Eine Wurzel der Liebe, die das alles verursachen könnte, haben Forscher weit verzweigt im Innern des Körpers ausgemacht: den Vagusnerv. Er beginnt im Gehirn und zieht sich durch den ganzen Leib, er reicht bis in die Eingeweide und verschiedene Organe – auch ins Herz. Als Teil des sogenannten Parasympathikus bewirkt er im Herzen eine Art Entspannungsreaktion, senkt den Puls und sorgt für Beruhigung – was sich langfristig positiv auf die Herzgesundheit auswirkt, wie die US-Psychologin Barbara Fredrickson in ihrem Buch Die Macht der Liebe darlegt. Bei Verliebten und Menschen in langjährigen zufriedenen Beziehungen ist dieser Vaguseffekt wohl besonders häufig wirksam. Wenn zwei Liebende aufeinander eingespielt sind, dann sind gemeinsame Erlebnisse für sie wie ein Entspannungsbad – ihr Vagus dürfte dann permanent aktiv sein.

"Er bog ihr den Kopf über seinen Arm zurück und küsste sie, zuerst weich, dann plötzlich mit immer steigender Leidenschaft, bis sie sich an ihn klammerte als an das einzig Feste im Taumel einer schwankenden Welt. Seine fordernden Lippen drängten sich zwischen ihre bebenden, dass alle Nerven in ihr erschauerten und Empfindungen in ihr erwachten, von denen sie nie etwas gespürt hatte, und ehe sich alles im Schwindel drehte und auflöste, wurde sie inne, dass sie ihn wiederküsste." (Vom Winde verweht, Margaret Mitchell)

Der Kuss fasziniert die Forscher sehr. Er wirkt nämlich wie Medizin

Der leidenschaftliche Kuss, Inbegriff der Liebe: Er stimuliert die Nervenenden in den Lippen und setzt eine Kaskade in Gang, die den Körper wie eine Woge erfasst. Bereit? Im Gehirn wird das Hormon Dopamin ausgeschüttet, das Menschen in euphorische Stimmung versetzt. Diese Belohnung legt den Grundstein für das Bedürfnis, das Küssen bald zu wiederholen. Auch Endorphine und andere Glückshormone werden ausgeschüttet. Phenylethylamine stimulieren die Sexualorgane. Unser Körper wechselt in eine Art Sportmodus, die Gesichtsmuskeln werden trainiert, ein leidenschaftlicher Zungenkuss verbrennt zwischen 10 und 20 Kalorien. Sobald sich die Menschen und ihre Münder aufeinander eingelassen und aneinander gewöhnt haben, wirkt Küssen stresslindernd: Die Konzentration des Stresshormons Cortisol sinkt, wie Studien an zahlreichen verkabelten Paaren zeigten, die sich im Namen der Wissenschaft in Laboren küssten.

Der Kuss scheint eben auch Forscher zu faszinieren – seine Wirkung wurde medizinisch umfangreich untersucht. Japanische Wissenschaftler erprobten sogar die Wirksamkeit des Kusses bei Heuschnupfen-Patienten. Sie ließen 24 männliche und weibliche Allergiker jeweils 30 Minuten lang zu sanfter Musik ihre jeweiligen Partner küssen. Diese Zärtlichkeit reduzierte die Produktion von Allergen-Antikörpern und Botenstoffen wie Histamin – Küssen hilft also sogar gegen Heuschnupfen. Außerdem erwiesen: Ein leidenschaftlicher Kuss senkt die Cholesterinwerte und den Blutdruck. Über Jahre hinweg kann das durchaus einen günstigen Effekt haben, ein 70-jähriger Mensch in einer glücklichen Beziehung hat geschätzte 110.000 Minuten (also 77 volle Tage) seines Lebens mit Küssen verbracht.

Spurlos geht das an niemandem vorüber. Denn zugleich wird unser Körper beim Küssen neuem Stress ausgesetzt, jedenfalls auf mikrobiologischer Ebene. Die Liebenden tauschen dabei massenhaft Keime und Bakterien aus: 80 Millionen Mikroorganismen wandern bei einem zehn Sekunden dauernden Kuss von Mund zu Mund, so das Ergebnis niederländischer Mikrobiologen. Das ist kein Problem, im Gegenteil: Die Zahl der Immunzellen im Blut erhöht sich danach – Küssen stärkt also die Abwehrkräfte. Manche Biologen vermuten, dass wir dabei aus gutem Grund den Mund sowie Brustwarzen und Geschlechtsorgane des Partners bevorzugen: Hier tummeln sich besonders viele Mikroorganismen, auf die wir es evolutionsbiologisch abgesehen haben könnten. Die Wissenschaftsautoren Hanno Charisius und Richard Friebe spekulieren in ihrem Buch Bund fürs Leben sogar, der Sexualtrieb diene nicht nur der Fortpflanzung, sondern auch der Aneignung einer vielfältigen Bakterienschar durch Körperkontakt. Diese macht den eigenen Organismus womöglich widerstandsfähiger.

Dass Herzen wirklich brechen können, hat die Kardiologen erstaunt

Viel diskutiert wurde in jüngster Zeit über die Rolle des Mikrobioms: Es umfasst die Gesamtheit aller Mikroorganismen eines Menschen und ist bei jedem einzigartig. Neuen Erkenntnissen zufolge hat es Auswirkungen auf die Gesundheit und womöglich sogar auf das Verhalten eines Individuums: Manche Bakterien produzieren Substanzen, die im Gehirn an komplexen Reaktionen wie sozialem Verhalten beteiligt sind. Zumindest an Mäusen ließ sich schon zeigen, dass sich das Verhalten in Abhängigkeit vom Mikrobiom verändert. Und die Liebe, so scheint es, kann die Zusammensetzung nachhaltig verändern, wie niederländische Forscher feststellten: Paare, die sich oft küssen, beherbergen in ihren Mündern nach einiger Zeit eine ähnliche Bakterienmischung. Und doch ist das alles nur ein Vorspiel.

"Als Rosa gerade dachte, sie könne es nicht länger hinausschieben, bewegte Allan sich schneller, und er begann sie mit kurzen Stößen zu vögeln. Beide kamen im gleichen Augenblick. Wenn sie und Allan gleichzeitig kamen, war Rosas Orgasmus intensiver und länger. Sie spürte gern, wie er sich in sie entlud. Sie lagen da, feucht und miteinander verbunden. Sie hielt seinen Kopf. 'Ich liebe dich', sagte sie." (Ein unmögliches Angebot, Lily Brett)

Beim Sex drängt ein weiteres Hormon in den Vordergrund: Oxytocin, das schillernde Bindungshormon, das seit Jahren für Aufsehen sorgt. Es wird im Gehirn bei Berührungen und Küssen ausgeschüttet, in besonders hoher Konzentration aber beim Orgasmus und beim Stillen. So werden Bindungen, die evolutionsbiologisch erfolgreich sind (die beim Koitus der Geschlechter) oder sinnvoll (die der Mutter zum Kind) gefestigt. Wie dramatisch Oxytocin unser Denken und Handeln steuert, haben viele Studien gezeigt. Etwa das berühmte Experiment, bei dem Probanden fiktive Finanzinvestitionen tätigen sollten und diejenigen, denen zuvor Oxytocin in die Nase gesprüht wurde, ihrem Gegenüber deutlich mehr Vertrauen entgegenbrachten als andere ohne Oxytocin. Wer liebt und gerade von einer Begegnung mit dem geliebten Menschen kommt, handelt also wahrscheinlich vertrauensseliger. Doch das ist nicht die einzige Wirkung.