – nach zehn Jahren an ihre Unfehlbarkeit glauben.

Populisten triumphieren, indem sie eine Großpartei infizieren. Und siehe da, die SPD des Sigmar Gabriel blinkt seit Wochen nach rechts. Gabriel stellt dem Freihandel mit Amerika den Totenschein aus. Er fordert "Obergrenzen". Er spielt den Russlandversteher, einen Part, der historisch zum rechten Repertoire gehört. Ähnlich ging der Schweriner SPD-Chef Erwin Sellering in den Wahlkampf. Er hat nur sechs Prozent der SPD-Wähler an die AfD verloren.

Folglich ist Merkels größtes Problem nicht die AfD, sondern eine SPD, die deren Populismus anzapft. In Schwerin hat’s funktioniert. Das verheißt Übles für Schwarz-Rot im Bund und noch mehr Getöse zwischen CDU und CSU. Aber eine andere Republik? Bis jetzt haben sich nur Kräfteverhältnisse verschoben, nicht die tektonischen Platten.