Tust du mir gut?

Es ist der Tag ihrer Hochzeit, monatelang hat sie sich darauf gefreut, doch plötzlich – die Feier ist im vollen Gange – flammt ein unerträglicher Schmerz auf in der Brust der Braut. Das Atmen fällt ihr schwer, sie bricht zusammen. Das Fest ist jäh zu Ende.

Im Krankenhaus sieht alles nach einem Herzinfarkt aus, die Laborwerte, der Ultraschall. Dann aber stellt sich heraus: Das ist ein Irrtum. Was die Braut im wahrsten Sinne des Wortes "umhaute", war kein Infarkt. Es war das Liebesglück. Oder, wie Ärzte es nennen: "Happy-Heart-Syndrom".

Ja, es klingt wie die Szene aus einem Groschenroman. Doch der Fall entstammt einer Studie, die kürzlich im European Heart Journal veröffentlicht wurde. Die beschriebene Braut aus Kentucky ist einer von etwa zwanzig bekannten Fällen. Nicht viele, aber allen ist gemein: Das Happy-Heart-Syndrom trifft Menschen ausgerechnet dann, wenn sie im siebten Himmel schweben. Im März 2016 haben Mediziner das rätselhafte Phänomen erst entdeckt, das nicht weniger gefährlich ist als ein echter Infarkt. "Knapp vier Prozent der Patienten versterben in der Klinik, das ist fast so oft wie bei Herzinfarkten", sagt Christian Templin, leitender Kardiologe am Universitätsspital Zürich, einer der Studienautoren.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Die Braut aus Kentucky hat überlebt. Was ihr am Tag der Hochzeit das Herz zerriss, verstehen die Ärzte aber erst im Ansatz. Beim Happy-Heart-Syndrom bewegt sich die Herzwand plötzlich unregelmäßig und asymmetrisch, der Herzmuskel pumpt nicht mehr genug Blut durch den Körper. Insoweit sind die Symptome identisch mit denen eines Infarkts, allerdings liegt beim Happy-Heart-Syndrom keine Gefäßverengung vor. Ausgelöst wird die Fehlfunktion nach Ansicht der Mediziner allein durch körpereigene Botenstoffe, die mit intensiven Glücksgefühlen einhergehen. Die sind im Extremfall offenbar so wirkmächtig, dass sie dem Herzen schaden können.

Die Liebe hat schon immer Opfer gefordert. Die Literatur ist voll von unglücklichen Geschöpfen, die in ihren Gefühlen untergehen, von Goethes Werther bis zu Tolstois Anna Karenina. In den Gerichtssälen der Welt werden seit Menschengedenken Tötungsdelikte aus Leidenschaft verhandelt. Liebe ist ein Wagnis, sie treibt den Menschen zum Äußersten. Aber ist die Liebe auch eine Gefahr für die Gesundheit?

Um es gleich zu sagen: Hier soll nicht vor der erfüllten Liebe gewarnt werden. Die jüngst entdeckten Phänomene des Happy-Heart-Syndroms sind Einzelfälle – sie zeigen aber eindrucksvoll, dass die Liebe nichts ist, was sich im Zaume halten, was sich beiläufig abhandeln ließe. Sie überwältigt nicht nur den Geist, sondern auch den Körper. Liebe, das zeigt sich in der Wissenschaft immer deutlicher, wirkt bis in jede einzelne Zelle. Ob uns das wohltut oder schadet, kann niemand vorhersagen.

"Ich bin in sie verliebt, wusste Sumire auf einmal. So eindeutig, wie Eis kalt ist und Rosen rot sind. Und diese Liebe reißt mich mit ihrem Sog davon, so übermächtig, dass ich mich ihr nicht entziehen kann. Widerstand ist zwecklos. Vielleicht entführt sie mich an einen unbekannten, unheimlichen Ort, der vielleicht sogar gefährlich ist. Und das, was mich dort erwartet, wird mich zutiefst, ja tödlich verwunden. Vielleicht werde ich alles verlieren. Dennoch gibt es kein Zurück mehr. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich diesem Strom zu überlassen, auch wenn ich darin aufgehe und mein Wesen darin erlischt." (Sputnik Sweetheart, Haruki Murakami)

Am Anfang ist der Rausch des Zusammenseins, ein Fest, das später zur Festung wird, die über Jahre Kraft und Sicherheit gewährt – und in der Regel der Gesundheit sehr förderlich ist. Die positiven Wirkungen einer tiefen und vertrauensvollen Beziehung sind hinreichend belegt: Verheiratete Menschen leben im Schnitt deutlich länger, müssen seltener zum Arzt und liegen weniger lange im Krankenhaus. Sie haben ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes, Alzheimer oder Lungenkrankheiten und eine bessere Prognose bei Krebs. "Bei Menschen mit engen Beziehungen heilen Wunden schneller, sie werden seltener krank, sind weniger anfällig für Depressionen und Ängste", bestätigt der Bindungsforscher James Coan von der University of Virginia.

Widerstand ist zwecklos – die Liebe wirkt bis in die einzelne Zelle

Die Vorgänge, die eine Liebesbeziehung im Körper auslöst, aus deren Summe sich derartige statistische Vorteile ergeben, verstehen Forscher erst allmählich. Immer kleinteiliger entschlüsseln sie die Mechanismen auf molekularer Ebene, die Wirkungen von Nähe auf Nervensystem, Biochemie und Mikrobiologie. Die Liebe, so viel ist klar, lässt keinen Menschen als den zurück, der er zuvor war.

Das Gefühl der innigen Verbundenheit ist weit mehr als ein Gefühl: Es ist ein Zustand. Er entsteht im Gehirn und wirkt von dort auf den ganzen Körper. Betrachten Liebende die angebetete Person (oder nur ein Foto), regen sich Gehirnregionen, die das Hormon Dopamin produzieren, das Euphorie und Belohnungsgefühle hervorruft. Diese Vorgänge können die Wahrnehmung der Welt völlig umkrempeln. Und sie haben medizinische Konsequenzen.

Um der Kraft der Liebe auf die Spur zu kommen, müssen Probanden mitunter Qualen auf sich nehmen: In einem Experiment fügten kalifornische Psychologen jungen Frauen einen Schmerz am Arm zu. Diejenigen, die währenddessen ein Foto vom geliebten Partner ansehen durften, empfanden weniger Schmerzen, so das Ergebnis der 2009 im Fachblatt Psychological Science veröffentlichten Studie. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam der Psychologe James Coan, als er die Wirkung des Händchenhaltens untersuchte. Er versetzte Probanden leichte Stromstöße und maß dabei ihre Gehirnaktivität. Bei Testpersonen, denen der Partner die Hand hielt, war die Aktivität in jenen Hirnregionen, die Gefahr signalisieren, deutlich geringer als bei Vergleichspersonen. Sie ertrugen die Tortur mit weniger Furcht. Die Nähe eines Geliebten scheint demnach Schmerzen zu lindern und wie ein Beruhigungsmittel zu wirken.

Küssen stärkt die Abwehrkräfte

Eine Wurzel der Liebe, die das alles verursachen könnte, haben Forscher weit verzweigt im Innern des Körpers ausgemacht: den Vagusnerv. Er beginnt im Gehirn und zieht sich durch den ganzen Leib, er reicht bis in die Eingeweide und verschiedene Organe – auch ins Herz. Als Teil des sogenannten Parasympathikus bewirkt er im Herzen eine Art Entspannungsreaktion, senkt den Puls und sorgt für Beruhigung – was sich langfristig positiv auf die Herzgesundheit auswirkt, wie die US-Psychologin Barbara Fredrickson in ihrem Buch Die Macht der Liebe darlegt. Bei Verliebten und Menschen in langjährigen zufriedenen Beziehungen ist dieser Vaguseffekt wohl besonders häufig wirksam. Wenn zwei Liebende aufeinander eingespielt sind, dann sind gemeinsame Erlebnisse für sie wie ein Entspannungsbad – ihr Vagus dürfte dann permanent aktiv sein.

"Er bog ihr den Kopf über seinen Arm zurück und küsste sie, zuerst weich, dann plötzlich mit immer steigender Leidenschaft, bis sie sich an ihn klammerte als an das einzig Feste im Taumel einer schwankenden Welt. Seine fordernden Lippen drängten sich zwischen ihre bebenden, dass alle Nerven in ihr erschauerten und Empfindungen in ihr erwachten, von denen sie nie etwas gespürt hatte, und ehe sich alles im Schwindel drehte und auflöste, wurde sie inne, dass sie ihn wiederküsste." (Vom Winde verweht, Margaret Mitchell)

Der Kuss fasziniert die Forscher sehr. Er wirkt nämlich wie Medizin

Der leidenschaftliche Kuss, Inbegriff der Liebe: Er stimuliert die Nervenenden in den Lippen und setzt eine Kaskade in Gang, die den Körper wie eine Woge erfasst. Bereit? Im Gehirn wird das Hormon Dopamin ausgeschüttet, das Menschen in euphorische Stimmung versetzt. Diese Belohnung legt den Grundstein für das Bedürfnis, das Küssen bald zu wiederholen. Auch Endorphine und andere Glückshormone werden ausgeschüttet. Phenylethylamine stimulieren die Sexualorgane. Unser Körper wechselt in eine Art Sportmodus, die Gesichtsmuskeln werden trainiert, ein leidenschaftlicher Zungenkuss verbrennt zwischen 10 und 20 Kalorien. Sobald sich die Menschen und ihre Münder aufeinander eingelassen und aneinander gewöhnt haben, wirkt Küssen stresslindernd: Die Konzentration des Stresshormons Cortisol sinkt, wie Studien an zahlreichen verkabelten Paaren zeigten, die sich im Namen der Wissenschaft in Laboren küssten.

Der Kuss scheint eben auch Forscher zu faszinieren – seine Wirkung wurde medizinisch umfangreich untersucht. Japanische Wissenschaftler erprobten sogar die Wirksamkeit des Kusses bei Heuschnupfen-Patienten. Sie ließen 24 männliche und weibliche Allergiker jeweils 30 Minuten lang zu sanfter Musik ihre jeweiligen Partner küssen. Diese Zärtlichkeit reduzierte die Produktion von Allergen-Antikörpern und Botenstoffen wie Histamin – Küssen hilft also sogar gegen Heuschnupfen. Außerdem erwiesen: Ein leidenschaftlicher Kuss senkt die Cholesterinwerte und den Blutdruck. Über Jahre hinweg kann das durchaus einen günstigen Effekt haben, ein 70-jähriger Mensch in einer glücklichen Beziehung hat geschätzte 110.000 Minuten (also 77 volle Tage) seines Lebens mit Küssen verbracht.

Spurlos geht das an niemandem vorüber. Denn zugleich wird unser Körper beim Küssen neuem Stress ausgesetzt, jedenfalls auf mikrobiologischer Ebene. Die Liebenden tauschen dabei massenhaft Keime und Bakterien aus: 80 Millionen Mikroorganismen wandern bei einem zehn Sekunden dauernden Kuss von Mund zu Mund, so das Ergebnis niederländischer Mikrobiologen. Das ist kein Problem, im Gegenteil: Die Zahl der Immunzellen im Blut erhöht sich danach – Küssen stärkt also die Abwehrkräfte. Manche Biologen vermuten, dass wir dabei aus gutem Grund den Mund sowie Brustwarzen und Geschlechtsorgane des Partners bevorzugen: Hier tummeln sich besonders viele Mikroorganismen, auf die wir es evolutionsbiologisch abgesehen haben könnten. Die Wissenschaftsautoren Hanno Charisius und Richard Friebe spekulieren in ihrem Buch Bund fürs Leben sogar, der Sexualtrieb diene nicht nur der Fortpflanzung, sondern auch der Aneignung einer vielfältigen Bakterienschar durch Körperkontakt. Diese macht den eigenen Organismus womöglich widerstandsfähiger.

Dass Herzen wirklich brechen können, hat die Kardiologen erstaunt

Viel diskutiert wurde in jüngster Zeit über die Rolle des Mikrobioms: Es umfasst die Gesamtheit aller Mikroorganismen eines Menschen und ist bei jedem einzigartig. Neuen Erkenntnissen zufolge hat es Auswirkungen auf die Gesundheit und womöglich sogar auf das Verhalten eines Individuums: Manche Bakterien produzieren Substanzen, die im Gehirn an komplexen Reaktionen wie sozialem Verhalten beteiligt sind. Zumindest an Mäusen ließ sich schon zeigen, dass sich das Verhalten in Abhängigkeit vom Mikrobiom verändert. Und die Liebe, so scheint es, kann die Zusammensetzung nachhaltig verändern, wie niederländische Forscher feststellten: Paare, die sich oft küssen, beherbergen in ihren Mündern nach einiger Zeit eine ähnliche Bakterienmischung. Und doch ist das alles nur ein Vorspiel.

"Als Rosa gerade dachte, sie könne es nicht länger hinausschieben, bewegte Allan sich schneller, und er begann sie mit kurzen Stößen zu vögeln. Beide kamen im gleichen Augenblick. Wenn sie und Allan gleichzeitig kamen, war Rosas Orgasmus intensiver und länger. Sie spürte gern, wie er sich in sie entlud. Sie lagen da, feucht und miteinander verbunden. Sie hielt seinen Kopf. 'Ich liebe dich', sagte sie." (Ein unmögliches Angebot, Lily Brett)

Beim Sex drängt ein weiteres Hormon in den Vordergrund: Oxytocin, das schillernde Bindungshormon, das seit Jahren für Aufsehen sorgt. Es wird im Gehirn bei Berührungen und Küssen ausgeschüttet, in besonders hoher Konzentration aber beim Orgasmus und beim Stillen. So werden Bindungen, die evolutionsbiologisch erfolgreich sind (die beim Koitus der Geschlechter) oder sinnvoll (die der Mutter zum Kind) gefestigt. Wie dramatisch Oxytocin unser Denken und Handeln steuert, haben viele Studien gezeigt. Etwa das berühmte Experiment, bei dem Probanden fiktive Finanzinvestitionen tätigen sollten und diejenigen, denen zuvor Oxytocin in die Nase gesprüht wurde, ihrem Gegenüber deutlich mehr Vertrauen entgegenbrachten als andere ohne Oxytocin. Wer liebt und gerade von einer Begegnung mit dem geliebten Menschen kommt, handelt also wahrscheinlich vertrauensseliger. Doch das ist nicht die einzige Wirkung.

Ist das Herz tatsächlich ein Liebesorgan?

Oxytocin wirkt an vielen Stellen im Körper, es senkt den Blutdruck und die Konzentration des Stresshormons Cortisol – und wirkt sogar direkt am Herzen. Kardiologen haben eine bemerkenswerte Entdeckung gemacht: "Wir wissen heute nicht nur, dass sich an zahlreichen Stellen im Herzen Oxytocin-Rezeptoren befinden. Das Herz schüttet sogar selbst auch Oxytocin aus", sagt Christiane Waller, leitende Oberärztin am Universitätsklinikum Ulm. Sie erforscht, inwiefern Liebesbeziehungen vor Herzkrankheiten schützen und vermutet, dass Oxytocin dabei eine entscheidende Rolle spielt. Die Freisetzung des Hormons – und das ist die Sensation, die einen Paradigmenwechsel in der Wissenschaft herbeiführen könnte – wird zum Teil unmittelbar durch Berührungen ausgelöst, das Gehirn muss gar nicht in den Signalweg eingebunden sein. Der Impuls zur Freisetzung geht vom Reiz (einer Umarmung oder Sex) direkt zum Herzen! Dieses schüttet dann eigenes Oxytocin aus, ohne das Hirn zurate zu ziehen.

Ist das Herz am Ende tatsächlich ein Liebesorgan, wie es die Kitschsymbolik suggeriert? Darüber ließe sich nur spekulieren, meint Christiane Waller. Sie hat noch keine Erklärung dafür, warum das Herz derart selbstständig ins hormonelle Geschehen eingreift. Doch sie weiß, dass Oxytocin in vielerlei Hinsicht positiv im Herzen wirkt und schon kurzfristig den Blutdruck und den Puls sinken lässt.

Zwar gibt es noch keine Hinweise darauf, dass sich durch eine Beziehung die Oxytocin-Rezeptoren des Herzens oder die Stärke der Ausschüttung dauerhaft verändern. "Fest steht aber, dass sich das ganze Oxytocin-System bei häufiger Stimulation in seiner Wirkung potenziert", sagt Waller. Ein weiteres Werk der Liebe, das den Körper auf Dauer verändert.

Die enge Verbindung von Herz und Psyche beschäftigt die Mediziner. Die Entdeckungen der Psychokardiologie stellen das Lehrbuchwissen immer wieder auf den Kopf – das Happy-Heart-Syndrom ist nur ein Beispiel. Länger bekannt ist das Broken-Heart-Syndrom, das 20-mal häufiger vorkommt und dem derselbe Mechanismus zugrunde zu liegen scheint. Alles sieht nach Herzinfarkt aus, obwohl keine Durchblutungsstörung vorliegt. Nur trifft es in diesem Fall Menschen, die einen emotionalen Schock erleben, deren Herz im wahrsten Sinn des Wortes bricht, etwa weil der Partner sich abwendet oder stirbt. "Wer lange in einer Beziehung gelebt hat, der hat von deren positiven Effekten profitiert. Wenn die dann plötzlich wegbrechen, kann das über Monate und Jahre Folgen haben, wie einen Anstieg des Blutdrucks. Das Entsetzen über die plötzliche Schutzlosigkeit kann sich aber auch in einer Schockreaktion des Körpers zeigen, im Broken-Heart-Syndrom eben", sagt Christian von Bary, Chefarzt der kardiologischen Abteilung am Rotkreuzklinikum München. Das Erstaunliche für ihn ist bei beiden Phänomenen die Verquickung von Herz und Psyche: "Es ist der Beweis, dass Liebe und leider auch Liebeskummer einen direkten Effekt auf den Körper haben." Wie genau die Wandbewegungsstörung im Herzen zustande kommt, durch welche Botenstoffe sie ausgelöst wird, das wissen die Mediziner noch nicht. Die allermeisten der Broken-Heart- und Happy-Heart-Patienten erholen sich nach kurzer Zeit zwar vollständig, doch sind sie in der akuten Phase in echter Lebensgefahr.

"Liebe bedeutete für ihn das Verlangen, sich dem anderen auf Gedeih und Verderb auszuliefern. Wer sich dem anderen ausliefert wie ein Soldat in die Gefangenschaft, muss zuvor die Waffen strecken. Wenn er nichts mehr hat, um den Schlag abzuwehren, so kann er nicht umhin, sich zu fragen, wann dieser Schlag ihn treffen würde. Ich kann also sagen: für Franz bedeutete die Liebe ein ständiges Warten auf diesen Schlag." (Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Milan Kundera)

Doch auch zu große Behaglichkeit in der Partnerschaft ist nicht unbedingt förderlich. So treiben Verheiratete seltener Sport als Singles, wie eine Auswertung von Daten von 11.000 Männern und Frauen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung ergab. Demnach ist die Sportbegeisterung umso geringer, je stabiler die Beziehung ist. Kein Wunder, dass Verheiratete durchschnittlich zwei Kilogramm mehr wiegen als Singles. Letztere sind motiviert, ihr Gewicht zu halten, schließlich befinden sie sich noch im Wettbewerb. Verheiratete hingegen passen sich dem Partner an und übernehmen auch dessen Laster. Setzt der eine Speck an, steigt das Risiko für Übergewicht auch beim anderen um 37 Prozent. "Lass uns zusammen dick werden", lautet die Devise mitunter.

Trotzdem: Verheiratete leben länger. Den meisten Studien zufolge gilt das für beide Geschlechter. Es gibt aber auch Wissenschaftler, die zu einem anderen Schluss kommen: Sie hegen die These, dass Frauen von der Ehe gesundheitlich kaum profitieren, womöglich sogar Schaden nehmen. Stefan Felder, Professor für Gesundheitswirtschaft an der Universität Basel, entdeckte bei der Analyse der Daten von 100.000 verstorbenen Schweizern: Verheiratete Männer lebten fast zwei Jahre länger als alleinstehende, verheiratete Frauen hingegen lebten anderthalb Jahre kürzer als ihre unverheirateten Geschlechtsgenossinnen. Im Gegensatz zu anderen Studien war die Lebenszeit der verheirateten Frauen in Felders Untersuchung verkürzt. Warum? Dass kräftezehrende Schwangerschaften und Geburten oder das Großziehen der Kinder die Lebenserwartung senken, dafür gibt es keine Hinweise, im Gegenteil. Außerdem hat die Frau in der Ehe meist keine wechselnden Sexpartner, was das Infektionsrisiko sogar senkt. Felder erklärt sich den Nachteil der Frauen so: "Männer sind von Natur aus zerbrechlicher und risikobereiter, die Frauen müssen sie gewissermaßen domestizieren und mitziehen. Diese Anstrengung kostet Kraft und Zeit – Lebenszeit."

Da Frauen aber insgesamt eine höhere Lebenserwartung hätten, würden sie im Schnitt immer noch viereinhalb Jahre älter. "Doch das bedeutet auch, dass Frauen häufiger den Tod ihres Mannes überleben, dass sie also ein Verlusterlebnis verkraften müssen, was sich in den meisten Fällen negativ auf die Lebenserwartung auswirkt."

Vor allem die Männer scheinen zu profitieren

Verstärkt wird diese Tendenz dadurch, dass Männer in der Regel älter sind als ihre Partnerinnen. Vor allem wenn die Frau deutlich jünger ist, hat sie später oft das Nachsehen: Der ältere Mann verliert an Attraktivität, wird krank und hinterlässt schließlich eine relativ junge Witwe. Für Männer hingegen scheint es auf den ersten Blick von Vorteil zu sein, eine jüngere Frau zu haben. Einer Studie der Stockholm-Universität zufolge erhöht eine solche Verbindung ihre Lebenserwartung deutlich. Offenbar überwiegt der Verjüngungseffekt gegenüber der Anstrengung. Doch der sozioökonomische Wandel könnte das Blatt wenden: Weil Frauen finanziell unabhängiger und anspruchsvoller geworden sind, kommt es zunehmend vor, dass sie die Männer verlassen, wenn diese 70 Jahre und älter sind.

Profitieren am Ende doch nur die Männer von der Ehe?

Alles in allem scheinen die Männer dennoch bislang von der Liebe besonders zu profitieren. Das Motto "Viel hilft viel" gilt in diesem Fall aber nicht: Wer polygam lebt, also mehrere Frauen hat, etwa im arabischen Raum, setzt seine Gesundheit aufs Spiel. Einer Studie des Kardiologen Amin Daoulah aus Saudi-Arabien zufolge haben solche Ehemänner ein 4,6-fach erhöhtes Risiko, sich koronare Herzkrankheiten zuzuziehen. Offenbar sind die finanziellen und emotionalen Aufwendungen für eine zweite, dritte oder gar vierte Gattin einfach kräftezehrend.

Frauen und Männer, die möglichst lange und gut leben und verheiratet sein wollen, sollten sich daher einen einzelnen Partner suchen, der idealerweise nur ein oder zwei Jahre jünger oder älter ist.

"Bald wirst Du jetzt zweiundachtzig sein. Du bist um sechs Zentimeter kleiner geworden, Du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist Du schön, graziös und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe Dich mehr denn je. Kürzlich habe ich mich von neuem in Dich verliebt, und wieder trage ich in meiner Brust diese zehrende Leere, die einzig die Wärme Deines Körpers an dem meinen auszufüllen vermag." (Brief an D., André Gorz)

Manchmal gelingt die Liebe ein Leben lang, und Paare werden gemeinsam alt. Die Hoffnung darauf treibt uns immer wieder an. Wir geben uns dem Risiko hin, liefern uns der Liebe aus. Auch wenn sie gefährlich ist: Die Liebe bringt Menschen dazu, Bindungen einzugehen, Kontinente zu bereisen, Bücher zu schreiben, Sprachen zu lernen, sich weiterzuentwickeln. Sie ist die freudigste Antriebsfeder der menschlichen Natur. Und sie überträgt eine wohltuende Kraft auf unseren Körper, die von trainierten Gesichtsmuskeln bis hin zu einer hohen Lebenserwartung reicht. Wer das Glück der langen Liebe erlebt, stärkt wie von selbst den Organismus. Der Schriftsteller Khalil Gibran hat recht, wenn er schreibt: Nur Liebe und Tod ändern die Dinge.

Dieser Artikel ist im Recherche-Verbund mit der Redaktion Medizin des Bayerischen Rundfunks entstanden.