Bei Sonnenschein erstrahlt die rote Sandsteinfassade des Mainzer Landtages. Nicht weniger strahlend empfängt die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer den Besuch. In der Politik muss man sich ständig auf eine neue Lage einstellen, mit veränderten Gegebenheiten umgehen. Schon morgen kann die Welt eine andere sein. Malu Dreyer weiß das, sie kennt es von ihrem Körper. Sie leidet an Multipler Sklerose, einer unberechenbaren Krankheit. Ein Gespräch mit dem Psychologen Louis Lewitan.

ZEIT Doctor: Frau Dreyer, wie gut schlafen Sie bei all den Problemen, die Sie als Ministerpräsidentin auf Ihren Schultern tragen?

Malu Dreyer: Ich schlafe sehr gut, das war bei mir schon als Kind so. Ich habe einfach Gottvertrauen. Wenn ich mich abends ins Bett lege, denke ich noch einmal über den Tag nach, dann lasse ich alles los.

ZEIT Doctor: Auch wenn Sie Ärger haben und attackiert werden?

Dreyer: Ich habe schon ein paar Tricks. Bei Dingen, die mich fast umbringen vor Ärger oder stark beschäftigen, sage ich abends: Jetzt ist Schluss, morgen ist das auch noch alles da, und dann ist Zeit, sich damit zu beschäftigen. Ich lege die Sorgen gedanklich in ein Marmeladenglas, mache es zu und stelle es weg.

ZEIT Doctor: Visualisieren Sie das tatsächlich?

Dreyer: Ja, ich muss die Sache für mich zu einem Ende bringen, obwohl sie nicht zu Ende ist. Ich muss die Sorgen irgendwo ablegen, denn die ganze Nacht darüber nachzudenken bringt gar nichts. So war es auch nach meiner Diagnose. Irgendwann, nach all den schlimmen Gefühlen habe ich mir gesagt: Jetzt ist es mal gut, jetzt richte ich den Blick nach vorne.

ZEIT Doctor: Sie haben viele Verpflichtungen, wie schaffen Sie es, den Tag über hauszuhalten mit Ihrer Energie?

Dreyer: Da ich viel im Auto unterwegs bin, gibt es schon Momente, um abzuschalten. Gut, meist muss ich mich auf den nächsten Termin vorbereiten, aber ich gönne mir auch mal ein paar Minuten, um zu mir zu kommen – dann gucke ich aus dem Fenster und lasse die Landschaft bewusst an mir vorbeiziehen.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

ZEIT Doctor: Bei Ihnen war ja viel los: der Wahlkampf, der Ärger um den Flughafen Hahn, zuletzt der Antrag auf ein Misstrauensvotum gegen Sie. Haben Sie auch mal ein freies Wochenende?

Dreyer: Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt mal einen Tag hatte, an dem ich nicht Politik gemacht habe. Auch der extreme Flüchtlingszustrom war eine Situation, in der es absolut wichtig war, Tag und Nacht zu wissen, was läuft. Es ist nicht mehr wie früher, als ich sagen konnte, ich bin jetzt mal für zwei Wochen weg. Wenn ein hochrangiger Politiker Ihnen etwas anderes erzählt, dann stimmt das nicht.

ZEIT Doctor: Ich habe gelesen, dass es sechs Personen gibt, die Sie häufig treffen. Um wen handelt es sich?

Dreyer: Das sind meine Freundinnen aus Studienzeiten. Dieser Kreis hat sich hier in Mainz gefunden, im Verein für feministische Mädchenarbeit. Wir haben damals zusammen ein Frauenhaus aufgebaut, für Mädchen, die bedroht oder missbraucht worden sind. Unsere Grundwerte und das Solidarische, sich für andere einzusetzen, verbindet uns sehr. Es sind bis zum heutigen Tag meine allerbesten Freundinnen.

ZEIT Doctor: Was geben Ihnen diese Treffen?

Dreyer: Diese Frauen sind eine emotionale Heimat für mich. Unsere Lebenswege sind zwar sehr unterschiedlich verlaufen, aber wir haben uns immer gegenseitig gestärkt. Wir sind total parteiisch füreinander. Meine Freundinnen gehörten zu den wenigen, die von Anfang an von meiner Multiplen Sklerose wussten. Sie waren gute Ratgeberinnen, denn sie sehen das Positive am Leben und dass man sehr viel schaffen kann.

ZEIT Doctor: Warum sind Sie damals, 1995, zum Arzt gegangen?

Dreyer: Ich habe beim Inlineskaten gemerkt, dass ich das Bein nach einer Weile schleife, und ich spürte oft ein Kribbeln in der Hand und im Bein. Ich bin zu einem Orthopäden gegangen, der sagte mir, die Symptome könnten jedenfalls nichts mit der Wirbelsäule zu tun haben. Dann bin ich zum Neurologen, der mich ins MRT schickte. Ich bekam kurzfristig einen Termin um zehn Uhr abends bei einem eher unsensiblen Radiologen. Der sagte mir mitten in der Nacht, er müsse die Bilder zwar noch auswerten, aber es könnte gut sein, dass es MS ist. Das war wie ein Schlag auf den Kopf. Da stand ich nun, ich war ganz alleine beim Arzt, denn ich hatte ja gar nichts Schlimmes befürchtet.

ZEIT Doctor: Der Arzt hatte wohl kein Gespür für die Situation.