Wissen, was man tun müsste, das reicht Heinz Gutscher nicht. Er will, dass man es auch tut. Zum Beispiel den Stau beseitigen. So wie damals, in einer Juniwoche im Jahr 1999, als der Kanton Aargau entschieden hatte: Es sollten fortan weniger Autos auf der Autobahn 1 den Bareggtunnel durchqueren. Gutscher, der damals 52 Jahre alte Professor für Sozialpsychologie an der Uni Zürich, wagte am Baregg, diesem Nadelöhr der Nation, ein weltweit einzigartiges Experiment. Er wollte die Autofahrer nicht mit Zwang oder finanziellen Anreizen dazu bringen, den Tunnel während der Hauptverkehrszeiten zu meiden – nein, sie sollten das freiwillig tun. Also Fahrgemeinschaften bilden oder auf den öffentlichen Verkehr umsteigen. Im Idealfall, dachte sich Gutscher, würden so viele Automobilisten mitmachen, dass der Stau vielleicht nicht ganz aufgelöst, aber zumindest kürzer würde.

Dabei vertraute Gutscher ganz auf die Kraft der Aufklärung: Wer von den negativen Folgen des Staus, den Unfällen, dem Zeitverlust, den volkswirtschaftlichen Kosten weiß, der wird vernünftig – und steigt um.

Ein Wirgefühl, einen sozialen Druck wollte der Professor aufbauen. Doch das Experiment scheiterte.

Die Zahl der Fahrzeuge nahm viel weniger stark ab, als erhofft. Der Blick spottete: "1 Million für diesen Flop – Geld weg, Stau da". Doch Gutscher ließ sich nicht beirren. Bald lancierte er die nächste furiose Idee: Er wollte den Gotthard-Straßentunnel wie eine Fähre bewirtschaften. Zu Spitzenzeiten sollten sich Autofahrer erst anmelden und nachfragen, wann eine freie Durchfahrt möglich sei. Die Schweizer Illustrierte schickte ihm als Dank für diesen Einfall einen Kaktus an die Universität.

Seit seinen Stau-Experimenten ist Gutscher im ganzen Land bekannt. Politiker, Behörden und Journalisten holen bei ihm Rat, wann immer es darum geht: Wie ökologisch verhalten sich die Schweizer?

Nun sitzt Gutscher, in sportlich-legerem Hemd ohne Krawatte, vor einem Mineralwasser in einem Lokal in der Halle des Zürcher Hauptbahnhofs. Der pensionierte Wissenschaftler spricht ein präzises Zürichdeutsch, das keine Spur von Müdigkeit erkennen lässt. Hinter uns fahren die Züge genau getaktet ein und aus. Pendlerströme wälzen sich durch die Halle. "Es gibt halt den idealen Stau", sagt Gutscher mit Bedauern in der Stimme. "Solange genug Leute den Stau erträglich finden, wird es ihn geben." Das Baregg-Experiment verteidigt er weiterhin: Man hätte es einfach weiterführen müssen. Den Beweis dafür fand er zur selben Zeit in Münsingen. Dort gelang es, die Leute mit Spaß – statt mit Moral oder Zwang – dazu zu bewegen, langsamer durch die Gemeinde zu fahren. Im Dorf fand eine für alle einsehbare Geschwindigkeitskontrolle statt, die Kinder malten Infoplakate und jeder Teilnehmer erhielt einen Schlüsselanhänger – als Erinnerung an die selbst auferlegte Temporeduktion

Solche Experimente seien wichtig, um herausfinden, wie sich das massenhafte Verhalten verändern lasse, sagt Gutscher. Er will niemandem das Auto verbieten, wie ihm die Schweizer Illustrierte vorwarf. Schließlich besitzt der "Autofahrer alter Schule", wie er sich bezeichnet, selber ein Cabriolet: "Ich fahre auch im Winter offen!" Und er findet es noch immer verlockend, schnell nach Italien zu fahren. Allein: Er gibt dem Reiz nicht mehr so rasch nach und beschränkt sich: "Ich fahre noch rund 2.500 Kilometer pro Jahr mit dem Auto." Sonst benutzt der bald 70-jährige Wissenschaftler den öffentlichen Verkehr oder das Fahrrad – und er ist aus einer Vorortsgemeinde ins Zentrum der Stadt Zürich gezogen.

Das Thema, das Gutscher ein Forscherleben lang umgetrieben und zu einem gefragten Experten weit über die Landesgrenze hinaus gemacht hat, beschäftigt ihn noch immer: "Eigentlich wissen wir, was wir tun müssten, um umweltgerecht zu handeln", sagt er. "Doch was braucht es, damit wir dies auch tun?" Und so die großen Fragen der Zukunft lösen können: den Klimawandel, den Verlust an Biodiversität oder die Energiewende.