Dass er Barack Obama einen Hurensohn genannt hat, war nach den Maßstäben des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte nicht einmal besonders krass. Den amerikanischen Botschafter in Manila hatte Duterte kürzlich noch etwas gründlicher als "schwulen Hurensohn" beschimpft. Für ihn und seine Anhänger ist die vulgäre Kraftsprache ein Zeichen von Männlichkeit, Authentizität und Handlungsstärke. Obama allerdings hat nach Dutertes Beleidigung ein geplantes Treffen der beiden Politiker abgesagt.

Politisch ist es für den Staatschef der Philippinen geradezu verrückt, sich mit den USA anzulegen. Seine Regierung soll in diesem Jahr rund 120 Millionen Dollar Militärhilfe aus Washington erhalten. Die Vereinigten Staaten unterhalten mehrere Truppenstützpunkte im Land. Die Philippinen sind bedrängt vom zunehmenden chinesischen Großmachtgehabe und brauchen die USA dringend als Verbündete.

Was Duterte trotzdem gegen Obama hat ausfallend werden lassen, war die Aussicht auf amerikanische Kritik an seiner brutalen Antidrogenpolitik. Auf jeden Fall mehr als 1000, womöglich weit über 2000 angebliche Drogenkriminelle sind seit Dutertes Amtsantritt Anfang Juli auf den Philippinen von der Polizei oder von Lynchkommandos getötet worden. Der Präsident bringt eine geradezu lustvolle, provozierende Verachtung für den Rechtsstaat und alle juristischen Spielregeln zum Ausdruck: "Menschenrechte sind mir egal." Nach Protesten der Vereinten Nationen gegen seine gesetzlose Verbrechensbekämpfung hat Duterte erklärt, die Philippinen könnten aus der Völkerorganisation ja auch austreten und zusammen mit China und afrikanischen Staaten einen Alternativverein aufmachen.

Rodrigo Duterte ist kein Clown, auch kein blutiger Clown. Bürgerrechtler und Oppositionelle auf den Philippinen sehen in seiner Regierungsweise eine echte Gefahr für die Demokratie. Mehrfach hat der Präsident öffentlich mit der Möglichkeit gespielt, einen Ausnahmezustand oder das Kriegsrecht zu verhängen. Ein solches Notstandsregime war das Instrument, mit dem der 1986 gestürzte Diktator Ferdinand Marcos jahrzehntelang über die Philippinen geherrscht hatte. Marcos’ Vertreibung war ein Befreiungsakt, ein Teil des damaligen globalen Siegeszuges der Demokratie. Er gipfelte 1989 in den friedlichen Revolutionen in Mittel- und Osteuropa und im Untergang des Kommunismus. Ein Rückfall der Philippinen in die Diktatur wäre eine auch symbolisch schwerwiegende Niederlage für die Sache der Freiheit über Südostasien hinaus. Man hört jedenfalls mit leicht mulmigen Gefühlen, dass Präsident Duterte für Mitte des Monats die Umbettung der Gebeine des früheren Alleinherrschers Ferdinand Marcos auf einen Heldenfriedhof angekündigt hat.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 8.9.2016.

Das Phänomen Rodrigo Duterte ist aber noch aus einem anderen Grund beunruhigend, und zwar wegen der echten Popularität des Präsidenten. Die Bürger der Philippinen haben ihn im klaren Bewusstsein seiner Radikalität gewählt. Auch Dutertes Kritiker geben zu, dass sein rücksichtsloser Antidrogenfeldzug breite Sympathie in der Bevölkerung genießt. In den Augen vieler ist er nicht nur der Verfolger und Vertilger des Verbrechens, sondern der komplette Gegenentwurf zu einem verkommenen staatlichen und gesellschaftlichen System, in dem unten, auf der Straße und in den Slums, das Chaos herrscht und oben, in den Ministerien und Firmenzentralen, die Korruption. Das neue, dynamische Asien mit seinen unaufhaltsam wachsenden Metropolen wie der philippinischen Hauptstadt Manila ist eben auch ein Ort der beängstigenden Anarchie – und die wiederum brütet eine enorme, manchmal gewaltsame Sehnsucht nach Ordnung aus.

Es ist im Augenblick viel von der autoritären Versuchung in Europa und den USA die Rede, von den Trumps und Le Pens, von den Modernisierungsverlierern, die sich nach putinesken Führergestalten sehnen. Duterte ist ein Beispiel für eine andere autoritäre Versuchung – eine, die nicht aus Abstiegsangst, sondern aus dem Umbruch-Chaos erwächst. Das ist ebenfalls Furcht einflößend, und daher hat, wie der Westen, auch Asien eine Konjunktur der starken Männer, vom Islamo-Nationalisten Erdoğan in der Türkei bis zum Hindu-Nationalisten Narendra Modi in Indien. Alles keine großen Liberalen, auch wenn sie den amerikanischen Präsidenten gewiss nicht Hurensohn nennen würden.