Auf die Zeit nach der Scheidung freut sich der E.on-Chef schon jetzt. "Ich bin überzeugt, dass die Geschäfte alle echt sexy sind", schwärmte Johannes Teyssen neulich. Er meinte die Bereiche, die bei E.on bleiben nach der Zweiteilung seines Stromkonzerns. Aber was wird aus dem Rest? Ist Uniper, das neue Unternehmen, in das E.on alle Kohle-, Gas- und Wasserkraftwerke entsorgt, in Teyssens Duktus "echt unsexy"? Unipers Kraftwerke, sagte der Chef knapp, hätten "einen Wert".

Wie viel Uniper wert ist, zeigt sich am kommenden Montag. Dann bringt E.on 53 Prozent seiner Tochter an die Frankfurter Börse. Mehr als sechs Milliarden Euro soll dieser Anteil laut Konzernbilanz wert sein. Uniper wäre damit der größte deutsche Börsengang seit dem New-Economy-Rausch. Doch Marktexperten erwarten, dass die Anleger Uniper nicht mal halb so hoch bewerten. Und so warnt nun sogar E.on-Chef Teyssen vor Kurskapriolen in den ersten Tagen.

Resterampe. Bad Bank. Ungeliebtes Kind. So nennen Kritiker das junge Unternehmen mit den Dinosaurierkraftwerken, die E.on zuletzt immer wieder Milliardenabschreibungen beschert haben. Einige E.on-Mitarbeiter sollen Uniper als "E.off" verhöhnt haben – "off" wie abgeschaltet oder abgehängt. Wer traut sich da noch ran an die Aktie der Altlasten? Wer beteiligt sich mitten in der Energiewende an einem Sammelsurium von verpönten Kohlemeilern, von allzu oft stillstehenden Gaskraftwerken, von Wasserkraftwerken, Energiehändlern sowie Erdgasspeichern?

Und warum um alles in der Welt sollte man just jetzt bei einem hoch verschuldeten Stromerzeuger einsteigen, da Strom an der Börse nicht mal mehr halb so viel kostet wie vor vier Jahren? Diese Fragen treiben alle um: Anleger, Analysten und die rund 13.000 Angestellten von Uniper.

Ihr Chef hat sich die Antwort zurechtgelegt. "Es ist der richtige Moment, das jetzt zu machen: ein perfekter Zeitraum", spult Klaus Schäfer ab, wie auf Kommando. Dann verstummt der 49-jährige Manager, denkt nach, lehnt sich zurück. Und orakelt: "Die Herausforderungen sind jetzt klar. Keiner hier macht sich falsche Vorstellungen von dem, was in der Zukunft passiert. Was Investoren interessiert, ist der Ausblick." Frei übersetzt könnte das heißen: Das Umfeld sieht so düster aus für Uniper – da kann es nur noch besser werden.

Schäfer, ein breit gebauter 1,90-Meter-Mann mit hohem Haaransatz und dunkel geränderter Brille, sitzt in einem Büro in der künftigen Uniper-Zentrale am früheren Düsseldorfer Rheinhafen. Seine Augen sind leicht gerötet; erschöpft wirkt der Manager an diesem Nachmittag. London, Los Angeles, Kopenhagen, New York, Mailand: Durch die halbe westliche Welt sind Schäfer und seine Leute in den vergangenen Monaten getourt. Sie haben ihr Unternehmen angepriesen bei Pensionsfonds, Lebensversicherern, Investmentbanken. Haben Optimismus verbreitet, den potenziellen Geldgebern hohe Renditen versprochen. Und offenbar haben sie einige überzeugt.

"Uniper wird eine volatile, aber auch interessante Investmentchance", sagt Lüder Schumacher, Energieanalyst der französischen Großbank Société Générale. Selbst jetzt, bei sehr niedrigen Strompreisen, erwirtschafte das Unternehmen im Tagesgeschäft Zahlungsüberschüsse. Und nach oben gebe es viel Potenzial: "Wenn sich das Umfeld für Uniper von superschlecht auf schlecht verändert, ist das eine Verbesserung."

Datteln, am Nordrand des Ruhrgebiets. "Gucken Sie mal da vorn!", ruft Rainer Köster. "Bei Inversionswetter kriegen wir dann den ganzen Dreck in die Gärten geblasen." Der Pensionär zeigt aus dem Fenster, während er mit der anderen Hand sein Auto durch Dattelns Stadtzentrum steuert. Ein gräulicher Betonturm ragt in den Himmel: Nur wenige Hundert Meter entfernt von einem Wohngebiet, in dem Köster lebt, werkeln rund 700 Arbeiter auf der Großbaustelle von Datteln 4. Es ist das umstrittenste Kohlekraftwerk Deutschlands. Vielleicht das letzte, das hierzulande je gebaut wird.