Lieber Reinhold Messner,

Sie sind der Herr der Berge. Alle Achttausender haben Sie bestiegen, weil es sie gibt. Sogar auf den Mount Everest sind Sie ohne Sauerstoffgerät. Und warum? Weil Sie es konnten. Das war Grund genug. Fast ein halbes Jahrhundert erklären Sie uns Flachlandtirolern nun schon die Berge. Wir sind Ihre gelehrigen Schüler. Wir folgen Ihnen auf jedes Abenteuer. Wir haben sogar Ihre 83 Bücher gekauft, einige zumindest. Bei Markus Lanz sahen wir Ihnen dann zu, wie Sie auf Ihr gelebtes Leben blickten – und waren gerührt, als Ihnen die Tränen kamen, weil Sie an den Tod dachten. Aber jetzt können wir Ihnen nicht mehr folgen. In einem Interview haben Sie jüngst die "Verspargelung" der Alpen beklagt. Gipfelkreuze seien institutionelle "Machtdemonstrationen", sagen Sie. Sie zwängen den Bergen eine Aussage auf, die diese von Natur aus nicht hätten. Erhaben seien die Berge nämlich schon selbst, da bräuchte es kein übernatürliches Zeichen. Doch, halten wir Flachlandtiroler Ihnen entgegen, das braucht es. Heute mehr denn je. In wenigen Minuten kommt man mittlerweile per Sessellift an Orte, die die Menschen früher nur gewahrten, wenn ihre Seele nach dem Tod gen Himmel fuhr. Die Erhabenheit, die Sie den Bergen zuschreiben, hat nichts mit ihrer Höhe über Normalnull zu tun, sondern mit dem Gefühl, das Berge auslösen können in uns. Wer das erste Mal vor einem Berg steht, fühlt sich klein. Der hat das Gefühl, dass der Berg einen nur aus Gnade nicht zerquetscht wie eine Fliege. Und früher, als es noch keine Sessellifte, keine Serpentinenstraßen und geführten Skiwanderungen mit Hüttengaudi gab, da zerquetschte der Berg auch schon mal die Menschen. Sie fielen in Gletscherspalten, um erst nach Jahrzehnten gefunden und aufgetaut zu werden, oder wurden samt Dorf von Lawinen begraben. Ja, die Menschen fürchteten die Berge. Die Gipfelkreuze sind deshalb keine Machtdemonstrationen, wie Sie behaupten, sondern Ausdruck von Furcht und Verehrung. Ihre Botschaft lautet: Gott schütze uns!

Natürlich sehen Sie das anders. Ihre Botschaft lautet: Das Gipfelkreuz ist ein Symbol des Widerstands gegen die Aufklärung. Vor 200 Jahren hätten die Tiroler die Kreuze aufgestellt, als sie gegen die Fremdherrschaft der Franzosen kämpften. Das Kreuz wird in Ihrer Interpretation so einerseits zum Appendix eines längst vergangenen Geschehens und andererseits zum Symbol einer rückständigen Gesellschaft, in der Priester und Bürgermeister den Menschen vorschrieben, wie sie zu leben hatten. Als Kind haben Sie diese Gesellschaft, wie Sie mal erzählten, selbst erlebt. Sie wurde Ihnen zu eng. Sie sind ihr entklettert. Doch wenn diese Zeit wirklich längst in Geschichte entschwunden ist und eigentlich in eines Ihrer Berg-Museen gehört, warum wurden die Kreuze dann nicht schon lange gefällt? Und warum empören sich alle gerade darüber, dass irgendwer glaubt, die Aufklärung mit der Axt selbst vollenden zu müssen, indem er Gipfelkreuze umholzt? Aus Liebe zur Tradition? Aus einem antiquierten Schutzinstinkt fürs christliche Abendland heraus? Vielleicht, aber nicht nur. Schauen Sie sich um: Die Aufklärung hat scheinbar überall gewonnen. Früher fürchteten sich die Menschen vor den Bergen und waren froh, sie sicher von unten bewundern zu können. Heute drängeln sie sich nüchtern hinauf, um sie berauscht wieder hinabzustürzen. Schon vor langer Zeit haben die Berge aufgehört, Ehrfurcht zu erzeugen. Es ging ihnen das Geheimnis verloren, als die Menschen anfingen zu glauben, sie von der ersten Schneeflocke bis zur letzten Talfahrt kontrollieren zu können. In einem Punkt haben Sie deshalb recht: Es gibt keine heiligen Berge mehr in den Alpen. – Und daran tragen Sie Mitschuld. Bergsteiger wie Sie sind seit Alexander von Humboldts Beinahe-Besteigung des Chimborazo Produkte der Aufklärung. Sie glauben nicht an Gott oder ein Leben nach dem Tod. Sie glauben an sich und daran, dass das Leben erst dann lebenswert wird, wenn man es überlebt. Der Tod kann und darf Sie nicht schrecken – auch wenn er Sie bisweilen zu Tränen rührt. Sie rennen ihm nicht davon wie Ötzi, den Sie vor 25 Jahren zu bergen halfen und der 5000 Jahre zuvor nur deshalb ins Hochgebirge flüchtete, weil ihm ein paar Schurken ans Leder wollten. Bergsteiger wie Sie steigen dem Tod freudig entgegen, um ihm im letzten Moment vom Eispickel zu springen. Religiös sind Sie nicht. Das haben Sie auch nie behauptet. Spirituell jedoch sind Sie sehr wohl. Die Seiten Ihrer Bücher kleben vor Spiritualität und Küchenpsychologie. Auch das ist nicht ungewöhnlich für Bergsteiger wie Sie. Durch die Aufklärung, schreibt die katholische Theologin Carolin Neuber in einem Essay, habe der Mensch einen Mangel an transzendentem Erleben erlitten, "aber auch der aufgeklärte Mensch sucht etwas Größeres, ihn Übersteigendes". Indem er den Berg besiegt, besiegt er sich selbst. Das ist sein Trost. Das ist auch Ihrer. Da können Sie noch so oft aufzählen, wie viele Male Sie am Berg gescheitert sind und im nächsten Atemzug die Auswüchse des modernen Massentourismus geißeln: Weil Sie es ganz nach oben schafften, will jeder heute auch mal rauf. Sie beklagen das. Es macht Sie wütend. Im Interview schimpfen Sie nicht nur auf Gipfelkreuze. Sie schimpfen auch auf Handymasten und Fernsehantennen, die heutzutage die Gipfel verschandeln. Dabei sehen Sie nicht den kategorialen Unterschied: Das eine sind Zeugnisse der Macht über die Natur, das andere sind Symbole der Ohnmacht angesichts ihrer. Viele der Sessellift-Alpinisten, die sich in den Jausenhütten zwischen Berg- und Talstation so gerne die Berge schöntrinken, haben jeden Respekt vor den Bergen verloren und können mit Kreuzen, egal welchen, immer weniger anfangen. Ja, viele Gipfelkreuze dienen heute nur noch als Kulisse für Volksmusiksendungen in der öffentlich-rechtlichen Primetime. Andere müssen als Hintergrund herhalten für das Selfie, mit dem man sich, egal wo man ist, der eigenen Existenz versichert. Aber gegen wen spricht das nun: gegen das Kreuz, das immer noch ist, was es war, oder gegen die Selfiestangen-Halter, die weder verstehen können noch wollen, was sie im Hintergrund mit fotografieren? Mit dieser Anregung für Ihr 84. Buch sagt leise Servus Ihre

Christ&Welt-Redaktion