Der Mann, der das Wunder vollbracht haben soll, fährt eine schmale Straße hinauf, links und rechts die sanft herabfallenden Hänge am Fuße der peruanischen Anden. Ein paar Bananen wachsen am Wegesrand, eine Reismühle rattert. Wie ein zufriedener Feldherr lässt Hans Jochen Wiese seinen Blick aus dem Jeep über die Landschaft schweifen. "Das war alles Koka", sagt er.

Er meint: Bis ich kam.

Glaubt man den Berichten der UN, ist diesem Mann tatsächlich ein Wunder gelungen. Eines, das den Kampf gegen die Drogen revolutionieren könnte, das wieder Hoffnung schöpfen ließe, ihn gewinnen zu können. Nicht mit Gewalt und Zerstörung, so wie es die US-Regierung seit Jahrzehnten immer wieder erfolglos probiert, indem sie die Vernichtung der Kokafelder durch Spezialeinheiten der peruanischen Polizei finanziert. Sondern mit den Waffen der Menschlichkeit. Und denen der Wirtschaft. Wieses Programm soll die Existenzgrundlage der Bauern nicht zerstören, sondern ihnen helfen, eine neue aufzubauen. Anstatt mit Koka sollen sie ihr Geld mit dem Anbau von Kaffee, Kakao oder Ölpalmen verdienen.

Bloß: Wenn Wiese so erfolgreich war, wie konnte das Land dann gleichzeitig zum größten Kokaproduzenten der Welt werden?

Wiese sieht nicht aus, wie man sich einen hohen Repräsentanten der Vereinten Nationen vorstellt. Eher wie ein in die Jahre gekommener Abenteurer. Aus dem beigefarbenen Hemd quillt das ergraute Brusthaar. Die meisten Peruaner überragt er, der Deutsche, um mindestens einen Kopf. Das Gesicht ist sonnengegerbt, die Nasenspitze leicht nach unten gebogen. Fast immer guckt Wiese ein bisschen grimmig. Wenn er doch mal lacht, streckt er dabei die Zunge heraus, so wie ein Reptil, das darauf lauert, ein Insekt zu verschlingen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 8.9.2016.

In Peru war Wiese offiziell der Chief Technical Advisor des UN-Programms gegen den Kokaanbau. Er hatte Vorgesetzte, aber die kamen und gingen, Wiese blieb. 30 Jahre. Zwischen Anden und mückenbefallenen Ausläufern des Amazonas erschuf er sich ein Reich, in dem er wie ein König regierte. Wer heute dort recherchiert, stößt auf Bauern, die sich von Wiese entmachtet fühlen. Auf eine Fabrik, die mit UN-Mitteln errichtet wurde und nun, geführt von einem früheren Geschäftspartner des kolumbianischen Drogenkönigs Pablo Escobar, sagenhafte Profite abwirft. Auf Koka-Pflanzen, die unter UN-Palmen sprießen. Und auf einen Investor, der im großen Stil den peruanischen Regenwald abholzt. Es geht um Drogen, Macht, Geld, Umweltzerstörung.

Vor allem aber geht es um einen Mann, der auszog, die Welt zu verbessern. Und bei dem man sich am Ende nicht mehr sicher ist, ob er noch auf der Seite der Guten steht.

Aber erst einmal soll Wiese sein Wunder selbst vorführen.

Sein Jeep hält an einer steinernen Baracke. Drinnen begrüßt ihn Don Marcelino, ein schmächtiger Bauer im bunten, traditionellen Poncho. Beide nehmen auf Holzstühlen Platz und plaudern über vergangene Zeiten. Dann führt Don Marcelino auf die sechs Hektar Land hinter seiner Baracke. Mehr als sein halbes Leben hat er hier Koka angebaut. Nun aber wuchern überall Kakaopflanzen, mehrere Meter hoch, saftig grün und buschig.

Laut der UN-Behörde für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) haben 27.000 peruanische Bauern so wie Don Marcelino an dem Programm Alternative Entwicklung teilgenommen. Die Idee: Man zerstört die Felder der Bauern nicht, sondern hilft ihnen mit Krediten, Technik und Know-how, von der Kokapflanze loszukommen. Gekostet hat das Programm in Peru fast 100 Millionen Dollar, bezahlt vor allem von den Mitgliedsstaaten der EU – aus Deutschland kamen 10,6 Millionen. Doch hat es auch funktioniert?

Die von den UN unterstützte Genossenschaft, in der sich Don Marcelino mit 1.300 Bauern zusammengetan hat, heißt Oro Verde. Das bedeutet: grünes Gold. Auch mit Kakao, so die Botschaft, lässt sich Geld verdienen, nicht nur mit Koka, dem weißen Gold. Das ist auch Wieses Botschaft. Auf dem Rückweg nach Tarapoto, dem wirtschaftlichen Zentrum der Provinz San Martín, fährt der Jeep vorbei an Diskotheken mit grellen, blinkenden Leuchtreklamen. "Sehen Sie", sagt Wiese, als wäre das ein Beweis, "die Leute hier haben genug Geld, um sich zu vergnügen."

In einem UN-Bericht wird das durchschnittliche Jahreseinkommen der am Programm teilnehmenden Familien auf etwas mehr als 5.000 Dollar taxiert, in einzelnen Genossenschaften liege es über 10.000 oder sogar 25.000 Dollar. Wer mit Don Marcelino spricht, dem Bauern im bunten Poncho, bekommt etwas anderes zu hören. Nur 3.000 Dollar verdiene seine Familie. Das reiche gerade so zum Leben. Nicht einmal ausreichend Dünger könne man sich leisten.

Bereit, sich seine Hände schmutzig zu machen

Andere Bauern klagen über die Monokulturen, die Wiese empfiehlt. Geht es nach ihm, sollen sich die Bauern auf Kaffee, Kakao oder Ölpalmen konzentrieren. Er will sie abhängig machen von einem Produkt. Seine Philosophie: "Wenn dann der Weltmarktpreis sinkt, sind sie gezwungen, besser zu werden." Es ist ein darwinistisches Prinzip. Nicht alle Bauern wollen ihm folgen. Einige bauen inzwischen auch wieder Bananen an oder die ölhaltige Kletterpflanze Sacha Inchi. Wiese nennt die Bauern, die gegen seine Philosophie verstoßen, "undankbar".

Es ist ein erster Hinweis darauf, dass in Wieses Wunderwelt doch nicht alles so schön ist, wie es zunächst scheint.

Wer also ist Hans Jochen Wiese?

1985, mit Anfang dreißig, bewirbt sich Wiese bei den UN. Bis dahin scheint sein Leben, so wie er es erzählt, etwas planlos verlaufen zu sein. Nach dem Abitur verpflichtet er sich bei der Bundeswehr, will aber schon bald kein Soldat mehr sein. Stattdessen studiert er Sozialwissenschaften in Göttingen, liest Marx und Marcuse und demonstriert in Brokdorf gegen die Atomkraft. Dann geht er für ein Aufbaustudium nach Mexiko, das er aber nicht zu Ende bringt. Stattdessen spielt er, um etwas Geld zu verdienen, als Statist in Conan, der Barbar mit, einem Fantasyfilm mit Arnold Schwarzenegger.

In Mexiko hat Wiese Spanisch gelernt. Vermutlich ein Grund, weshalb die UN ihn einstellen und nach Peru schicken. Er kommt in ein Land, das vom Terror beherrscht wird. Der Leuchtende Pfad, eine maoistische Guerillaorganisation, ermordet in der Andenregion mehrere Zehntausend Menschen. Auch der Túpac Amaru, eine weitere linke Guerillatruppe, mordet, kidnappt und mischt mit im Drogengeschäft. Wiese spricht rückblickend von einer "vollkommenen Abwesenheit staatlicher Strukturen". Die ersten Jahre habe er mit einer Pistole unter dem Kopfkissen geschlafen.

Der Túpac Amaru kontrolliert das Gebiet, in dem Wiese tätig werden soll. Also schmiedet er mit dessen lokalen Anführern einen Pakt: Er darf UN-Projekte machen, der Túpac Amaru seine Waffen in UN-Fahrzeugen schmuggeln. So erzählt es Wiese. Auch 10.000 Dollar seien an die Guerillakämpfer geflossen. Über seinen damaligen Vorgesetzten, der das Geld nicht besorgen wollte, sagt Wiese: "Der wollte sich seine weiße Weste nicht schmutzig machen." Er meint das nicht als Kompliment.

Später, als die Kamera des WDR läuft, mit dem die ZEIT für diese Recherche zusammengearbeitet hat, relativiert Wiese seine Darstellung. Die 10.000 Dollar habe er dabeigehabt, am Ende aber nicht gebraucht. Das mit den Waffen der Terroristen in UN-Fahrzeugen sei vorgekommen, aber nicht in seinem Operationsgebiet.

Egal, welche Variante der Geschichte man glaubt: Sie erzählt etwas über Wiese. Er ist keiner, der seine Koffer packt, wenn es brenzlig wird. Er will etwas bewirken. Und ist bereit, sich seine Hände schmutzig zu machen.

Am Tag nach dem Besuch auf der Plantage von Don Marcelino wird Wiese von einem langjährigen Freund und Geschäftspartner abgeholt: Arturo Hoyos. Der kleine Mann kommt in einem weißen Pick-up. In seinem Mund funkeln Goldzähne, an seiner Hand blitzt ein Diamantring. Hoyos trägt eine Sonnenbrille und einen schwarzen, schmalen Schnurrbart, der an Adolf Hitler erinnert. Sein weißes Samsung-Handy ist so groß, dass es kaum in seine Hemdtasche passt.

Hoyos ist Geschäftsführer eines mit UN-Hilfe aufgebauten Unternehmens, das Palmöl produziert. Dorthin, nach Tocache, ein paar Stunden Autofahrt von Tarapoto entfernt, geht es nun. Die beiden Freunde nutzen die Zeit, um sich auf den neuesten Stand zu bringen.

"Weißt du", sagt Hoyos am Steuer, "es gibt jetzt eine neue Methode. Man kann das Reinkokain direkt aus der Pflanze gewinnen."

"Das kann ich kaum glauben", antwortet Wiese. "Das wäre gut gewesen zu deinen Zeiten."

"Damit könnte man gutes Kokain machen, was Jochen?", fährt Hoyos fort. "Wir mussten erst noch das Rohkokain herstellen, dann das Waschen ..."

Hoyos arbeitete früher mit Pablo Escobar zusammen, dem Boss des legendären kolumbianischen Medellín-Kartells. Jeden Tag flog eine Cessna mit 500 Kilo Rohkokain an Bord von Tocache nach Kolumbien. Wie eine Schneise zieht sich die frühere Lande- und Startbahnn noch immer mehrere Hundert Meter durch den grünen Palmendschungel. Heute dient sie als Baumschule des Unternehmens. Die Bauern zeigen sie stolz. Ebenso stolz erzählen sie aber, es sei Hoyos gewesen, der die Transporte organisiert habe. Er selbst sagt, er sei nur "der Buchhalter" gewesen, "mehr oder weniger".

Von außen sieht die Fabrik, die Hoyos leitet, wie eine große Wellblechhütte aus. Zwei dünne Schornsteine ragen heraus. Die Bauern der Genossenschaft bringen ihre Ernte hierher: bis zu 50 Kilo schwere Büschel roter, reifer Palmölfrüchte. Drinnen werden sie auf Laufbändern in malmende Walzen befördert. Heraus kommt ein klebriges Öl.

Es ist, glaubt man Hoyos, die wohl profitabelste Fabrik der Welt.

Olpesa heißt das Unternehmen, das die Fabrik betreibt. Jedes Jahr, so erzählt er es, schütte es an seine Aktionäre eine Dividende von um die 100 Prozent der Einlage aus, 2015 seien es sogar 128 Prozent gewesen. Wer also einmal 10.000 Euro investiert hat, bekam 12.800 Euro als Dividende ausgezahlt. Und so geht das Jahr für Jahr. Eine unglaubliche Geldvermehrungsmaschine.

Einige Mitglieder bereichern sich auf Kosten der Bauern

In seinem Büro neben der Fabrik sitzt Hoyos hinter einem Holzschreibtisch, darauf ein Kaffeebecher, Akten und ein Taschenrechner. Als wir ihn nach seinen Wunderzahlen fragen, umspielt ein spitzbübisches Lächeln seine schmalen Lippen. Er sagt: "Im Unterschied zu den anderen Palmölfabriken haben wir drei Produktionslinien. Wir stellen Palmöl her, außerdem Palmkernöl und aus den Abfällen Viehfutter. Diese Diversifizierung bewirkt die hohe Rentabilität."

Kann Arturo Hoyos wirklich die Gesetze der Ökonomie außer Kraft setzen? Oder handelt er noch mit etwas anderem als Palmöl und Viehfutter? Sein Schwager wurde 2009 verhaftet. Die Polizei erwischte ihn mit Schwefelsäure, die zur Kokainherstellung verwendet wird. In einem Fahrzeug der UN.

Herr Wiese, kann es nicht sein, dass die wundersamen Renditen der Palmölfabrik in Wirklichkeit aus illegalen Drogengeschäften stammen?

"Absolut nicht."

Wieso sind Sie sich da so sicher?

"Ich bin mir da ganz sicher."

Wiese gibt zu, dass auch seine Frau für 6.000 Dollar Aktien gekauft hat, an der Wunderfabrik also mitverdient. Ein Verstoß gegen UN-Regeln. Wiese scheint das wenig zu kümmern. Er sagt: "Wäre mir vorher klar gewesen, wie viel Geld die Fabrik abwirft, hätten wir noch mehr investiert."

Was ist das für ein Reich, in dem Ex-Drogenhändler kaum zu erklärende Profite machen? In dem auch Wiese nichts daran findet, über seine Frau ein wenig mitzuverdienen? Sollte es nicht eigentlich darum gehen, den Bauern zu helfen und den Kokaanbau zu bekämpfen?

Wir reisen allein weiter, nach Aguaytía, rund 250 Kilometer südlich von Tocache. Etwas außerhalb der Stadt liegen die fünf Hektar Land von Victor Barral. Um sie zu erreichen, muss der Bauer jeden Morgen zu Fuß eine fünf Kilometer lange, staubige Schotterpiste entlanglaufen. Ein Moped kann er sich nicht mehr leisten. Barral trägt kniehohe Gummistiefel und ein kurzärmliges Baumwollhemd. Auf seinem Feld steht eine Hütte aus Mandelholz, in der er manchmal übernachtet, wenn er zu erschöpft ist, um noch nach Hause zu laufen. Sie ist von Termiten zerfressen.

Barral entzündet ein Feuer, um Kaffee für die Besucher zu kochen. Die schmale Brille und sein fast weißer Schnauzbart verleihen ihm etwas Akademisches. Dazu passen die vielen Unterlagen, die er mitgebracht hat. Mit ihnen will er beweisen, dass unter dem Dach des UN-Programms kriminelle Strukturen entstanden sind. Andere Bauern in Aguaytía, die anonym bleiben wollen, sprechen sogar von einer "UN-Mafia".

Barral war von 2006 bis 2007 Präsident der örtlichen Bauerngenossenschaft. So wie in Tocache gibt es auch in Aguaytía ein Palmölunternehmen, das von den UN gefördert wurde und zum überwiegenden Anteil der Genossenschaft gehört. Es heißt fast genauso wie das in Tocache: Olpasa.

Der von Wiese eingesetzte UN-Projektleiter Alfredo Rivera kaufte 2005 im Auftrag der Genossenschaft das Grundstück, auf dem die Fabrik stand. Dazu 60 Hektar angrenzendes Land für Ölpalmen. Später ging Barral zum Grundbuchamt. Er stellte fest: Das Land gehörte gar nicht der Bauerngenossenschaft, sondern einer Aktiengesellschaft mit dem Namen De Palma SAC. Und diese wiederum gehörte zu 50 Prozent Alfredo Rivera, dem UN-Mann. "Uns wurde klar", sagt Barral, "dass UN-Funktionäre ihre eigentliche Aufgabe nicht erfüllten, sondern sich persönlich bereicherten." Barral vermutet, dass auch Wiese profitiert hat. Beweisen kann er es nicht. Wiese sagt, er habe nichts damit zu tun.

Etwas anderes kann Barral beweisen: Wiese hat die Bauern der Genossenschaft in Aguaytía de facto entmachtet. Obwohl ihnen die Mehrheit der Aktien an der Ölmühle gehörte, nahm Wiese sich das Recht heraus, diejenigen zu ernennen, die für die Bauern im Aufsichtsrat saßen. Und das wurden natürlich Wieses Leute. Ein Mitarbeiter von Wiese, so erzählt es Barral, habe damit gedroht, dass das UN-Geld in andere Projekte fließe, sollten sich die Bauern dagegen auflehnen. Als sie es schließlich doch tun und andere Aufsichtsräte wählen, kündigt Wiese 2013 die Unterstützung der UN auf. Aus "Mangel an gegenseitigem Vertrauen", wie er schreibt.

Nach und nach besetzt Wiese die Schlüsselpositionen in fast allen UN-Projekten mit Vertrauten wie Arturo Hoyos. So entsteht ein elitäres Netzwerk aus Aufsichtsräten und Geschäftsführern. Und zumindest einige Mitglieder bereichern sich auf Kosten der Bauern. Im Protokoll einer Aufsichtsratssitzung des UN-Unternehmens Olansa heißt es, dass zehn Prozent des Öls regelmäßig auf dem Schwarzmarkt verkauft wurden. Die Bauern wollten den Staatsanwalt einschalten. Doch der mehrheitlich von Wiese bestellte Aufsichtsrat legte ein Veto ein und verhinderte Ermittlungen. Sie würden dem "Image" des UN-Unternehmens schaden.

Koka unter UN-Palmen

Bauern in Aguaytía wiederum erzählen, dass der Koka-Anbau unter dem Dach des UN-Programms weitergehe. Einer der Bauern, der anonym bleiben muss, führt uns zu Fuß in den dichten, sumpfigen Dschungel. Auf der nahen Sandpiste donnert ein Pick-up vorbei, auf der Ladefläche große Plastikfässer, bewacht von zwei bärtigen Männern. Der Bauer sagt, in den Fässern sei Schwefelsäure. Nur wenige Hundert Meter weiter befinde sich eine Mulde in der Erde. Dort würde die Schwefelsäure zusammen mit Kerosin auf die Kokablätter gekippt, um aus ihnen Rohkokain zu gewinnen. Gern würden wir uns das einmal anschauen.

Der Bauer warnt uns: zu gefährlich. Selbst die Polizei bliebe schön auf der Hauptstraße, um der Drogenmafia nicht in die Quere zu kommen. Stattdessen führt uns der Bauer durch einen kniehohen Fluss, dann einen Trampelpfad entlang. Und plötzlich stehen wir inmitten eines versteckten Feldes. Auch hier wachsen wie auf dem Feld von Barral kleine Ölpalmen. Doch um ihre schlanken Stämme herum, unter ihren gefiederten Blättern, sieht man überall hellgrünes Gestrüpp. Es ist Koka – unter UN-Palmen.

Die UNODC teilt dazu mit, dass die Unterstützung den Bauern helfen solle, schrittweise von illegalen auf legale Pflanzen umzustellen. Das führe zu der "möglichen Situation einer gemischten Bewirtschaftung, in der Bauern für kurze Zeit weiterhin illegale Kulturen anbauen".

Also bloß ein Einzelfall?

Pablo Ramírez Mori ist ein Mann, der leise spricht und seine Worte wählt. Er ist Mitarbeiter der Regionaldirektion des peruanischen Landwirtschaftsministeriums und kennt die Plantagen gut. Über das UN-Programm sagt er: "Es ist keine wirkliche Alternative nach dem Motto Raus aus der Koka, rein ins Palmöl. Die Realität sieht anders aus. Bei den meisten Inspektionen habe ich gesehen, dass unter den Ölpalmen Koka wächst." So eine Zweifruchtwirtschaft, sagt Wiese, könne gar nicht funktionieren. Die Ölpalmen nähmen den Koka-Pflanzen das Licht zum Wachsen. Mori sagt, die Palmen brauchten ein paar Jahre, bis sie groß genug seien. "Bis dahin gibt es jede Menge Sonne für die Koka."

Und danach? Mit einem Flugzeug fliegen wir über das Huallaga-Tal, das sich entlang des gleichnamigen, braunen Flusses durch die Region schlängelt. Schon kurz nach dem Start entdecken wir überall hellgrüne Flecken im dunklen Wald. Es sind Kokaplantagen. Je länger wir fliegen, desto deutlicher wird das Muster: Unten im Tal pflanzen die Bauern Ölpalmen, oben in den Hanglagen Kokapflanzen. Auch so kann es gehen.

Es gibt einen Evaluationsbericht aus dem Jahr 2010, den die UNODC bei einem externen Gutachter in Auftrag gab. In ihm steht, dass Wieses Projekte allein in der Provinz Tocache die enorme Fläche von 19 .000 Hektar Koka "ausgerottet" hätten. Am Ende des Berichts aber heißt es auch: "Das Projekt hat sehr wahrscheinlich die Anbaufläche von Koka in der Provinz Tocache nicht verringert." Die Erklärung ist ein ökonomischer Kreislauf. Denn jedes zerstörte Feld, jeder Bauer, der auf ein anderes Produkt umsteigt, verknappt das Angebot. Das lässt die Koka-Preise steigen – und erhöht den Anreiz, doch wieder die Drogenpflanze anzubauen.

Auch Wiese kennt diesen Kreislauf. Als er nach einem langen Interview erschöpft in einer der peruanischen Autorikschas sitzt, sagt er, dass der Kampf gegen die Koka, "aussichtslos" sei, solange eine Nachfrage nach Kokain bestehe. Und: "Für mich war dieser Kampf eigentlich immer nur eine Rechtfertigung, um wirtschaftliche Entwicklung zu machen." Es ist ein bemerkenswerter Satz. Wiese, der UN-Mann, der den Koka-Anbau bekämpfen sollte, hält diesen Kampf für sinnlos. Vielleicht interessiert es ihn deshalb so wenig, ob der Kokaanbau unter dem Dach von UN-Projekten weitergeht.

Für Wiese zählt, dass die UN-Kooperativen 2012 einen Umsatz von 150 Millionen Dollar allein über den Export ins Ausland erzielten. Er will das Land wirtschaftlich voranbringen. Um fast jeden Preis. Nur vor diesem Hintergrund lässt sich wohl auch das letzte, rätselhafteste Kapitel seines Wirkens in Peru begreifen.

Es beginnt 2006, als Wiese für seine Projekte frisches Kapital braucht, mehr als ihm die UN geben wollen. Er nimmt deshalb Kontakt zu USAID auf, der Entwicklungshilfeorganisation der Vereinigten Staaten von Amerika. Es ist ein heikler Schritt. Immer wieder wird USAID vorgeworfen, in Lateinamerika nicht nur Entwicklungshilfe zu leisten, sondern sich von den Geheimdiensten auch für politische Einflussnahme und Spionage einspannen zu lassen. In Peru finanziert USAID die Zerstörung der Kokafelder durch die Polizei. Bei den Bauern ist die Organisation deshalb verhasst.

Dort, wo die Vereinigten Staaten Felder zerstören lassen, halten die UN sich eigentlich mit Projekten zurück: um nicht den Anschein zu erwecken, man stecke unter einer Decke. Diese Regel gilt bis 2006. Dann geht Wiese einen Pakt ein: USAID wird insgesamt 21,1 Millionen Dollar an die UN überweisen. Dafür arbeitet man von nun an zusammen. Nach dem Motto: Erst machen die Amis alles kaputt, dann kommt der nette Herr Wiese und bietet seine Hilfe an.

Als Wiese sein Programm ausweiten will, verlangt USAID allerdings einen Gutachter, um sich von seinen Projekten zu überzeugen. Der Mann, der den Job übernimmt, heißt Dennis Melka, ein Mann mit Glatze und etwas abstehenden Ohren. Auf Fotos sieht man ihn fast immer nur im Anzug. Melka ist Tscheche, aufgewachsen in den USA. Von 1995 bis 2005 arbeitet er dort als Investmentbanker bei der Credit Suisse First Boston, zuständig für Südostasien. Melka bekommt mit, wie in Malaysia das Geschäft mit dem Palmöl boomt: Regenwald wird gerodet, Menschen werden vertrieben, phänomenale Renditen erwirtschaftet. Ölpalmen, sagt Melka später in einem Interview, seien "gleich nach Koka die zweitprofitabelste Pflanze der Welt".

Angriff auf den Regenwald

Dann, 2005, steigt er selbst in das Geschäft ein. Er gründet das Unternehmen Asian Plantations, macht ein Vermögen. Doch andere Investoren waren früher in Malaysia, haben das Land bereits unter sich aufgeteilt. Um richtig groß zu werden, braucht Melka mehr Platz. Ein neues Land. 2010 kommt er nach Peru – als Gutachter, wie ihn USAID gefordert hat. Zusammen mit Wiese fährt er durchs Land. "Wir haben nur gesehen, okay, der Mann hat Ahnung von der ganzen Sache, den nehmen wir mit ins Feld", sagt Wiese. Melka bekommt sogar einen mit 10.000 Dollar dotierten Beratervertrag bei den UN. Auf der gemeinsamen Expedition mit Wiese entdeckt Melka die Vorzüge der Andenrepublik: billiges Land, käufliche Beamte, keine Exportsteuern im Amazonasgebiet.

Warum ausgerechnet Melka die Arbeit von Wiese beurteilen sollte, bleibt unklar. USAID teilt lediglich mit, keine vertraglichen Beziehungen zu Melka unterhalten zu haben – und verweist auf die UNODC. Diese schreibt in einer Stellungnahme: "Dennis Melka wurde als Kurzzeitberater eingestellt, um die technische Qualität und Durchführbarkeit eines wichtigen UNODC-Projektantrages zu bewerten, der USAID zur Finanzierung vorgelegt wurde. Ohne eine externe technische Bewertung war USAID nicht bereit, den UNODC-Antrag zu finanzieren." Weiter heißt es: "Die Einstellung unabhängiger Experten, um Projekte vor der Finanzierung zu 'validieren', ist eine verbreitete Praxis."

Dennis Melka, ein unabhängiger Experte?

Wir fliegen nach Pucallpa, in eine Grenzstadt zum Amazonasgebiet: Überall liegt Müll, um den sich Horden von Geiern streiten. Wilde Hunde und betrunkene Gestalten streunen durch die Straßen. Ein Sammelbecken für Abenteurer und Geschäftemacher, die die Natur ausbeuten: Goldschürfer, Holzfäller, Bergbauunternehmer. Auch Melka residiert in Pucallpa, im fünften Stock eines klobigen Luxushotels, und dirigiert von dort den ersten Großangriff auf den peruanischen Regenwald.

Melka ist gelungen, woran andere ausländische Investoren gescheitert sind: Er hat die Option auf fast 100.000 Hektar Land bekommen. Von der Regionalregierung. Treffen, lässt ein Sprecher ausrichten, könne man Melka nicht. Er sei gerade nicht im Land. Sein Angriff auf den Regenwald aber geht weiter. 12.000 Hektar sind bereits gerodet. Wer darüber hinwegfliegt, sieht inmitten wilden, wuchernden Waldes riesige, schachbrettartig angeordnete Felder, auf denen noch junge Ölpalmen in Reih und Glied stehen. Selbst mit dem Flugzeug dauert es zehn Minuten, sie zu umkreisen. Eine Untersuchung der Environmental Investigation Agency, einer NGO, die Umweltvergehen aufdeckt, kam 2015 zu dem Ergebnis, dass es sich bei den von Melkas Unternehmen erworbenen Flächen überwiegend um "primären Regenwald" gehandelt habe. Also echten Urwald.

Die große Frage ist: Wie ist Melka an so viel Land gekommen? Pablo Ramírez Mori, der Mitarbeiter aus der Regionaldirektion des Landwirtschaftsministeriums, war 2010 zuständig für die Vergabe von Landtiteln. Er musste das Land vermessen, das der Staat dann an Melka verkaufte. Wir zeigen ihm ein Foto von Hans Jochen Wiese.

"Kennen Sie diesen Mann?"

"Ja, Jochen."

"Wer?"

"Jochen Wiese."

"Haben Sie ihn zusammen mit Dennis Melka gesehen?"

"Ja, einmal. Als Melka nach Pucallpa kam, um sich noch mehr Waldflächen auszusuchen. Wiese war dabei."

"Was war das Thema?"

"Ich sollte Flächen ausweisen, die für den Anbau von Ölpalmen geeignet sind. Zusätzliche Flächen. Er wollte auf insgesamt 100.000 Hektar kommen. Wiese hat sich darauf beschränkt zuzustimmen. Er sagte, diese oder jene Zone ist geeignet. Das war’s."

Wiese leugnet, an dem Gespräch, das Mori beschreibt, teilgenommen zu haben. Überhaupt sei es nicht seine Aufgabe, Melka zu helfen. Dieser allerdings fühlt sich von den UN sehr wohl unterstützt. In einem Artikel der Investorenzeitung The Edge Singapore heißt es, er habe in Peru viel Hilfe durch lokale UN-Mitarbeiter erhalten. Melka selbst wird dort mit dem Satz zitiert: "Wir saßen zusammen, und sie haben uns eine Menge erklärt."

Dabei allerdings bleibt es nicht. Mehrere von Wieses engsten UN-Mitarbeitern wechseln später in das Imperium von Melka.

War es also Wiese, der Melka mit seinem Einfluss und seinen Mitarbeitern geholfen hat, in Peru Fuß zu fassen? Ist der UN-Mann zum Paten eines Regenwaldvernichters geworden? Und wenn ja, was hatte er davon?

Vieles bleibt rätselhaft. Fest steht: Wiese ging es vor allem darum, das Land wirtschaftlich voranzubringen. Und funktioniert das mit einem Macher wie Melka nicht viel besser als mit undankbaren, aufmuckenden Kleinbauern?

Bei einer Anhörung im peruanischen Kongress hält Wiese 2013 eine Art Abschiedsrede. Es geht vor allem um das Palmölgeschäft. Er sagt: "Glücklicherweise kommen jetzt auch erste ausländische Investoren ins Land." Dann kritisiert er die Umweltbehörde, weil sie den Ausländern aus seiner Sicht nicht genug entgegenkomme. Außerdem kündigt er an, dass die UN in Peru keine Palmölprojekte mehr fördern würden. Die Kleinbauern müssen nun also allein zusehen, wie sie sich gegen einen Investor wie Melka mit seinen Millionen behaupten.

Oder ob sie lieber zur Koka zurückkehren.

2013 endet Wieses Mission in Peru. Es ist das Jahr, in dem das Land Kolumbien als größten Kokaproduzenten der Welt überholt, wenn auch nur für zwei Jahre. Die Gründe für Wieses Abgang sind unklar. Einmal sagt er, sein Vorgesetzter bei den UN, Flavio Mirella, habe ihm vorgeworfen, korrupt zu sein. Ein Interview sagt Mirella erst zu und dann wieder ab. Schriftlich teilt die UNODC mit, der Vertrag von Wiese sei allein aufgrund von Finanzierungsproblemen nicht verlängert worden.

Andere Fragen, die sich auf den Verdacht der Geldwäsche, des Drogenhandels und des Landraubs beziehen, lässt die UNODC unbeantwortet. Die UN habe in dem Fall interne Ermittlungen eingeleitet.

Wiese arbeitet noch immer im Dienst der UN. Die Abteilung zur Drogen-und Kriminalitätsbekämpfung hat ihn als internationalen Berater nach Myanmar geschickt. Er kümmert sich jetzt nicht mehr um Kokain, sondern um Heroin. Er soll den Bauern helfen, statt Schlafmohn lieber Kaffee anzubauen.