Immer donnerstags, immer vormittags bildet im Tal der Träume der amerikanische Albtraum eine Schlange, die sich langsam vorwärtsschiebt. Immer donnerstags, immer vormittags stellt sich eine Frau in diese Schlange, die Haut schwarz, die Haare hochgesteckt, der Blick müde. Die Frau, heute trägt sie eine helle Bluse, macht einen Schritt nach vorn und schaut auf ihre frisch lackierten Fingernägel.

LaConya Gilbert, 30 Jahre alt und Mutter zweier Kinder, hat zwei Jobs. Sie macht die Buchhaltung für eine Zeitarbeitsfirma und pflegt eine behinderte Frau. Sie verdient 24.960 Dollar im Jahr. Trotzdem reiht sie sich jede Woche in Palo Alto in die Schlange der städtischen Ernährungshilfe ein, Fallnummer 15940.

Eine Obdachlose im Silicon Valley.

LaConya Gilbert steht an für Gutscheine, die sie bei Discountern wie Walmart und Target eintauschen kann gegen Lebensmittel und Kleidung. Sie werden für drei, vier Mahlzeiten für sie und die Kinder reichen. Brot, Butter, vielleicht Brokkoli, das Lieblingsessen ihrer Tochter. Gilbert selbst braucht dringend eine neue Hose. Sie hat gesehen, dass Walmart gerade welche im Angebot hat, das Stück für sieben Dollar.

Neben ihr in der Reihe schaut ihre Mutter auf die Uhr, Barbara Williams, 50, studierte Betriebswirtin. Heute arbeitet sie als Förderlehrerin und im Zweitjob bei einer Sicherheitsfirma. Außerdem macht sie noch eine Ausbildung zur Versicherungsmaklerin. Sie verdient 51.000 Dollar im Jahr und lebt in einer Sozialwohnung. Auch sie braucht Gutscheine.

LaConya Gilbert lehnt sich an ihre Mutter, schnauft erschöpft, es dauert. Jetzt ist erst mal Paul dran. Mutter und Tochter kennen Paul, er kommt jede Woche hierher. Paul ist Informatiker, war Softwaretester bei Apple und Adobe, bis ein anderer ihn ersetzte. Nach vier Jahren auf der Straße hat er vor Kurzem wieder eine Wohnung gefunden.

Nach ihm kommt David, graues T-Shirt, Jeans, die Gewöhnlichkeit in Person. David ging auf dieselbe Highschool wie Steve Jobs, hat eine Arbeit und ein Auto, kann sich aber kein Zimmer leisten.

LaConya Gilbert und ihre Mutter warten weiter und grüßen VJ, die, gestützt auf einen Rollator, an ihnen vorbeischlurft. VJ war einst angestellt in der Personalabteilung eines großen Elektronikunternehmens, bekam einen schweren Diabetes, verlor ihre Stelle und wäscht nun per Hand, weil sie kein Geld hat für den Waschsalon.

LaConya Gilbert und ihre Mutter und Paul und David und VJ: Sie sind die Gesichter einer neuen, amerikanischen Armut. Viele der Menschen, die an diesem Donnerstagvormittag in einem Gemeinderaum der All Saints Episcopal Church von Palo Alto auf Almosen warten, haben Job und Lohn, Bildung und einen geregelten Tagesablauf. Sie passen nicht ins Klischee von Hunger und Elend. Und dennoch ist ihr Anblick ein Bild der Alltäglichkeit im Silicon Valley, der düstere Ausschnitt eines blendenden Panoramas.

Das Valley wirkt, zunächst, wie ein kleines Paradies. Von San Francisco fährt man hinein in das Tal, das eigentlich keines ist, eher ausgedehnte amerikanische Vorstadt. Links streckt sich die Bucht von San Francisco, am Horizont Hügel, Palmen. Der Highway 101 führt durch eine blühende Landschaft, vorbei an Palo Alto und Mountain View bis nach San José. Weiße Busse mit abgedunkelten Fensterscheiben gleiten über die Fahrbahn, und vorbei rauscht auch ein Wahlkampfbus von Donald Trump. Am Straßenrand zeigen sich warm und bunt und von der Sonne beschienen die Firmensitze von Microsoft, Google, Intel. Was man nicht sieht: Im Zukunftslabor Amerikas, in einer der reichsten Gegenden der USA, zwischen 53 Milliardären und Zehntausenden Millionären leben Hunderttausende Menschen in Armut. 15 044 sind offiziell obdachlos, schlafen auf der Straße, in Autos oder Garagen. Und die Statistiken erfassen nicht mal alle. Abertausende, die bei Freunden unterkommen, sich winzige Zimmer teilen, werden nicht mitgezählt. Auch LaConya Gilbert und ihre Kinder gehören zu diesen Unsichtbaren, die man eigentlich dazuaddieren müsste. Sie schlafen illegal in der Sozialwohnung der Großmutter.

Jedes dritte Kind ist bedroht von Hunger

Menschen, die fast überall sonst zur Mittelklasse gehören würden, kämpfen im Silicon Valley ums Überleben. Im Schatten der Konzernzentralen warten Monat für Monat 250.000 Menschen an den Essensausgaben gemeinnütziger Tafeln, ist jedes dritte Kind bedroht von Hunger. Immer im November lesen in San José Freiwillige in einer Trauerstunde die Namen derer vor, die im abgelaufenen Jahr auf den Straßen des Silicon Valley gestorben sind. Die letzte Zeremonie dauerte doppelt so lange wie die im Vorjahr, 61 Namen.

An diesem Ort lässt sich wie unter einem Brennglas beobachten, was passiert, wenn die Mittelschicht wegschmilzt. Überall in den USA öffnete sich in den vergangenen Jahrzehnten die Schere zwischen Arm und Reich dramatisch, im Silicon Valley ging alles wie immer noch schneller, es wurde zum Ort der größten Ungleichheit.

Kaum ein Thema, das in den USA lauter aus Zeitungszeilen, aus Fernsehnachrichten und Stammtischgesprächen schreit als die zunehmende Ungerechtigkeit. Die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton empört sich, dass die 25 reichsten Hedgefondsmanager mehr verdienen als alle 158.000 Erzieher der USA zusammen; Donald Trump fischt nach Wählern in der abgehängten unteren Mittelschicht.

Die Reallöhne steigen seit vier Jahrzehnten nicht mehr. Amerika hat Angst vor dem Abstieg, Angst vor den Gesichtern in der Warteschlange in der All Saints Episcopal Church. Denn diese Gesichter zeigen, dass das ideologische Fundament dieses Landes zerbröselt: "Jeder kann es schaffen" – längst nicht mehr.

Im Gemeinderaum hat nun auch die Lehrerin Barbara Williams ihre Gutscheine bekommen, jetzt wartet sie auf ihre Tochter. LaConya Gilbert muss sich noch eintragen in eine Warteliste für Sozialwohnungen. Auf vier solcher Listen steht ihr Name bereits. Doch in diese neue setzt sie ihre größte Hoffnung. Sie wird zu den Ersten gehören, die sich eintragen. Endlich eine Wohnung. Je nach Organisation beträgt die Wartezeit Wochen, Monate oder Jahre. LaConya Gilbert kommt angelaufen, sagt: "Nächste Woche können sie abschätzen, wie lange es dauert."

Seit mehr als zwei Jahren zieht LaConya Gilbert mit ihrer Tochter Jahari, vier, und ihrem Sohn Da’ron, 13, durchs Silicon Valley, die drei übernachten in Obdachlosenunterkünften, bei Bekannten, Verwandten, im Auto. Als Barbara Williams Tochter und Enkel in ihrer Sozialwohnung in Sunnyvale aufnahm, schärfte sie ihnen ein, bloß nie die Jalousien zu öffnen: Die Hausverwaltung duldet keine Überbelegung und darf nichts mitbekommen.

Die Wohnung ist nicht mehr als ein winziger Raum mit abgetrenntem Bad, keine 20 Quadratmeter. LaConya Gilbert teilt sich mit ihren Kindern eine abgewetzte Matratze im unteren Teil eines Stockbetts. Oben fehlt, weil Geld fehlt, eine zweite Matratze, und solange das so ist, schläft die Oma draußen im Wagen.

Als Barbara Williams und LaConya Gilbert aus der Kirche hinaustreten, fallen sie hinein in eine andere Welt, werden zu Statisten in der Kleinstadtkulisse von Palo Alto, in der geschäftige Menschen mit Laptop unterm Arm und iPhone in der Hand gepflegte Bürgersteige entlanggehen, in der Elektroautos von Tesla lautlos über die Straße rollen, in der das Lokalblatt Mountain View Voice gelangweilt meldet, dass in Palo Alto ein Haus verkauft wurde, ein Zimmer, Küche, Bad, für 8,5 Millionen Dollar.

LaConya Gilbert ging hier in Palo Alto zur Schule, 15 Jahre ist das erst her. "Damals war die Stadt totale Mittelklasse", sagt sie. Es habe die Louis-Vuitton-Boutique nicht gegeben, nicht das Four-Seasons-Hotel, nicht die Gourmetrestaurants.

Die Häuserpreise explodierten regelrecht

Die Geschichte von LaConya Gilberts Familie spiegelt in weiten Teilen die jüngere Geschichte Amerikas. Als LaConya 1986 geboren wurde, propagierte US-Präsident Ronald Reagan die Trickle-down-Theorie, die These also, dass die Reichen reicher werden sollten, weil das Geld der Oberschicht über kurz oder lang nach unten durchsickern werde. IBM präsentierte den ersten, fast sechs Kilogramm schweren tragbaren Computer. Die New York Times erkannte erste Anzeichen für eine sich spaltende Gesellschaft, sah Feinkost- und Fast-Food-Läden öffnen und mittelpreisige Lokale schließen; zudem werde die Wirtschaft "globalisiert" – ein kaum bekanntes Wort damals, das man deshalb noch in Anführungsstriche setzte. Amerika, schrieb die Zeitung, könnte sich zu einer Gesellschaft entwickeln, die zerrissen ist wie in einem Dritte-Welt-Land.

LaConya Gilberts Vater arbeitete damals bei dem Computer- und Druckerhersteller Hewlett-Packard in der Produktion, ihre Mutter Barbara studierte als Erste in der Familie. LaConya wuchs auf in bescheidenem Wohlstand, in Menlo Park, in Blickweite von dort, wo heute Facebook residiert. LaConya wollte Anwältin werden, ihr Lehrer nannte sie "little Johnnie Cochran", nach dem Verteidiger von O. J. Simpson, weil niemand in der Klasse besser argumentieren konnte als sie.

Es ist die Entstehungszeit des Mythos Silicon Valley – nur wenige Wissenschaftler nannten den Landstrich wegen der dort hergestellten Silizium-Plättchen schon damals so. Nirgendwo hatten Kinder aus einkommensschwachen Familien bessere Chancen, den Aufstieg zu schaffen, nirgendwo konnte leichter zum Großverdiener werden, wer arm geboren wurde. Das lag auch daran, wie der Harvard-Ökonom Raj Chetty feststellte, dass der Wohnraum so günstig war. Dass Arme und Reiche nebeneinander wohnten. Dass eine neue Industrie Arbeitsplätze schuf und jeder diese Arbeitsplätze gut erreichen konnte.

Doch dann geschah etwas. Das Tal veränderte sich. Der Boom bescherte der IT-Branche Rekordgewinne, die Firmen wuchsen und wuchsen. Wie in einem modernen Goldrausch strömte die globale Tech-Elite ins Valley, angelockt vom Versprechen, die Welt zu verändern, und von Gehältern, die nach oben keine Grenzen zu kennen schienen. Und irgendwo musste die neue Elite wohnen.

Die Immobilienpreise stiegen so sehr, dass viele aus der Mittelschicht sich ein Haus oder ein Apartment in der Stadt nicht mehr leisten konnten. Auf den Highways bildeten sich Staus, weil die Menschen billiger, also weiter weg wohnen mussten. Die Trickle-down-Theorie erwies sich als Illusion. Zu den Armen sickerte kaum Geld durch. Und anstatt den außer Kontrolle geratenen Markt politisch in die Schranken zu weisen, anstatt Sozialwohnungen zu bauen und die IT-Unternehmen über die Steuern an dieser gesellschaftlichen Aufgabe zu beteiligen, heizten die Regierungen in Washington die Entwicklung weiter an.

Präsident George W. Bush sorgte dafür, dass die Reichen noch viel reicher wurden. Seine Administration machte ihnen immense Steuergeschenke und liberalisierte wie die Vorgänger die Finanzmärkte. Im Silicon Valley verdienten die Firmen ein Vermögen mit Kapitalerträgen, die bald niedriger besteuert wurden als die Löhne der Arbeiter. Die Folge: Die ohnehin schon hohen Häuserpreise explodierten regelrecht, ebenso die Mieten. In Palo Alto, wo, als LaConya Gilbert zur Schule ging, ein gewöhnliches Haus 700.000 Dollar kostete, sind es heute 2,5 Millionen. In San Francisco, dem Wohnzimmer der IT-Branche, liegt die Durchschnittsmiete für eine Einzimmerwohnung derzeit bei knapp 4.000 Dollar.

Als der Stadtrat von Palo Alto vor drei Jahren darüber debattierte, dass es zu viele Obdachlose gebe, die in Autos schliefen, fasste er mit sieben zu einer Stimme einen Entschluss: Er verbot das Hausen im Auto.

LaConya Gilbert wurde früh Mutter und bald Alleinerziehende. Das war zu verkraften. Als ihr Sohn Da’ron drei Jahre alt war, ging sie zur Army, weg aus dem Valley, weg aus Amerika, nach Kaiserslautern in Deutschland. Sie wurde befördert zum Specialist, zum Corporal, saß in Meetings mit dem Generalmajor. 2009 schied sie aus der Army aus und kehrte zurück. Nach nur drei Jahren Abwesenheit erkannte sie ihre Heimat nicht wieder: die Armut, die Wohnungsnot, die fremden Logos an den neuen, glitzernden Fassaden.

Sie dachte, nach ihrer steilen Militärkarriere könnte sie teilhaben am Technologieboom. Doch eine Exsoldatin passte nicht zu den schlampigen Genies und zerzausten Geeks, dem Personal der neuen Zeit. LaConya Gilbert verschwand in der Unsichtbarkeit schlecht bezahlter Dienstleistungsjobs, arbeitete als Kassiererin, im Kundendienst, als Servicekraft. Den schlechten Jobs folgten schlechte Entscheidungen. Sie wurde wieder schwanger, vom Falschen, Jahari kam zur Welt. Mutter und Kinder zogen zu Jaharis Vater, kurzes Glück, langes Unglück. Sie stritten, schrien, und eines Tages, April 2014, kam sie mit den Kindern nach Hause, und ihr Schlüssel passte nicht mehr ins Schloss. Am Abend wartete LaConya Gilbert, gerade noch Corporal, gerade noch voller Zuversicht, mit ihren Kindern zum ersten Mal am Empfang eines Obdachlosenasyls auf ein Bett.

Es ist ein schmaler Grat in Amerika zwischen Bürgerlichkeit und Abgrund; nirgendwo aber stürzt man schneller aus dem Leben als im Silicon Valley.

"Viele Leute im Tech-Sektor leben in einer Blase"

Warum ich nicht fortziehe? LaConya Gilbert lacht. Sie hat sich verabschiedet von ihrer Mutter, sitzt im Bus, fährt nach San José zu ihrem Pflegejob, zweieinhalb Stunden dauert allein der Hinweg. Die Straßen sind immer verstopft, der öffentliche Nahverkehr ist ein Desaster, und vor der Arbeit muss sie ihre Tochter Jahari zur Tagesbetreuung bringen. Sie wolle weg, natürlich, sagt LaConya Gilbert. Doch Jaharis Vater erstritt vor Gericht das gemeinsame Sorgerecht. Er will bleiben, und so muss auch sie bleiben.

LaConya Gilbert schaut aus dem Fenster. In der Ferne thronen Microsoft, Facebook und Google. Manchmal fragt sie sich, ob die dort drüben irgendetwas wissen über Menschen wie sie.

Fünf Autominuten von LaConya Gilberts provisorischem Zuhause entfernt empfangen in der Lobby von Google zwei junge Damen die Besucher, ein Willkommensschild grüßt in 26 Sprachen. Bitte checken Sie am Touchscreen ein. Der Personalausweis wird gescannt und überprüft, da kommt Prajesh Parekh schon angelächelt, 35 Jahre alt, lockeres Hemd, lockere Art. Er leitet die Marketingabteilung für Apps, versucht Nutzer dazu zu bewegen, dass sie mit Google Docs arbeiten, mit Google Hangouts telefonieren, mit Gmail mailen.

Unzählige Versuche, mit Angestellten der IT-Konzerne über die Armut im Valley zu reden, endeten in Absagen und unbeantworteten E-Mails. Prajesh Parekh war der Einzige, der zusagte. Was soll er auch machen: Er ist im Vorstand einer Obdachlosenorganisation.

Parekh bittet auf den Campus, man tritt ein in bunte Wohlfühl-Lässigkeit. Menschen sitzen in roten und grünen und gelben Gartenstühlen unter Sonnenschirmen, hinter ihnen Beachvolleyball- und Badmintonfeld. "Wir Googler haben das Wissen und das Können, um Probleme zu lösen", sagt Parekh, eine vertrauensvolle Wärme in Ton und Blick. Dieses Unternehmen sei "just amazing", Google tue alles für seine Mitarbeiter. Es ermuntert sie auch, sich für Hilfsprojekte zu engagieren. Die Firma stellt sie für jene Stunden frei, in denen sie ehrenamtliche Arbeit leisten. Deshalb hat es für Parekh gut gepasst, als im Januar einige Hilfsorganisationen auf der Suche nach neuen Vorstandsmitgliedern waren. Parekh entschied sich für einen Verein, der Obdachlose unterstützt, weil er von der Leidenschaft der Helfer fasziniert war.

Bei einem der Treffen der Organisation begegnete er einem Obdachlosen, der ihm von einem Buch erzählte. "Er fragte, ob ich es ausleihen möchte. Ich meine ...", Parekh stockt, scheint immer noch ergriffen von der Szene. In letzter Zeit konnte er allerdings nur selten zu den Treffen gehen. Wieder lächelt er: "Zu viel zu tun."

Die Karriere eines Silicon-Valley-Jedermanns: Aufgewachsen in Seattle, machte Parekh seinen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften an der Wharton School in Pennsylvania, wo schon der Investor Warren Buffett und auch Donald Trump ihr Wissen für späteren Welterfolg erwarben. Über Microsoft und Procter & Gamble kam Parekh 2011 zu Google.

Er sagt: "Ich habe mir den Arsch abgearbeitet."

Der typische Berufsanfänger des Silicon Valley kommt aus wohlhabender Familie und hat ein Diplom einer Eliteuniversität. "Wenn du gleich nach dem Studium hierherkommst", sagt Parekh und schwenkt mit seinem Arm über den Campus, "wie sollst du jemals verstehen, was es heißt, einen normalen Job zu haben?"

Parekh hat keine festen Arbeitszeiten, er kann kommen und gehen, wann er will. Jeden Morgen kann er sich von einem firmeneigenen Shuttlebus – ausgestattet mit WLAN, Ledersitzen und abgedunkelten Fensterscheiben – auf den Campus von Google fahren lassen. Morgens kann Parekh dort kostenlos frühstücken und danach gratis trainieren in einem der sieben Fitnessstudios. Am Mittag kann er wählen zwischen Burritos, Sushi, Salat, Burgern und Pizza, und wenn ihm ein Stück Burger oder Pizza auf sein Hemd fällt, kann er das Hemd in die hauseigene Wäscherei geben. Er kann schwimmen gehen oder einen Chiropraktiker aufsuchen. Nach Feierabend kann er auf die Bowlingbahn oder ins Tanzstudio gehen. Für all dies muss Parekh den Campus nicht verlassen, und für nichts muss er bezahlen. Fast alle großen Unternehmen im Silicon Valley bieten ihren Mitarbeitern einen solchen Service.

Viele Leute im Tech-Sektor lebten in einer Blase, sagt Parekh. Sie kämen hierher, breiteten sich aus, und ja: Sie verdrängten die ärmere Bevölkerung. Trotzdem glaubt er: "Was hier passiert, muss passieren. Es wird der ganzen Welt helfen." Diese "bestimmten Entwicklungen", wie er es nennt, seien vielleicht eine "notwendige Komponente des Fortschritts", den ja jeder wolle.

Subunternehmen, die das Silicon Valley mit billigen Arbeitskräften versorgen

So kann man es sehen. Oder auch anders. Im Silicon Valley ist eine geschlossene Gesellschaft entstanden, die ihre Ingenieure und Programmierer davon abhält, auch nur versehentlich in Kontakt zu kommen mit denen da draußen. Eine Gesellschaftsform, die wirkt wie eine freundliche Variante der Apartheid, eine, die nicht auf Zwang basiert, sondern auf Anreizen. Parekh kritisiert das. Ein bisschen. Er wünscht sich, "dass während dieses Rattenrennens um das nächste große Ding die Leute merken, dass es da draußen ein Land gibt, in dem immer mehr Menschen Essensmarken eintauschen müssen".

Parekh, selbstverständlich, merkt und sieht, er sagt: "Du musst jeden, selbst die Obdachlosen, behandeln, als wären sie deine Freunde." Zu dieser Erkenntnis hat ihm sein Arbeitgeber verholfen. Google bietet seinen Angestellten Kurse an, Yoga, Gitarre, Kochen, klar, aber auch: "Search Inside Yourself", eine dreitägige Reise zu "Spiritualität und Achtsamkeit". Parekh sagt, der Kurs habe seine Sicht auf die Dinge verändert, auch seinen Umgang mit Menschen. Er wisse nun: "Wenn jemand nicht so aussieht wie ich, darf ich ihn nicht ausgrenzen."

Vielleicht sind sich Prajesh Parekh und LaConya Gilbert schon einmal begegnet: im vergangenen Sommer, beim jährlichen Google-Picknick. Gilbert und ihre Mutter arbeiteten dort als Aushilfen. Schminkten die Kinder der Mitarbeiter. "Es war schön", sagt Gilbert, "und unglaublich. Die Gäste kamen vorgefahren in Bussen, es gab überall Snackstände, Popcorn, Getränke. Berge von Essen. Alles umsonst." Fasziniert schaute sie den Fremden zu: "Am Ende bekam jeder Besucher noch eine Tasche mit Geschenken drin."

LaConya Gilbert und ihre Mutter waren damals von einem jener Subunternehmen engagiert worden, die das Silicon Valley mit billigen Arbeitskräften versorgen: mit den Gärtnern, die den Google-Campus erblühen lassen. Den Pförtnern, die Facebook von der Öffentlichkeit abschirmen. Den Bauarbeitern, die für Apple eine fünf Milliarden Dollar teure neue Konzernzentrale errichten. Den Kellnern, Putzkräften, Hausmeistern, Chauffeuren.

Vor Kurzem stellte der Ökonom Chris Benner von der University of California in einer Studie über das Silicon Valley fest: Zwischen 1990 und 2014 wuchs die Zahl der Arbeitsplätze in Subunternehmen hier dreimal so schnell wie im Privatsektor insgesamt. Der Technologieboom schuf 18 Prozent mehr Jobs, die Anzahl der Stellen in Subunternehmen stieg um 54 Prozent.

"Die Tech-Unternehmen haben in den letzten Jahren den Großteil ihrer Belegschaft ausgelagert", sagt Benner. "Anstatt eine Putzfrau direkt anzustellen, heuern sie eine Reinigungsfirma an. Das spart Personalkosten und Sozialversicherungsabgaben. Die Gewinne werden maximiert." Das trägt dazu bei, dass Facebook pro Mitarbeiter 2,8 Millionen Dollar jährlich verdient – bei McDonald’s sind es 60.000 Dollar.

Die enormen Gewinne erlauben es den Firmen, enorme Gehälter an ihre Festangestellten zu zahlen. Hilfsarbeiter dagegen werden kläglich entlohnt. Das Jahreseinkommen dieser Söldner liegt bei durchschnittlich 19.900 Dollar, das eines mittleren Angestellten von Google bei 151.600 Dollar. Die Hilfsarbeiter haben auch: längere Anfahrtswege, also höhere Transportkosten, kaum Kündigungsschutz, eine schlechtere Gesundheitsversorgung. Die Hilfsarbeiter-Armee rekrutiert vor allem Schwarze und Latinos, Ingenieure und Programmierer sind überwiegend weiß und männlich.

Kaum eine Branche, die Offenheit und Vielfalt pathetischer beschwört, die ihr Anders-Denken, ihr Anders-Sein lauter propagiert als die Internetbranche. Jede Stellenausschreibung von Google ein Lob der Andersartigkeit: "Bei Google akzeptieren wir nicht nur Verschiedenheit – wir feiern sie, fördern sie [...]. Wir haben uns dem Gedanken verschrieben, jedem die gleichen Beschäftigungsmöglichkeiten zu geben, ungeachtet von Hautfarbe, Herkunft, Religion, Geschlecht, Ethnie, sexueller Orientierung, Alter, Staatsangehörigkeit, Familienstand, Behinderung oder Veteranenstatus."

Prajesh Parekh sagt: "Wir brauchen jeden!"

Und LaConya Gilbert wundert sich.

Nachdem sie zurück war aus Deutschland, schrieb sie zig Bewerbungen, bemühte sich um eine Stelle in der Systemverwaltung bei Google, bei Facebook, Yahoo, wartete monatelang auf Antwort, erhielt keine. "Ich war immer die Letzte, die sagte, bei uns gibt es Rassismus", sagt Gilbert. "Aber ich habe meine Meinung geändert. Ich habe alle Voraussetzungen für diese Jobs, Erfahrung und einen guten Lebenslauf – und ich kriege nicht mal eine Absage? Woran liegt es, wenn nicht an meinem Foto, das eine schwarze Frau zeigt und keinen weißen Mann?"

Die Einkommensungleichheit gleicht der von Ruanda

Tatsächlich entlarven Studien aus den vergangenen zwei Jahren unangenehme Wahrheiten: Schwarze machen in den USA nur ein Prozent der Fachbelegschaft von Google aus, ebenso ist es bei Facebook, Twitter, Yahoo und LinkedIn. 75 Prozent der Reinigungskräfte sind Schwarze und Latinos. Männliche Akademiker verdienen im Silicon Valley 37 Prozent mehr als weibliche. Die Aufsichtsräte bestehen zu 93 Prozent aus Männern.

Mit den Vorwürfen konfrontiert, sagt Google: "Was Diversität betrifft, sind wir noch lange nicht da, wo wir sein wollen. Aber wir haben Fortschritte gemacht. Vier Prozent der neu Eingestellten 2015 waren Schwarze."

Als LaConya Gilberts Vater, schwarz und ohne Bildung, in den Achtzigern bei Hewlett-Packard arbeitete, tat das Unternehmen etwas, das damals absolut üblich war und heute ganz und gar altmodisch erscheint: Es stellte ihn direkt an. Ließ ihn, einen Arbeiter aus der Region, am Tech-Boom teilhaben und ermöglichte seinen Aufstieg in die Mittelschicht.

Chris Benner, der Ökonom, sagt, in den letzten 30 Jahren habe sich die Philosophie des Silicon Valley geändert: "Die Firmen denken heute global, sie interessieren sich nicht für die Probleme vor Ort."

Als das Silicon Valley immer wichtiger wurde, brauchten seine Firmen mehr Ingenieure, mehr Programmierer. Sie wollten die besten, und die kamen vor allem aus Asien. Der demokratische Präsident Bill Clinton lockerte in den neunziger Jahren die Einwanderungsgesetze, es kam das gewünschte Personal, nur nicht genug davon. Deshalb gründeten Mark Zuckerberg und andere 2013 eine Lobby-Initiative. Sie kämpfen für eine erleichterte Einwanderung – nicht aus Nächstenliebe, sondern um Spezialisten ins Tal zu holen.

Die Hightech-Riesen sind der Region längst entwachsen. Wirklich interessant sind etwa für Google Investitionen in sogenannte moonshots, Projekte, die so revolutionär sein sollen wie die Mondlandung: Kontaktlinsen für Diabetiker, die den Blutzucker messen. Selbstfahrende Autos. Google-Gründer Larry Page gibt Millionen aus für Ballons, die das Internet zu den Ärmsten in den entlegensten Regionen der Erde bringen sollen – und spart Millionen, indem er Hilfsarbeiter über Subunternehmen rekrutieren lässt, zu einem Verdienst, der für kein würdiges Leben reicht.

Die Einkommensungleichheit in Teilen des Silicon Valley ist laut der Sozialbehörde von San Francisco vergleichbar mit der von Ruanda. Wer das weiß, den wundert nicht, dass ausgerechnet hier der größte Slum der USA entstehen konnte. Im "jungle" im Süden von San José hausten mehr als 300 Menschen in Zelten, unter Planen, auf Pappkartons, in Erdlöchern. Es gab Raubüberfälle, Schlägereien, Vergewaltigungen. Es gab Tote. Als die Behörden den Schandfleck im Dezember 2014 mit Bulldozern niederrissen, hinterließen die jungle-Bewohner: 315 Einkaufswagen, 1.200 Injektionsnadeln und 618 Tonnen Müll.

Das Problem verschwand nicht, es verteilte sich. "Wir müssen heute extrem vorsichtig sein", sagt Shantel Montoya. "In einem der Camps soll es gestern eine Schießerei gegeben haben." Montoya, 33, klein und konzentriert, geht mit zwei Kolleginnen zu ihrem Van, in den sie Hygieneartikel, Wasser und Snacks geladen haben. Wie jeden Tag fahren die drei im Auftrag einer Hilfsorganisation auch heute zu den Lagern. Hunderte gibt es davon, kleine Zeltsiedlungen in Waldstücken, unter Brücken. "Sollte es gefährlich werden", warnt Montoya, "sofort zurück ins Auto!"

Die Hitze zwingt den Vormittag in die Knie. An einem Highway-Zubringer unweit der Zentralen von eBay und PayPal der erste Stopp im trockenen Staub. Einen Abhang hinunter, zwischen Büschen klemmen Verschläge aus blauen Plastikplanen. Müll, ein verwaister Kinderwagen. Ein Mann repariert ein Fahrrad. Er schaut misstrauisch, lässt sein Werkzeug fallen, nähert sich. Montoya reckt Carepakete in die Höhe, ruft: "Hygieneartikel und Snacks!" Der Mann nimmt einen Beutel mit Deo, Duschgel und frischer Unterwäsche, bedankt sich und deutet ins Dickicht.

Montoya und ihre Kolleginnen zwängen sich durchs Gesträuch, zum nächsten Bau, der von Decken umhüllt ist. Zwei Männer und eine Frau schicken sie weiter. Da sei ein Mädchen, sagen sie, das schwanger sei. Auf dem schmalen Pfad verwest ein Katzenkadaver, menschliche Fäkalien schwitzen in der Mittagssonne. Das Mädchen, Jessica, Anfang zwanzig, lebt allein unter einer Plane. Jessica lächelt aus fahlem Gesicht, über Wange und Stirn haben sich offene Wunden geworfen. "Meth", murmelt Montoya. Viele in den Lagern seien drogenabhängig. Crystal Meth bekommt man hier für fünf Dollar das Gramm, es ist die Obdachlosendroge im Valley.

Die Spenden der Internetfirmen: auch ein Schweigegeld

Ob sie schwanger sei, fragen die Helferinnen. Jessica schüttelt den Kopf, nimmt einen Hygienebeutel und ein Wasser und verschwindet wortlos. So geht es weiter: von Behausung zu Behausung.

Es ist nicht so, dass die Politik tatenlos zusehen würde. San Francisco, San José, Sunnyvale – die Kommunen haben Millionen für sozialen Wohnungsbau ausgegeben, sie haben Menschen von der Straße geholt und sie in alten Hotels untergebracht. Die offiziellen Obdachlosenzahlen sind dadurch gesunken, von 2013 bis 2015 um acht Prozent. Dafür steigt laut Experten die Zahl der unsichtbaren Obdachlosen wie LaConya Gilbert. Zwischen 2010 und 2015 wurden 385.800 neue Arbeitsplätze geschaffen – aber nur 58.324 neue Wohneinheiten. Die Städte können gar nicht so schnell bauen, wie Leute ins Tal ziehen.

Wo sollen all die Menschen wohnen, die, die schon da sind, und die, die noch kommen? Gibt es überhaupt genug Platz für sie?

"Fuck, no!", schreit ein Mann durch sein Büro. "Schauen Sie doch!" Er klickt auf seine Computermaus, öffnet Google Maps, zoomt ins Silicon Valley, scrollt nördlich Richtung San Francisco, nur Grau, kaum Grün, und das heißt: "Jedes Stück Land ist schon bebaut." Brian Greenberg, Brille, Bart, Kurzarmhemd, lehnt sich zurück, schwingt die Füße auf den Schreibtisch, verschränkt die Hände hinterm Kopf und seufzt. "Was wollen Sie noch wissen?"

Greenberg ist Vizepräsident von LifeMoves, einem Verein, der Obdachlose unterstützt. Dutzende Sozialarbeiter kümmern sich hier um Tausende Fälle, jeder Fall ein Mensch, eine Familie ohne Halt und Haus. Seit mehr als 25 Jahren versucht Greenberg, Familien und Wohnungen zusammenzubringen. Seine Aufgabe wird immer schwieriger, sagt er.

Und wer ist schuld daran?

"Alle!", ruft Greenberg. "Die Obdachlosen, weil sie bessere Entscheidungen in ihrem Leben hätten treffen können. Die Regierung, weil sie zu wenig Sozialangebote finanziert. Die Tech-Industrie, weil sie ihren Einfluss nicht nutzt, um bessere Bedingungen für Geringverdiener herzustellen." Allerdings, korrigiert sich Greenberg, helfen die Tech-Firmen auch enorm, sein Verein etwa werde großzügig unterstützt von Google. Er selbst wird quasi von der IT-Industrie bezahlt.

Spricht man Mitarbeiter anderer Hilfsorganisationen auf die Verantwortung der Internetfirmen an, blickt man in hilflose Gesichter. Klar, sagen sie dann, die Unternehmen könnten mehr tun. Aber sie engagieren sich doch ungemein. Kaum eine Organisation, die keine Spenden von einer Tech-Firma bekommt.

Es ist ein nahezu groteskes Abhängigkeitsverhältnis entstanden: Die Internetfirmen treiben Hunderttausende Bewohner in die Armut – dann treten die Hilfsorganisationen auf den Plan – die wiederum um Geld werben müssen bei denen, die den Kreislauf in Gang setzten, bei den Internetfirmen. Die Spenden: auch ein Schweigegeld.

Es ist Montagabend, nach neun, und Gilbert, fertig mit und fertig von der Arbeit, vormittags Buchhaltung, nachmittags Pflege, sitzt wieder im Bus, Linie 22, fünf Stunden gehen täglich allein fürs Busfahren drauf. Sie erzählt, dass besonders Da’ron, 13 und bald Mann, schwer mit der Obdachlosigkeit klarkomme, gerade jetzt, Pubertät, Mädchen, Coolsein. Er übernachte in letzter Zeit oft bei seinem besten Freund, Sam. Sams Familie habe ein eigenes Haus, schwärmt Da’ron. Sams Mutter kaufe Essen, wann immer der Sohn es sich wünsche. Sams Vater sei im Magazin Forbes porträtiert worden.

Bis vor Kurzem ging Da’ron mit Sam in eine Klasse. Eine Privatschule. Wenn Eltern es sich nur irgendwie leisten können, vermeiden sie es, ihre Kinder auf öffentliche Schulen zu schicken, denn die sind in katastrophalem Zustand. Da’ron hatte ein Stipendium, er gehörte zu den Besten seines Jahrgangs. Aber vor ein paar Monaten konnte seine Mutter das restliche Schulgeld von 200 Dollar im Monat nicht mehr aufbringen. Jetzt also sieht Da’ron Sam nur noch an den Wochenenden. In der neuen Klasse sitzen nun Jungs neben ihm, die nichts wissen von seiner Obdachlosigkeit. Im Schulbus machen sie sich lustig über seine ausgelatschten Turnschuhe.

Die Wartezeit für Wohnungen: zwei bis fünf Jahre

Mutter und Sohn haben ein enges Verhältnis, die vergangenen zwei Jahre haben sie zusammengeschweißt, oft schliefen sie zu zweit im Auto. Die kleine Jahari war meist bei Verwandten oder Freunden untergebracht, von Montag bis Mittwoch beim Vater. Aber Da’ron war alt genug, musste es sein. Er lernte, im Auto über Nacht die Schuhe anzubehalten, für den Fall, dass Polizisten ans Fenster klopfen oder Verrückte. Er lernte, vor der Schule mit der Mitgliedskarte seiner Mutter im Fitnessstudio zu duschen. Er lernte, das Handschuhfach als Schreibtisch zu benutzen, um seine Hausaufgaben zu machen.

Wenn LaConya Gilbert im Bus durchs Silicon Valley schleift wie an diesem Abend, dann kann sie ein Schauspiel beobachten, das ihr demonstriert, dass sie noch nicht ganz unten angekommen ist.

"Ich versuche draußen zu sein, bevor es richtig losgeht", sagt sie. Aber als sie um kurz vor elf aussteigt, sitzen im Bus schon die ersten müden Gestalten. Sie schlafen, dösen, starren. Neben, auf und unter ihnen: Tüten und Taschen. Manche sitzen allein, den Kopf gestützt von knöchernen Armen; andere liegen zu zweit in einer Reihe, ineinander verkeilt.

Die Buslinie 22 ist die einzige, die durchs Silicon Valley fährt, die ganze Nacht, 365 Tage, 24 Stunden, von Palo Alto nach San José und wieder zurück. Seit Wohnraum kaum noch zu bezahlen ist, ist der Bus zu einem inoffiziellen Obdachlosenasyl geworden: zum Hotel 22, acht Dollar die Nacht.

Sobald es dunkel wird, füllt sich der Bus. Von Haltestelle zu Haltestelle werden Menschen hineingezogen in die Wärme, ins Licht des Busses. Stoisch ertragen sie das abrupte Bremsen, das harte Anfahren, das Ruckeln, wenn der Bus über Schlaglöcher rollt. Sie lassen sich durch die Nacht rumpeln, bis der nächste Tag anbricht. Wer kann, schläft.

An der Endstation springt ein Hilfssheriff in den Bus, schwingt einen Schlagstock, schlägt, ein-, zwei-, dreimal gegen die vorderste Haltestange, Metall kracht auf Metall. "Aufwachen!" Dann läuft er durch die Reihen, lässt seinen Knüppel gegen die Stangen springen, brüllt weiter: "Aufwachen! Aufwachen! Aufstehen! Los! Los! Steht endlich auf!"

Die Obdachlosen steigen aus, setzen sich draußen auf eine Bank und warten auf den nächsten Bus, der zurück nach Palo Alto fährt. So geht es, bis es hell wird über dem Tal der Träume und bis die ersten Shuttlebusse der IT-Firmen den Weg des Hotels 22 kreuzen.

Etwa zu dieser Zeit wacht an einem Donnerstagmorgen, eine Woche nachdem sie sich in die neue Liste für Sozialwohnungen eingetragen hat, LaConya Gilbert in der winzigen Wohnung ihrer Mutter auf. In dem Zimmerchen türmen sich meterhoch die Plastiktüten mit Klamotten, Papieren, Spielzeug. Es gibt kaum Platz zum Stehen, keinen Tisch, keinen Stuhl. Auf einer Matratze atmet ruhig und flach die schmale Jahari, daneben schnarcht im Takt ihr großer Bruder Da’ron.

LaConya Gilbert streift eine gute Bluse über, eine gute Hose, sie will ordentlich aussehen, wenn sie zur Kirche geht. Sie weckt die Kinder, Jahari zieht Rock und T-Shirt an. Zähne putzen, Packen, Bruder nerven. Dann, leise und unauffällig, raus aus der Wohnung. Nur nicht entdeckt werden. Vorbei an anonymen Zimmernummern zum Hinterausgang. Auf dem Parkplatz sucht LaConya Gilbert den blauen Honda ihrer Mutter – die schläft noch. Liegt auf dem zurückgeklappten Fahrersitz, erst vor zwei Stunden kam sie von ihrem Job bei der Sicherheitsfirma zurück. Gilbert klopft ans Fenster und steigt mit den Kindern ein.

In der All Saints Episcopal Church geht LaConya Gilbert direkt auf den Tisch mit der Warteliste zu. "Vielleicht gibt’s ja was", sagt ihre Mutter und schaut der Tochter hinterher. Natürlich keine Wohnung, wie sie sie früher hatten, mit drei Zimmern, Küche, Bad, klar, aber vielleicht ein Zimmer, in dem Jahari auch mal lärmen und man Da’ron einen Tisch für die Hausaufgaben aufstellen kann. Während die Mutter noch wagt zu träumen, kommt die Tochter zurück und schüttelt den Kopf. Die Wartezeit für Wohnungen: zwei bis fünf Jahre.

Anzahl der Milliardäre im Silicon Valley: 53
Anzahl der Obdachlosen: 15.044
Ein Zimmer in San Francisco: 4.000 $ im Monat
Eine Übernachtung im Bus: 8 $
Mittlerer Job bei Google: 151.600 $ Jahresgehalt
Jahresverdienst eines Niedriglöhners: 19.900 $