Keine Staus, keine Abgase, kein Umsteigen: Ein Münchner Start-up entwickelt einen Elektrojet für jeden. Kann das klappen?

Ein Firmenschild haben sie keines, die Erfinder der Mobilität von morgen. Nur ein provisorisches A4-Blatt mit Pfeil und Logo, das den Weg zu ihrem Büro in Oberpfaffenhofen weist: "Lilium Aviation". Die vier Gründer sitzen im frisch geweißelten Konferenzraum, knabbern Kekse, trinken Kaffee und wissen gar nicht, wo sie anfangen sollen. Irgendwie klingt ihre Idee immer noch ziemlich abgefahren. Egal, wie oft sie davon erzählen.

Die Erzählung geht so: Vier Ingenieurstudenten wollen den Verkehr revolutionieren, die Staus in den Städten abschaffen, das nervige Umsteigen mit Bus und Bahn, die Abgase und den Lärm. Sie träumen davon, dass in Zukunft alle Menschen mit kleinen Elektro-Jets auf Luftstraßen unterwegs sein werden. Direkt vom Vorgarten oder vom Flachdach werden sie starten, wie Bruce Willis in Das fünfte Element, senkrecht nach oben und dann über Staus, Städte und Gebirge schweben. Zur Arbeit, in den Urlaub, oder mal schnell bei Oma vorbei. Ihr Traum ist nicht weniger als das Flugzeug für jedermann.

Die Idee zum senkrecht startenden Elektrojet stammt von Daniel Wiegand, 29, ehemals Energietechnik-Student, heute CEO des Unternehmens. Beim Auslandssemester in Glasgow stieß er auf ein YouTube-Video mit einem amerikanischen Senkrechtstarter namens V-22 Osprey, einem Militärflugzeug. Auf kleinstem Raum senkrecht starten und landen, ohne die Infrastruktur eines Flughafens, das muss auch für den Individualverkehr möglich sein, war Wiegands erster Gedanke. Nur umweltfreundlicher und leiser müsste der Flieger sein. Wiegand berechnete physikalische Rahmenbedingungen und entschied ein paar Tage später: "Ich gründe ein Unternehmen!"

Zurück in München, erzählt er seinem Kumpel Sebastian Born, Maschinenbau-Doktorand, von seinen Berechnungen für ein personal air vehicle, kurz PAV. Born ist erst skeptisch, bald überzeugt und später euphorisch. Sie holen auch noch Patrick Nathen ins Team, studierter Aerodynamiker, und später Matthias Meiner, Mechatroniker. Damit ist das Team komplett. Auf einen Betriebswirtschaftler verzichten die Ingenieure, denn, so sagen die Gründer von sich selbst: "Wir denken alle unternehmerisch." Im Februar 2015 wird das Start-up offiziell gegründet.

Es ist fortan eine Kombination aus Größenwahn und Erfinderoptimismus, die die Ingenieure antreibt. Freunde und Professoren belächeln sie für ihren Übermut; sie glauben nicht, dass man zu viert einfach mal so ein Flugzeug entwickeln kann. Bei staatlichen Förderprogrammen fallen sie durch, weil die Entwicklung zu lange dauert und die Unternehmung zu riskant erscheint. Typisch deutsch, finden die Gründer. "Wir sind eben nicht in eineinhalb Jahren marktreif", sagt Nathen. "Sorry, wir bauen ein Flugzeug!"

Von der Größe ihrer Idee lassen sie sich nicht abschrecken. "Eine große Idee umzusetzen bedeutet anfangs nicht mehr als eine kleine", sagt Matthias Meiner. Sie sind sich sicher: Die Materialien sind heute leicht genug, um ultraleichte Flugzeuge zu bauen, die Batterien sind stark genug, um sie anzutreiben, und die Computer schlau genug, um sie zu lenken. Monatelang rechnen sie, simulieren und entwickeln, schreiben einen Businessplan und suchen nach Investoren.

Sie präsentieren ihre Erfindung erst in Las Vegas, später bei der Europäischen Raumfahrtbehörde und bei der Konferenz Ecosummit in London. Der Risikoinvestor Frank Thelen unterstützt sie, daneben andere europäische Geldgeber, die sie nicht nennen wollen. Auch die Europäische Weltraumorganisation Esa nimmt sie in ihr Start-up-Programm auf.

Aus den Studenten, die im WG-Zimmer erste Prototypen zusammenbasteln, werden Vorgesetzte. Von vier auf fast 30 Mitarbeiter ist die Firma schon gewachsen, dreizehn weitere Stellen für Ingenieure sind auf der Website ausgeschrieben. Experten für Flugbatterien oder Antriebssysteme zu finden sei gar nicht so einfach, der Markt für Fachleute ist knapp. "Bei uns ist es, als wärst du einer der ersten zehn Mitarbeiter von Google oder Tesla", versprechen die Jungs deshalb großspurig. Tesla-Gründer Elon Musk ist eines ihrer Vorbilder.