Wenn man von einer Raumsonde etwas Großes erwartet, gibt man ihr den Namen Osiris, Herrscher über die ägyptische Totenwelt. Wenn es etwas ganz Großes werden soll, hängt man noch ein Rex dran. Osiris-Rex heißt die Raumsonde, die in diesem September starten soll. Der wenige Meter große Würfel schultert die Hoffnungen, Zwänge und Befürchtungen der amerikanischen Raumfahrt im 21. Jahrhundert. Er soll die Herkunft des Lebens erklären helfen, den Weg zum Mars bereiten und nebenbei den Menschen noch Klarheit über ihren möglichen Untergang verschaffen. Wenn man sich die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa nebst ihrer Raumfahrzeuge als einen einzigen großen Familienclan vorstellt, dann ist Osiris-Rex das Kind, auf dem gerade alle Erwartungen ruhen.

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag soll die Sonde an der Spitze einer Atlas-V-Rakete ins All geschossen werden, um dann mit einem Tempo von rund 19.000 Stundenkilometern auf eine siebenjährige Reise zu gehen. Zwei Jahre lang muss der Sohn mit dem Angebernamen zunächst durchs All fliegen, zum ersten Mal auf sich allein gestellt.

Bislang ist Osiris-Rex ständig von weißen Kittelträgern gepflegt und betätschelt worden, abgeschottet in den Hallen seines Herstellers Lockheed Martin. 800 Kilo wiegt er, hat er den Bauch voller Treibstoff, bringt er es knapp auf das dreifache Gewicht. Ein mit Technik vollgestopfter Klotz von Sonde, gehüllt in dicke, goldene Isolationsfolie. Obenauf sitzt ein kleines Hütchen, das für seine Mission eine zentrale Rolle spielt.

Das All wird er allein durchqueren, aber die Familie wird ihn sehr genau im Auge behalten. Sein Leben verläuft in jenen Bahnen, die sie für ihn vorgesehen hat, jeder Kontakt ist vorbestimmt. So auch jenes Rendezvous, für das Osiris-Rex auserkoren wurde.

Im Jahr 2018 trifft der einsame Flieger auf den Asteroiden 101955 Bennu, einen Klumpen von 500 Meter Durchmesser. Wahrscheinlich birgt der in seinem Innern Metalle wie Eisen und Nickel. Bennus Umlaufbahn um die Sonne führt ihn mal zwischen Venus und Erde, mal zwischen Erde und Mars hindurch. Wie Asteroiden eben so sind.

Im August 2018 beginnt für Osiris-Rex und Bennu der Flirt. Insgesamt 505 Tage soll die Beziehung dauern. Zunächst lässt Rex mindestens ein Jahr lang seinen Blick über Bennus Oberfläche schweifen. Mit Kameras, Lasern und Spektrometern kartiert er die staubige Kruste des Asteroiden und das, was sich wenige Millimeter unter dessen Oberfläche befindet. Bei dem Vorspiel wird er sich Zeit lassen, Osiris-Rex ist wählerisch. Für eine weitere Annäherung braucht er einen passenden Ort.

Mit einem halben Meter pro Sekunde wird sich Osiris-Rex dann auf Bennu zubewegen, während beide mit mehr als 100.000 Stundenkilometern um die Sonne rasen. Nur fünf Sekunden lang wird er Bennu mit seinem ausgefahrenen Roboterarm berühren. Dann haucht er Stickstoffgas auf die Oberfläche seines Gegenübers, um ein wenig Asteroidenstaub aufzuwirbeln, das Regolith. Er wird es einsaugen und dann in seinem kleinen Hütchen sicher verstauen, so haben es die Daheimgebliebenen geplant. Drei Versuche hat Rex dafür.

Für die Wissenschaftler auf der Erde ist Bennu eine 4,5 Milliarden Jahre alte Zeitkapsel, die den Zustand des frühen Weltalls konserviert. Die Forscher erhoffen sich Hinweise auf die Ursprünge des irdischen Lebens, denn nach der (bislang unbestätigten) Theorie waren es Asteroiden, welche die ersten lebensnotwendigen Moleküle auf die Erde gebracht haben – ähnlich wie Unterweltgott Osiris das Niltal mit schlammigen Fluten fruchtbar gemacht haben soll. Sollte Osiris-Rex auf Bennu organischen Kohlenstoff finden, den Baustoff allen irdischen Lebens, so wäre das sensationell – und für seine Familie ein Geschenk des Himmels.

Vor bald 50 Jahren hat die Nasa den Mond erreicht und Gesteinsproben zurück zur Erde geschickt, anschließend stampfte US-Astronaut Neil Armstrong mit seinem linken Fuß als erster Mensch auf den Mondboden. Das ist Staub von gestern. Womit aber kann man sich als teure Raumfahrtbehörde heute noch Ruhm verdienen? Welches Ziel rechtfertigt ein 19-Milliarden-Dollar-Budget?

Reines Probensammeln ist jedenfalls keine Pionierleistung mehr. Schon 2005 brachte die japanische Sonde Hayabusa vom Besuch des Asteroiden Itokawa Proben heil zur Erde. Ihr Bruder Hayabusa 2 ist bereits in ähnlicher Angelegenheit auf dem Weg. Für Osiris-Rex heißt das: Mit ein paar hochaufgelösten Ansichtskarten vom Bennu-Klumpen und 60 Gramm Asteroidenstaub hätte er allenfalls seine Pflicht erfüllt, zu wenig für einen Platz in der Ahnengalerie der Raumsonden. Für 800 Millionen US-Dollar muss schon mehr rüberkommen.