"Ich wollte mehr tun, als ich konnte" – Seite 1

Wir drucken Auszüge aus: Benedikt XVI. und Peter Seewald: "Letzte Gespräche", Droemer Verlag, 19,99 Euro. Das Buch ist ab 9. September im Handel

Peter Seewald: Papa Benedetto, als Heiliger Vater wurden Sie von Millionen bejubelt. Als emeritierter Papst sind Sie ganz machtlos, fast eingesperrt hinter den Mauern des Vatikans – wie geht das?

Benedikt XVI.: Die "Macht" habe ich ohnehin nie so empfunden, dass ich nun stark wäre, sondern immer als Verantwortung, als etwas Schweres und Belastendes. Als etwas, wo man sich jeden Tag fragen muss: Bin ich dem gerecht geworden? Auch beim Jubel der Massen wusste ich immer, die Leute meinen ja nicht dieses armselige Männlein da, sondern den, den ich vertrete. Insofern fällt es mir nicht schwer, darauf zu verzichten.

Seewald: Sie hatten früh davon gesprochen, dass Ihr Pontifikat kurz sein könnte.

Benedikt: Ich hab gedacht, dass ich nicht so viel Kraft habe, ja.

Seewald: Gab es einen Moment, in dem Sie Gott gebeten haben: "Nimm mich hinweg"?

Benedikt: So nicht, nein. Ich meine, dass ich den lieben Gott gebeten habe, mich da loszueisen und zu helfen. Aber ich wusste, Er hat mich auf den Platz gestellt, dann lässt Er mich auch nicht fallen.

Seewald: Gab es nie den Punkt, wo Sie sich sagten: Ich war vielleicht die falsche Wahl?

Benedikt: Nein. Die Kardinäle haben einen gewählt, dann tut man seine Aufgabe. Wichtig ist nicht, wie die Journalisten das beurteilen, sondern der liebe Gott.

Seewald: Werden Sie noch etwas schreiben?

Benedikt: Nein! Nein, ich habe mein Werk getan.

Seewald: Gibt es Tage- oder Notizbücher?

Benedikt: Tagebücher nicht, aber ich habe mir in gewissen Abständen Besinnungen aufgeschrieben, die wegzuwerfen ich im Begriffe bin.

Seewald: Warum?

Benedikt: (lächelt) Weil es zu persönlich ist.

Seewald: Aber das wär doch ...

Benedikt: … ein Fressen für die Historiker.

Seewald: Sie haben ein großes theologisches Werk vorgelegt wie noch kein Papst vor Ihnen. Fällt es Ihnen schwer, nicht mehr zur Feder zu greifen?

Benedikt: Überhaupt nicht, nein. Ich mache jede Woche meine Predigten für den Sonntag. Insofern habe ich eine geistige Arbeit zu tun, eine Auslegung zu finden. Aber schreiben könnte ich nicht mehr. Da müsste ja methodische Arbeit dahinterstehen, und das wäre mir jetzt zu mühsam.

Seewald: Sie schreiben Predigten für vier, fünf Leute?

Benedikt: Warum nicht? (lacht) Doch! Ob das nun drei sind oder zwanzig oder tausend. Es muss immer das Wort Gottes für den Menschen da sein.

Seewald: Würden Sie sich als Erleuchteten sehen?

Benedikt: Nein, nicht! (lacht) Nein.

"Eine Entscheidung, die man nicht leicht fällt"

Seewald: Kommen wir zu jener Entscheidung, die allein Ihr Pontifikat bereits als historisch erscheinen lässt. Mit Ihrer Demission trat erstmals ein regierender Pontifex zurück. Gab es ein heftiges inneres Ringen um diese Entscheidung?

Benedikt: (tiefes Luftholen) Das ist natürlich nicht ganz leicht. Nachdem tausend Jahre kein Papst zurückgetreten ist und es auch im ersten Jahrtausend eine Ausnahme war, ist es eine Entscheidung, die man nicht leicht fällt und die man immer wieder herumwälzen muss. Andererseits war für mich die Evidenz dann so groß, dass kein ganz schweres inneres Ringen da war. Ein Bewusstsein der Verantwortung und der Schwere, die gründlichste Prüfung verlangt und immer wieder vor Gott und vor sich selber geprüft werden muss, das ja, aber nicht in dem Sinne, dass es mich gleichsam zerrissen hätte.

Seewald: Wann stand Ihr Entschluss fest?

Benedikt: Ich würde sagen, in den großen Ferien 2012.

Seewald: Waren Sie in einer Depression?

Benedikt: Depression nicht, nein, aber es ging mir nicht so gut. Und ich habe gesehen, dass mich diese Reise nach Mexiko und Kuba doch sehr angestrengt hat. Auch der Arzt hat mir gesagt, Sie dürfen nicht mehr über den Atlantik fahren.

Seewald: Wie schafft man es, einen Entschluss von dieser Tragweite durchzuführen, ohne mit jemandem darüber zu sprechen?

Benedikt: Mit dem lieben Gott spricht man ja ausgiebig darüber.

Seewald: Ihr Bruder war eingeweiht?

Benedikt: Nicht gleich, aber doch. Ja, ja.

Seewald: Bis kurz vor Bekanntgabe waren lediglich vier Personen eingeweiht. Das hatte einen Grund?

Benedikt: Ja, natürlich, denn in dem Augenblick, in dem Leute es wissen, würde der Auftrag zerbröseln, weil dann die Autorität zerfällt. Es war wichtig, dass ich bis zuletzt mein Amt wirklich auch ausfüllen und meinen Dienst voll tun konnte.

Seewald: Wann und von wem wurde der Text der Rücktrittserklärung geschrieben?

Benedikt: Von mir. Ich könnte jetzt nicht genau sagen, wann, aber ich habe ihn höchstens vierzehn Tage vorher geschrieben.

Seewald: Warum auf Latein?

Benedikt: Weil man so etwas Wichtiges auf Latein macht. Zudem ist Latein die Sprache, die ich so beherrsche, dass ich da anständig schreiben kann. Italienisch könnte ich natürlich auch schreiben, aber mit der Gefahr, dass ein paar Fehler drin sind.

Seewald: Sie wollten ursprünglich bereits im Dezember zurücktreten, haben sich dann aber für den 11. Februar entschieden, Rosenmontag.

Benedikt: Dass Rosenmontag ist, war mir nicht bewusst. Das hat in Deutschland dann Verstörungen hervorgerufen. Es war der Tag der Lourdes-Madonna. Das Fest von Bernadette von Lourdes wiederum ist an meinem Geburtstag. Es schien mir richtig, es an diesem Tag zu machen.

Seewald: Wie haben Sie diesen historischen Tag in Erinnerung? Es ist anzunehmen, Sie haben nicht besonders gut geschlafen in der Nacht zuvor.

Benedikt: Aber auch nicht ganz schlecht. Für die Öffentlichkeit war es natürlich ein neuer und gewaltiger Schritt. Ich hatte hingegen schon die ganze Zeit damit gerungen, das Innere war gewissermaßen durchgestanden. Insofern war es kein Tag besonderer Leiden für mich.

Seewald: War da am Morgen alles wie sonst?

Benedikt: Würde ich sagen, ja.

Seewald: Dieselben Gebete ...

Benedikt: Dieselben Gebete, natürlich ein paar besonders intensive für diese Stunde, das schon.

Seewald: Nicht früher aufgestanden, nicht später gefrühstückt?

Benedikt: Nein, nein.

"Man darf nur weggehen, wenn niemand es verlangt"

Seewald: Rund siebzig Kardinäle saßen in der Sala del Concistoro. Es war ein Konsistorium zur Ankündigung verschiedener Heiligsprechungen. Die Verblüffung begann, als Sie auf Latein sagten: "Liebe Herren Kardinäle, ich habe noch etwas Wichtiges mitzuteilen." Hat man Sie danach bestürmt?

Benedikt: (lacht) Nein, das wäre auch nicht gegangen. Nach dem Konsistorium geht der Papst feierlich raus, da bestürmt ihn niemand. In einem solchen Fall ist der Papst souverän.

Seewald: Was ging Ihnen durch den Kopf an diesem Tag, der Geschichte schrieb?

Benedikt: Natürlich schon auch die Frage, was wird die Menschheit sagen, wie stehe ich da? In meinem Haus war das ein trauriger Tag. Ich habe mich in besonderer Weise tagsüber dem Herrn gegenübergestellt. Aber es war nichts Spezifisches.

Seewald: Kardinal Reginald Pole sagte im 16. Jahrhundert: Das Kreuz ist der eigentliche Ort des Stellvertreters Christi.

Benedikt: Das bleibt auch wahr, und zwar dadurch, dass der Papst jeden Tag das Zeugnis ablegen muss. Wenn ein Papst immer nur Beifall bekäme, müsste er sich fragen, ob er etwas nicht richtig macht. Denn in dieser Welt ist die Botschaft Christi ein Skandal, angefangen mit Christus selbst. Es wird immer Widerspruch geben.

Seewald: Wollten Sie verhindern, sich der Welt so präsentieren zu müssen wie Ihr Vorgänger?

Benedikt: Der Vorgänger hatte seine eigene Sendung. Ich bin überzeugt, dass – nachdem er mit einer gewaltigen Kraft angetreten ist – eine Phase des Leidens gleichsam zu diesem Pontifikat dazugehörte. Und eine eigene Botschaft war.

Seewald: Sie sind mit dem Herrn im Reinen?

Wenn ein Papst immer nur Beifall bekäme, müsste er sich fragen, ob er etwas nicht richtig macht

Benedikt: Doch, bin ich wirklich.

Seewald: Hatten Sie das Gefühl, dass sich Ihr Pontifikat erschöpft hatte? Dass die Person des Papstes nicht mehr die Lösung, sondern das Problem war?

Benedikt: So nicht, nein. Ich hatte wohl das Bewusstsein, dass ich nicht mehr viel werde geben können. Aber dass ich das Problem für die Kirche war, war nicht und ist nicht meine Auffassung.

Seewald: Spielte es eine Rolle, dass Sie durch VatiLeaks enttäuscht waren von Ihren eigenen Leuten?

Benedikt: Auch nicht. Die Affäre Paolo Gabriele ist eine Unglücksaffäre (Anm. d. Red.: Der Kammerdiener des Papstes hatte vertrauliche Vatikandokumente an die Presse gegeben). Aber erstens war ich nicht schuld – er war von den Instanzen geprüft und an diese Stelle gesetzt worden –, zweitens muss man mit solchen Dingen rechnen. Ich bin mir da eigentlich keiner Fehler bewusst.

Seewald: In manchen Zeitungen war gar von Erpressung und Verschwörung die Rede.

Benedikt: Das ist alles völliger Unsinn. Nein, es war eigentlich eine bescheidene Angelegenheit, dass ein Mensch, aus welchen Gründen auch immer, sich eingebildet hat, er müsste da einen Skandal schaffen, um die Kirche zu reinigen. Aber niemand hat mich zu erpressen versucht. Ich hätte mich auch nicht erpressen lassen.

Man darf nie vor Pressionen weichen. Man darf nur weggehen, wenn niemand es verlangt

Seewald: Haben Sie den Rücktritt je bereut?

Benedikt: Nein! Nein, nein. Ich sehe jeden Tag, dass es richtig war.

Seewald: Haben Sie bedacht, ob es künftig Rücktrittsforderungen gegenüber dem Papst gibt?

Benedikt: Forderungen darf man sich natürlich nicht beugen. Deshalb habe ich in meiner Rede auch betont, dass ich es frei tue. Man darf nie weggehen, wenn es ein Davonlaufen ist. Man darf nie vor Pressionen weichen. Man darf nur weggehen, wenn niemand es verlangt. Und niemand hat es verlangt zu meiner Zeit. Niemand.

Seewald: Hatten Sie eine Vorstellung davon, wer Ihr Nachfolger sein könnte?

Benedikt: Nein, überhaupt nicht!

Seewald: Wie konnten Sie dann Ihrem Nachfolger in spe gleich absoluten Gehorsam versprechen?

Benedikt: Der Papst ist der Papst, ganz gleich, wer es ist.

Seewald: Immerhin soll Jorge Mario Bergoglio schon beim Konklave von 2005 einer der Favoriten gewesen sein. War das so?

Benedikt: Kann ich nichts dazu sagen (Lachen).

"Eine neue Fröhlichkeit in der Kirche"

Seewald: Was waren Ihre Gedanken, als Ihr Nachfolger auf der Loggia des Petersdoms erschien? Und dann auch noch in Weiß gekleidet?

Benedikt: Nun, das ist seine Sache, weiß waren wir ja auch. Er hat eben die Mozetta nicht haben wollen. Das hat mich gar nicht berührt. Was mich sehr berührte, war, dass er, schon bevor er auf die Loggia ging, mich anrufen wollte, aber nicht erwischt hat, weil wir eben beim Fernsehen waren; wie er für mich gebetet hat, der Augenblick der Besinnung, dann die Herzlichkeit, mit der er die Menschen begrüßt hat, sodass sozusagen der Funke sofort übergesprungen ist.

Seewald: Freude über das Wahlergebnis?

Benedikt: Als ich den Namen hörte, war ich noch unsicher. Aber wie ich dann sah, wie er einerseits mit Gott redete, andererseits mit den Menschen, da war ich wirklich froh. Und glücklich.

Seewald: Sie haben mit seiner Art kein Problem?

Benedikt: Nein. Im Gegenteil, ich finde das gut.

Seewald: Alter Papst und neuer Papst wohnen nun auf demselben Grundstück. Ist Ihr Rat gefragt?

Benedikt: Im Allgemeinen besteht dazu kein Anlass. Er hat zu bestimmten Dingen Fragen an mich gerichtet. Gut, das mache ich natürlich, dass ich mich äußere. Aber im Großen und Ganzen bin ich froh, dass ich nicht hineingezogen werde.

Seewald: Das heißt, Sie haben das erste Apostolische Schreiben von Papst FranziskusEvangelii gaudium – nicht vorab erhalten?

Benedikt: Nein. Er hat mir aber dazu einen sehr schönen persönlichen Brief mit seiner winzigen Handschrift geschrieben. Die ist viel kleiner als meine. Verglichen mit ihm schreibe ich direkt groß. Der Brief war sehr liebenswert, insofern habe ich das Apostolische Schreiben doch auf besondere Weise bekommen. In Weiß eingebunden, was sonst nur für den Papst gemacht wird.

Seewald: Sehen Sie in diesem Text einen Bruch zu Ihrem Pontifikat?

Benedikt: Nein. Auch ich habe immer gewünscht, dass die Ortskirchen möglichst lebendig in sich selber sind und nicht so sehr der römischen Nachhilfe bedürfen. Wichtig ist, dass alle aufeinander und auf den Petrusdienst hin offen bleiben.

Seewald: Nun, nach der bisherigen Amtszeit von Papst Franziskus – sind Sie zufrieden?

Benedikt: Ja. Eine neue Frische in der Kirche, eine neue Fröhlichkeit, ein neues Charisma, das die Menschen anspricht, das ist schon etwas Schönes.

Seewald: In Ihrem Abschiedswort hieß es: "Ich gehe nicht weg vom Kreuz."

Benedikt: Nun, es war ja irgendwie gesagt worden, ich sei vom Kreuz heruntergestiegen, ich habe es mir bequem gemacht. Ich bin überzeugt, dass es nicht eine Flucht war, schon gar nicht vor praktischem Druck, der nicht da war. Aber auch keine innere Flucht vor dem Anspruch des Glaubens.

Seewald: Sie haben keine Abschiedsfeier veranstaltet, sondern es bei einer Generalaudienz belassen.

Benedikt: Wenn man da Abschied feiert, wäre wirklich die Verweltlichung vollzogen.

Seewald: Als Sie dann im Helikopter davongeflogen sind: Was ging Ihnen durch den Kopf?

Benedikt: Es hat mich schon sehr bewegt. Die Herzlichkeit des Abschieds, auch dass Mitarbeiter (seine Stimme wird brüchig) in Tränen waren. Dann war über dem Haus Pastor Bonus eine große Aufschrift: "Vergelt’s Gott", und dann die Glocken von Rom (der Papst weint). Aber jedenfalls da drüberzuschweben und die Glocken von Rom läuten zu hören, da wusste ich, dass ich danken darf.

Seewald: Was jetzt unter Papst Franziskus passiert, ist auch eine Infragestellung von amtskirchlichen Dingen, die nicht mehr in die Zeit passen.

Benedikt: Für mich war das IOR (Anm. d. Red.: die vatikaneigene Bank Istituto per le Opere di Religione) eine große Frage, ich habe hier zu reformieren versucht. Es war wichtig, es den bisherigen Händen wegzunehmen. Hinzu kamen Gesetzgebungen, die unter meiner Verantwortung gemacht wurden, um zum Beispiel Geldwäsche auszuschließen. Ich habe auch die beiden internationalen Kommissionen gestärkt, die hier kontrollieren sollen.

Seewald: Während Ihres Pontifikats kamen Dinge ans Licht, die lange vertuscht worden waren.

Benedikt: Ich wollte mehr tun, als ich konnte.

Seewald: Nach Ihrem Rücktritt wurde bekannt, dass Sie im Zusammenhang mit Missbrauch weltweit Hunderte von Priestern entlassen haben.

Benedikt: Als diese Affäre begann, war vom Strafrecht des Codex her (Anm. d. Red.: Codex Iuris Canonici, das kirchliche Strafprozessrecht) nur die Suspension möglich. Das war aber vom amerikanischen Recht her völlig ungenügend, weil die Betroffenen weiter Priester bleiben. Wir haben gemeinsam mit den amerikanischen Bischöfen entschieden: Nur wenn diese Priester laisiert werden, ist klargestellt, dass wir sie bestraft haben.

"Die schlechten Fische sind halt auch im Netz"

Seewald: Den Fall Williamson kann man als Wende Ihres Pontifikates betrachten. Sehen Sie das auch so? (Anm. d. Red.: Der exkommunizierte Bischof der Pius-Bruderschaft, ein Holocaust-Leugner, kehrte unter Benedikt in die Kirche zurück.)

Benedikt: Es war damals eine riesige Propagandaschlacht gegen mich. Die Leute, die gegen mich waren, hatten endlich die Handhabe, zu sagen, der ist untauglich und falsch an seinem Platz. Insofern war es eine dunkle Stunde. Aber die Menschen haben dann doch auch begriffen, dass ich wirklich einfach nicht informiert worden bin.

Seewald: Ihr Staatssekretär, Kardinal Bertone, hätte Sie bitten können, den Erlass auszusetzen.

Benedikt: Ja, klar. Wäre kein Problem gewesen. Natürlich. Ich glaube allerdings nicht, dass er es wusste; kann ich mir nicht vorstellen.

Seewald: Stimmt es, dass es keine personellen Konsequenzen gab?

Benedikt: Nein. Es hat insofern eine gegeben, als ich die Kommission Ecclesia Dei, die hier zuständig war, völlig neu organisiert habe.

Seewald: Waren Sie da zu weich?

Benedikt: Ich sehe die Schuld nur bei dieser Kommission. Und die habe ich gründlich umgeformt.

Seewald: Wie Ihr Namenspatron, der heilige Benedikt, waren auch Sie mit einem "Raben" konfrontiert, wie man Ihren Kammerdiener Paolo Gabriele genannt hat, den Dieb von vertraulichen Unterlagen. Wie schwer traf Sie diese Geschichte?

Benedikt: Jedenfalls nicht so, dass ich in eine Art von Verzweiflung oder Weltschmerz verfallen wäre. Es war mir einfach unverständlich. Auch wenn ich die Person ansehe, kann ich nicht verstehen, wie man so etwas wollen kann.

Seewald: Manche meinen, dass so etwas passieren konnte, liege auch an Ihrer Vertrauensseligkeit.

Benedikt: Ja nun, ich habe ihn nicht ausgesucht. Ich kannte ihn gar nicht. Nach allen Richtungen hin schien er der richtige Mann zu sein.

Seewald: Menschenkenntnis, sagt man, sei generell nicht Ihre Stärke.

Benedikt: (lacht) Ja, das würde ich zugeben. Ich bin da andererseits sehr behutsam und vorsichtig, weil ich die Grenzen der Menschenkenntnis bei anderen und auch bei mir oft erfahren habe.

Seewald: Wie sahen Sie die rechtliche Seite des Falles?

Benedikt: Mir war wichtig, dass gerade auch im Vatikan die Unabhängigkeit der Justiz gewahrt wird. Dass nicht der Monarch sagt, jetzt nehme ich es selbst in die Hand. Hernach kann der Monarch Gnade aussprechen.

Seewald: Ihr Kammerdiener wurde zu 18 Monaten Haft verurteilt. Sie hoben nach zwei Monaten die Verbüßung der Reststrafe auf. Was sagte er Ihnen?

Benedikt: Er war über sich selbst erschüttert. Ich möchte seine Persönlichkeit nicht analysieren. Es ist eine merkwürdige Mischung, was man ihm so eingegeben hat oder er sich selbst eingegeben hat. Er hat verstanden, dass das nicht hätte sein dürfen.

Seewald: Es wurde spekuliert, ob ein Kammerdiener eine solche Aktion allein durchziehen kann.

Benedikt: Die Weitergabe der Dokumente hat er sicher allein gemacht. Da konnte kein andrer heran.

Seewald: Zur Aufklärung setzten Sie eine Kommission ein. Hat es Sie erschüttert, dass es im Vatikan so viel Missgunst, Eifersucht, Karrierismus gibt?

Benedikt: Nun, das weiß man ja. Aber das ist doch nicht der ganze Vatikan. Es gibt so viele gute Leute, die mit voller Hingabe arbeiten, von früh bis spät. In einem Organismus mit mehreren Tausend Leuten ist es unmöglich, dass es nur lauter Gute gibt. So ist halt die Welt! So wissen wir es vom Herrn her! Die schlechten Fische sind halt auch im Netz.

"Ich war zwischen den Zeiten"

Seewald: Ihr Nachfolger hat von einer Gay-Lobby im Vatikan gesprochen, einer homosexuellen Seilschaft. Das sei ein Problem. Sahen Sie das auch so?

Benedikt: Es wurde mir in der Tat eine Gruppe angezeigt, die haben wir inzwischen aufgelöst. Das war im Bericht dieser Dreierkommission enthalten, die eine Gruppe festmachen konnte, eine kleine, vier, fünf Leute vielleicht, die wir aufgelöst haben. Ob sich wieder was bildet, weiß ich nicht. Jedenfalls ist es nicht so, dass es von solchen Sachen wimmeln würde.

Seewald: Hat Sie die VatiLeaks-Affäre amtsmüde gemacht?

Benedikt: Nein, denn ich meine, das kann ja immer passieren. Vor allem darf man, wie schon gesagt, nicht im Augenblick des Sturms davongehen, sondern muss dann standhalten.

Seewald: Wie sehen Sie heute die Zukunft des Christentums?

Benedikt: Dass wir nicht mehr deckungsgleich mit der modernen Kultur sind, die christliche Grundgestalt nicht mehr bestimmend ist, das ist offenkundig. Heute leben wir in einer positivistischen und agnostischen Kultur, die sich gegenüber dem Christentum zunehmend intolerant zeigt. Umso mehr müssen sich die Glaubenden darum bemühen, dass sie das Wertebewusstsein und das Lebensbewusstsein weiterhin formen und tragen.

Seewald: Sehen Sie sich als Papst als den letzten einer alten Ära oder als den ersten einer neuen?

Benedikt: Ich würde sagen, zwischen den Zeiten.

Seewald: Womit hätten Sie sich in Ihrem Leben gern mehr beschäftigt?

Benedikt: Ich hätte gern wissenschaftlich mehr gearbeitet. Aber ich bin trotzdem zufrieden mit dem anderen, was geworden ist. Der liebe Gott hat das andere gewollt. Das ist nun für mich dann offenbar das Richtige gewesen.

Ich bin tatsächlich mehr Professor. Das praktische Regieren ist nicht so meine Seite, da ist eine gewisse Schwäche

Seewald: Man nannte Sie "Theologenpapst". Fühlten Sie sich richtig getroffen?

Benedikt: Ich würde sagen, ich versuchte vor allem, ein Hirte zu sein. Dazu gehört natürlich auch der leidenschaftliche Umgang mit dem Wort Gottes, also das, was ein Professor tun soll. Hinzu kommt, ein Bekenner zu sein, ein Confessor.

Seewald: Was sehen Sie als Ihre schwache Seite an?

Benedikt: Vielleicht doch die klare, zielstrebige Regierungsführung und die Entscheidungen, die da zu fällen sind. Ich bin tatsächlich mehr Professor, jemand, der die geistigen Dinge überlegt und bedenkt. Das praktische Regieren ist nicht so meine Seite, und da, würde ich sagen, ist eine gewisse Schwäche.

Seewald: Und was ist Ihnen gut gelungen?

Benedikt: (lacht) Das weiß ich nicht.

Seewald: Haben Sie das Gefühl, ein schweres Leben gehabt zu haben?

Benedikt: Würde ich nicht sagen.

Seewald: Waren Sie denn gern Papst?

Benedikt: (lacht) Nun, ich würde sagen, ich wusste, dass ich getragen bin, insofern bin ich für viele schöne Erlebnisse dankbar. Aber es war natürlich immer auch eine Last.

Seewald: Kann man sich auf den Tod vorbereiten?

Benedikt: Man muss es sogar. Nicht in dem Sinne, dass man jetzt schon bestimmte Akte vollzieht, aber daraufhin lebt, dass man einmal ein letztes Examen vor Gott besteht.

Seewald: Wie machen Sie das?

Benedikt: Einfach in meiner Meditation. Dass ich immer wieder daran denke, dass es zu Ende geht. Dass ich in dem Bewusstsein lebe, das ganze Leben geht auf eine Begegnung zu.