Jeden Montagmorgen, wenn die Sonne aufgeht über Berlin, betritt Kordian Orlik Kampfgebiet. In signaloranger Vollmontur, mit festem Schuhwerk und schwerer Ausrüstung, begibt er sich in die Gefahrenzone, an einen "kriminalitätsbelasteten Ort", wie ihn die zuständigen Behörden nennen. Oder, wie Kordian Orlik sagt, "in die Straße mit der meisten Scheiße".

Er arbeitet sich Haus für Haus voran. Gegen halb zwölf am Mittag steht er vor der Rigaer Straße 78 und schnauft kurz durch. Orlik, das Haar kurz, die Haut braun gebrannt, schaut auf die Fassade des Hauses, sieht Fahnen, Banner, und in der Mitte ein Plakat, von dem eine Polizistin drohend auf ihn hinunterblickt. Unter ihrem Bild warnen drei Worte: "Know Your Enemy" – " Kenne deinen Feind". "Ist Englisch, oder? Versteh ich nicht", sagt Kordian Orlik. "Aber ich glaub, denen geht’s eigentlich darum, dass die Mieten nicht steigen. Frag mich nur, ob das klappt auf die Art."

Kordian Orlik, 45 Jahre alt, Straßenfeger der Berliner Stadtreinigung, schüttelt den Kopf. Es ist ein warmer Tag, zwei Touristinnen fotografieren die beflaggten Häuser, eine Erzieherin lenkt ihre Kindergartengruppe am Hundekot vorbei. Vor eineinhalb Jahren wurde Orlik hierher versetzt, ins Gebiet rund um die Rigaer Straße im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Orlik ist der Erste, der mitbekommt, wenn es irgendwo knallt oder brennt. Und derjenige, der danach wieder Ordnung schaffen muss.

Seit einigen Monaten führt die Hauptstadt wegen der Rigaer Straße eine Gewaltdebatte. Hier tragen Anarchisten ihren Kampf gegen die Staatsgewalt aus; hier wird verhandelt, wie weit der Rechtsstaat gehen darf, um sich durchzusetzen. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) sucht das Gespräch mit den Straßenkämpfern. Innensenator Frank Henkel (CDU), sein Herausforderer bei der Landtagswahl am 18. September, jagt zu jeder Gelegenheit Polizisten in den Häuserkampf. Am Ende wird auch der Umgang der beiden politischen Konkurrenten mit der Rigaer Straße darüber entscheiden, wer die Hauptstadt in Zukunft regiert.

Kordian Orlik, der an diesem Montagvormittag auf gewisse Weise die Ordnungsmacht repräsentiert, hegt weder für die eine noch für die andere Seite große Sympathien. Er kommt aus Polen, lebt seit 1989 in Berlin, und die Politiker der Stadt, glaubt er, hätten den Bezug zu den einfachen Leuten verloren.

Er war sich nie zu schade, für die Stadt die Drecksarbeit zu machen: Er hat ihre Toiletten gereinigt, auf ihren Baustellen geschuftet, ihre Hotels glänzen lassen, in ihren Restaurants ihre Touristen bedient, nun fegt er ihre Straßen. Er mag seine Arbeit: "Aufm Bau weißte nie, ob du deine Kohle bekommst. Hier habe ich einen vernünftigen Arbeitsvertrag – habe ich vorher nie gehabt. Ist schon Luxus dieser Job."

Er versteht den Frust der Leute. Was er nicht versteht: den ganzen Müll. "Wenn die sauer sind auf die Politik, warum hinterlassen die so einen Dreck? Ich kann ja auch nichts dafür, dass die Mieten steigen", stöhnt Orlik. Trotzdem muss er jeden Tag die Scherben zusammenkehren, die der Konflikt hinterlässt. Und es werden immer mehr. "Besonders vor der 94", sagt er.

Das Haus mit der Nummer 94 wird in Berlin gefeiert von Anarchos und gefürchtet von Sicherheitskräften. Wem die Immobilie gehört, ist unbekannt. Der Eigentümer will anonym bleiben. Ein Teil der Bewohner lebt dort ganz bürgerlich mit Mietvertrag, der andere Teil hat einige Räume besetzt, unter anderem die Kneipe Kadterschmiede im Erdgeschoss. Der Verfassungsschutz räumt dem Haus in seinem jüngsten Bericht vier Seiten ein: Es gehe "von den sogenannten ›Anarchos‹ rund um die Rigaer Straße 94 und deren Sympathisanten das größte Gewaltpotenzial der linksextremistischen Szene Berlins aus". Zwei Punks sitzen vor der bunten Eingangstür, über der Pforte grüßt die Zahlenkombination 1312, Code für "all cops are bastards" – "Alle Polizisten sind Schweine".