Es ist der Tag ihrer Hochzeit, monatelang hat sie sich darauf gefreut, doch plötzlich – die Feier ist im vollen Gange – flammt ein unerträglicher Schmerz auf in der Brust der Braut. Das Atmen fällt ihr schwer, sie bricht zusammen. Das Fest ist jäh zu Ende.

Im Krankenhaus sieht alles nach einem Herzinfarkt aus, die Laborwerte, der Ultraschall. Dann aber stellt sich heraus: Das ist ein Irrtum. Was die Braut im wahrsten Sinne des Wortes "umhaute", war kein Infarkt. Es war das Liebesglück. Oder, wie Ärzte es nennen: "Happy-Heart-Syndrom".

Ja, es klingt wie die Szene aus einem Groschenroman. Doch der Fall entstammt einer Studie, die kürzlich im European Heart Journal veröffentlicht wurde. Die beschriebene Braut aus Kentucky ist einer von etwa zwanzig bekannten Fällen. Nicht viele, aber allen ist gemein: Das Happy-Heart-Syndrom trifft Menschen ausgerechnet dann, wenn sie im siebten Himmel schweben. Im März 2016 haben Mediziner das rätselhafte Phänomen erst entdeckt, das nicht weniger gefährlich ist als ein echter Infarkt. "Knapp vier Prozent der Patienten versterben in der Klinik, das ist fast so oft wie bei Herzinfarkten", sagt Christian Templin, leitender Kardiologe am Universitätsspital Zürich, einer der Studienautoren.

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Die Braut aus Kentucky hat überlebt. Was ihr am Tag der Hochzeit das Herz zerriss, verstehen die Ärzte aber erst im Ansatz. Beim Happy-Heart-Syndrom bewegt sich die Herzwand plötzlich unregelmäßig und asymmetrisch, der Herzmuskel pumpt nicht mehr genug Blut durch den Körper. Insoweit sind die Symptome identisch mit denen eines Infarkts, allerdings liegt beim Happy-Heart-Syndrom keine Gefäßverengung vor. Ausgelöst wird die Fehlfunktion nach Ansicht der Mediziner allein durch körpereigene Botenstoffe, die mit intensiven Glücksgefühlen einhergehen. Die sind im Extremfall offenbar so wirkmächtig, dass sie dem Herzen schaden können.

Die Liebe hat schon immer Opfer gefordert. Die Literatur ist voll von unglücklichen Geschöpfen, die in ihren Gefühlen untergehen, von Goethes Werther bis zu Tolstois Anna Karenina. In den Gerichtssälen der Welt werden seit Menschengedenken Tötungsdelikte aus Leidenschaft verhandelt. Liebe ist ein Wagnis, sie treibt den Menschen zum Äußersten. Aber ist die Liebe auch eine Gefahr für die Gesundheit?

Um es gleich zu sagen: Hier soll nicht vor der erfüllten Liebe gewarnt werden. Die jüngst entdeckten Phänomene des Happy-Heart-Syndroms sind Einzelfälle – sie zeigen aber eindrucksvoll, dass die Liebe nichts ist, was sich im Zaume halten, was sich beiläufig abhandeln ließe. Sie überwältigt nicht nur den Geist, sondern auch den Körper. Liebe, das zeigt sich in der Wissenschaft immer deutlicher, wirkt bis in jede einzelne Zelle. Ob uns das wohltut oder schadet, kann niemand vorhersagen.

"Ich bin in sie verliebt, wusste Sumire auf einmal. So eindeutig, wie Eis kalt ist und Rosen rot sind. Und diese Liebe reißt mich mit ihrem Sog davon, so übermächtig, dass ich mich ihr nicht entziehen kann. Widerstand ist zwecklos. Vielleicht entführt sie mich an einen unbekannten, unheimlichen Ort, der vielleicht sogar gefährlich ist. Und das, was mich dort erwartet, wird mich zutiefst, ja tödlich verwunden. Vielleicht werde ich alles verlieren. Dennoch gibt es kein Zurück mehr. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich diesem Strom zu überlassen, auch wenn ich darin aufgehe und mein Wesen darin erlischt." (Sputnik Sweetheart, Haruki Murakami)

Am Anfang ist der Rausch des Zusammenseins, ein Fest, das später zur Festung wird, die über Jahre Kraft und Sicherheit gewährt – und in der Regel der Gesundheit sehr förderlich ist. Die positiven Wirkungen einer tiefen und vertrauensvollen Beziehung sind hinreichend belegt: Verheiratete Menschen leben im Schnitt deutlich länger, müssen seltener zum Arzt und liegen weniger lange im Krankenhaus. Sie haben ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes, Alzheimer oder Lungenkrankheiten und eine bessere Prognose bei Krebs. "Bei Menschen mit engen Beziehungen heilen Wunden schneller, sie werden seltener krank, sind weniger anfällig für Depressionen und Ängste", bestätigt der Bindungsforscher James Coan von der University of Virginia.

Widerstand ist zwecklos – die Liebe wirkt bis in die einzelne Zelle

Die Vorgänge, die eine Liebesbeziehung im Körper auslöst, aus deren Summe sich derartige statistische Vorteile ergeben, verstehen Forscher erst allmählich. Immer kleinteiliger entschlüsseln sie die Mechanismen auf molekularer Ebene, die Wirkungen von Nähe auf Nervensystem, Biochemie und Mikrobiologie. Die Liebe, so viel ist klar, lässt keinen Menschen als den zurück, der er zuvor war.

Das Gefühl der innigen Verbundenheit ist weit mehr als ein Gefühl: Es ist ein Zustand. Er entsteht im Gehirn und wirkt von dort auf den ganzen Körper. Betrachten Liebende die angebetete Person (oder nur ein Foto), regen sich Gehirnregionen, die das Hormon Dopamin produzieren, das Euphorie und Belohnungsgefühle hervorruft. Diese Vorgänge können die Wahrnehmung der Welt völlig umkrempeln. Und sie haben medizinische Konsequenzen.

Um der Kraft der Liebe auf die Spur zu kommen, müssen Probanden mitunter Qualen auf sich nehmen: In einem Experiment fügten kalifornische Psychologen jungen Frauen einen Schmerz am Arm zu. Diejenigen, die währenddessen ein Foto vom geliebten Partner ansehen durften, empfanden weniger Schmerzen, so das Ergebnis der 2009 im Fachblatt Psychological Science veröffentlichten Studie. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam der Psychologe James Coan, als er die Wirkung des Händchenhaltens untersuchte. Er versetzte Probanden leichte Stromstöße und maß dabei ihre Gehirnaktivität. Bei Testpersonen, denen der Partner die Hand hielt, war die Aktivität in jenen Hirnregionen, die Gefahr signalisieren, deutlich geringer als bei Vergleichspersonen. Sie ertrugen die Tortur mit weniger Furcht. Die Nähe eines Geliebten scheint demnach Schmerzen zu lindern und wie ein Beruhigungsmittel zu wirken.