Deutschlands Muslime leben ihren Glauben unterschiedlich – die einen legen ihn liberal aus, die anderen ultrakonservativ, die einen sind undogmatisch, die anderen sehen sich eng mit den muslimischen Verbänden verbunden. Diese Bandbreite wird in der öffentlichen Debatte selten abgebildet: Medien und Politik sind auf die Verbände fokussiert, wenn sie "die Muslime" meinen. Das ist unbeholfen – und falsch dazu. Denn die große Mehrheit ist nicht organisiert. Von den rund vier Millionen Muslimen in Deutschland fühlen sich nur 25 Prozent von den Verbänden vertreten.

Zum Erwachsenwerden eines Einwanderungslandes gehört, genau hinzuschauen, wer am Tisch Platz nehmen will, wenn es darum geht, über unser Zusammenleben in Deutschland zu verhandeln. Den beanspruchen für die deutschen Muslime unter anderem die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib), der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) und die Islamische Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG).

Die Ditib sei ein gemäßigter und unabhängiger Verband, so dachten Politiker in Deutschland lange. Nach dem Putschversuch in der Türkei haben Ditib-Funktionäre gezeigt, wo sie stehen. Sie initiierten eine regelrechte Hetzkampagne "Kauf nicht beim Gülen-Mann", also bei Anhängern des islamischen Predigers Fethullah Gülen, der die türkische Regierung als Drahtzieher verdächtigt. Schon seit ihrer Gründung vor 30 Jahren steht die Ditib unter dem Verdacht, vom türkischen Staat gesteuert zu werden. So zeigt ein Blick in die Satzung, dass Mitglieder der Konsulate in ihren Gremien vorgeschrieben sind. Diese werden sicher nicht nur zum Teetrinken eingeladen. Wer wollte, konnte schon früh erkennen, wie groß der Einfluss ist: Während des türkischen Wahlkampfs im Jahr 2015 beteiligten sich Ditib-Moscheen an Veranstaltungen der UETD (Union Europäisch-Türkischer Demokraten). Sie gilt als europäischer Ableger der türkischen Regierungspartei von Präsident Tayyip Erdoğan, der AKP. Und auch bei der Besetzung von Führungsämtern mischt die Türkei mit. So wurde vor Kurzem der Vorsitzende des hessischen Ditib-Landesverbands abgewählt, weil er in Ankara in Ungnade gefallen war. Brisant sind auch Medienberichte über die Bespitzelung türkeistämmiger Oppositioneller durch Ditib. Unbestreitbar ist: Wo Ditib draufsteht, ist die Ideologie der AKP-Türkei drin.

Dieser ideologische Ballast ist ebenfalls das Problem der Milli Görüş. Ihr Gründer Necmettin Erbakan ist der politische Ziehvater Erdoğans. Nicht ohne Grund wurde Milli Görüş durch den deutschen Verfassungsschutz beobachtet – und wird es in Teilen heute noch. Und auch der Zentralrat der Muslime muss sich den Vorwurf gefallen lassen, unter seinem Dach islamistische Verbände zu dulden.

Die jetzige Debatte ist für die Verbände die Chance, einen deutschen Islam zu begründen und sich von ausländischen Interessen zu lösen. Konkret heißt das: neue Satzungen ohne den Einfluss von Konsulaten, in Deutschland aufgewachsene und ausgebildete Imame, kein Geld und keine Prediger mehr aus dem Ausland. Ein solcher Kurswechsel ist die Voraussetzung dafür, um hierzulande ein Partner für Politik und Staat zu werden. Dass Nordrhein-Westfalen nun bei einem Programm zur Bekämpfung von islamischem Extremismus die Zusammenarbeit mit der Ditib aufkündigt hat, ist daher richtig. Jetzt ist es an dem Verband, sich zu entscheiden, ob er Vertreter der türkischen Regierung oder der Muslime in Deutschland sein will.

Halten die Ditib und die anderen Organisationen an ihrem bisherigen Kurs fest, sind sie die Falschen, mit denen der deutsche Staat über islamischen Religionsunterricht, Staatsverträge, islamische Lehrstühle oder die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts verhandeln sollte. Dann können sie gerne ein Dasein in den Hinterhöfen unseres Landes führen. Unsere Gesellschaft wird das überleben.

Sind sie jedoch zum Wandel bereit, dann liegt es an uns, ihnen Brücken zu bauen – heißt: sie finanziell unabhängig vom Ausland zu machen. Diese Unabhängigkeit ist Voraussetzung für eine Reform, die neues Denken und neues Personal zulässt. All das erfordert von der deutschen Politik einen Plan, den es bis heute nicht gibt. Sie hat sich mit der bestehenden Verbandsstruktur arrangiert. Schließlich war es billig und bequem, die Muslime den Geldgebern im Ausland zu überlassen. Jetzt gilt: Raus aus der Komfortzone. Wandel muss auf beiden Seiten stattfinden.

Die noch größere Herausforderung wird allerdings sein, die nicht organisierten Muslime zu erreichen. Die deutsche Regierung muss jenseits der Verbände aktiv werden. Wenn es zum Beispiel darum geht, den Islamunterricht an unseren Schulen zu gestalten, sind die Lehrer entscheidend. Sie müssen an deutschen Hochschulen ausgebildet werden. Um das zu regeln, braucht die Politik keine Verbandsfunktionäre. Und auch wir als Gesellschaft sind gefordert. Wir müssen zeigen, dass in Deutschland Teilhabe keine Frage des Glaubens ist, zum Beispiel durch eine liberale Haltung zum Kopftuch.

"Der Islam gehört zu Deutschland" – dieser Satz hat vielen Bürgern Angst gemacht. Vielleicht, weil nicht wenige den Islam nur mit (ultra-)konservativen Verbänden und ihren männlichen Vorstandsriegen verbinden. Die vielen Muslime, die sich für unsere Gemeinschaft täglich einsetzen, sind es wert, dass Politik und Gesellschaft sie als unterschiedliche Individuen wahrnehmen.