Auf eine komische Art sind jetzt, so wenige Tage vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 18. September, die Themen aus dem Blick geraten, um die es bei dieser Wahl gehen könnte: Verkehr, Mieten, die böse Gentrifizierung, sanierungsbedürftige Schulen, Flüchtlinge, öffentliche Sicherheit, die schwachsinnigen linksradikalen Krawalle in der Rigaer Straße – was könnte da noch mal irgendwie interessant oder wichtig sein? Ist das eigentliche Thema, dass der alte und wahrscheinlich neue Bürgermeister Michael Müller eine rot-rot-grüne Regierung bilden wird, die dann Signalwirkung für den Bund hätte? Oder sollen einen tatsächlich die Gerüchte beschäftigen, der CDU-Spitzenkandidat und Innensenator Frank Henkel denke angeblich allen Ernstes darüber nach, mit der AfD eine Koalition zu bilden?

Auf eine interessante Art haben in diesem Jahr auch die wirklich durchgedrehten (Die Linke, Grüne, Piraten), vergleichsweise modern und gut aussehenden (SPD) und wie von einem drittklassigen Popkünstler gemalten (FDP) Berliner Wahlplakate dazu beigetragen, dass es statt um zu lösende Missstände offenbar eher um diskussionswürdige, aber letztlich doch egale Themen ging. Vielleicht ist Berlin ja gar nicht, wie es immer heißt, die "am schlechtesten regierte Stadt Deutschlands", sondern nur der Ort, an dem der legendär schlecht gelaunte Berliner mit der Schnauze und dem gar nicht so schlechten Humor zu Hause ist.

Der Reporter wandert also durch die Stadt, um sich doch noch von einem der Slogans und Gesichter auf den Plakaten politisieren zu lassen, als ihm das große vergessene Thema dieser Wahl, ein echter Wahlkampfschlager, einfällt – immerhin hatte der große und populäre Klaus Wowereit vor nicht einmal zwei Jahren wegen dieser Geschichte seinen Posten als Regierender Bürgermeister abgeben müssen: Was ist denn nun eigentlich mit dem neuen Berliner Flughafen – genau, mit jenem "BER Berlin Brandenburg Willy Brandt" genannten, dessen Eröffnung einmal für den Oktober 2011 geplant war? Man hört so auffällig wenig davon in letzter Zeit: Gibt’s den Flughafen noch? Wird daran noch gebaut? Oder hat man den still und leise aufgegeben, eine spektakuläre Bauruine im brandenburgischen Sand? Wie ist es möglich, dass das große Berliner Krisenthema der Jahre 2012, 13 und 14 im Wahlkampf 2016 praktisch keine Rolle spielt? Stimmt die Geschichte, dass die rot-schwarze Koalition unter Michael Müller zur Vermeidung des Themas "neuer Flughafen" im Wahlkampf extra einen hochkompetenten Staatssekretär eingestellt hat?

Vielleicht sollten wir im Folgenden den Flughafen BER Berlin Brandenburg nicht Flughafen, sondern Flughafi nennen – ein bisschen albern, ein bisschen wurschtig, aber durchaus mit Zuneigung, so wie der Berliner längst über seinen neuen Flughafen redet. Hier ein paar wenige Fakten, die den Zustand des Flughafis Anfang September 2016 umreißen: Statt der ursprünglich veranschlagten 1,7 hat Deutschlands wichtigstes Bauprojekt, vor zehn Jahren begonnen, bisher knapp sechs Milliarden Euro gekostet. Tatsächlich verbraucht die Baustelle in Berlins Süden täglich um die eine Million Euro, monatlich sind es um die 35 Millionen. Seit jenem Oktober 2011 konnten circa fünf Eröffnungstermine nicht gehalten werden, vielleicht sind es auch mehr (im Hauptkrisenjahr 2012 gab die Geschäftsführung der BER-Flughafengesellschaft im Monatstakt neue Eröffnungstermine raus, die von einem der drei Eigentümer, von Bund, Berlin und dem Land Brandenburg, gleich wieder kassiert wurden). Als offizieller Eröffnungszeitraum gilt derzeit – noch – der Herbst 2017. Bei der Berliner Bevölkerung ist, was den Eröffnungstermin des Flughafens angeht, in den letzten Jahren ein erstaunlicher Gleichmut, eine schöne, weil tendenziell unaggressive und amüsierte Nonchalance eingetreten: Man glaubt schlicht nicht mehr, dass der Flughafen in absehbarer Zeit eröffnet – genauer: Es macht mittlerweile mehr Spaß, über diesen seit Jahren immer wieder neu nicht eröffneten Flughafen Witze zu reißen, anstatt sich ernsthaft auf die immer wieder neu angekündigten Eröffnungstermine einzustellen.

Die Berliner sind, das nebenbei, sehr zufrieden mit ihren offiziell nicht mehr in Betrieb befindlichen Flughäfen Tegel und Schönefeld (auch wenn Tegel in Stoßzeiten mit der fünffachen Überschreitung seiner Höchstkapazität zurechtkommen muss und es nur eine Frage der Zeit ist, wann dort die Flugzeuge zusammenstoßen). Mit einem feuilletonistisch leichten Blick auf das Desaster am BER Berlin Brandenburg lässt sich kurz vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus feststellen: Bei der BER-Baustelle handelt es sich um die größte deutsche Komödie seit Billy Wilders Eins, Zwei, Drei – natürlich, ein Könner wie Helmut Dietl hätte aus diesem Stoff zu seinen besten Zeiten einen wunderbaren Film gemacht. Komisch, die derzeitige Nichtöffentlichkeit des BER-Fiaskos hat ja auch etwas Beruhigendes: Die Probleme kommen, die Probleme gehen, am Flughafen wird gebaut. Solange Berlin, Brandenburg und der Bund das Geld haben, jeden Tag eine Million Euro auf der BER-Baustelle auszugeben, so lange können die anderen Probleme in der Hauptstadt ja nicht so groß sein.

Bleiben wir doch noch ein wenig bei der Diskussion um den derzeit wahrscheinlichsten Eröffnungstermin des BER – es ist einfach zu lustig: Im Frühjahr 2014 gab der damalige, im Februar 2015 zurückgetretene Geschäftsführer der Flughafengesellschaft Hartmut Mehdorn Herbst 2017 als Eröffnungszeitraum bekannt. Von Bürgermeister Müller gab es bei der letzten BER-Aufsichtsratssitzung vor der Wahl den interessanten Ausspruch, er sehe eine "Chance, dass der BER im Jahr 2017" eröffne. Der Bundesverkehrsminister sprach im Juli: "Der Starttermin 2017 ist wahrscheinlicher als noch vor zwei Monaten." Von Karsten Mühlenfeld, seit März letzten Jahres Nachfolger Mehdorns in der BER-Geschäftsführung, wird der gereizte Ausspruch kolportiert: "Es wird dann etwas verkündet, wenn es etwas zu verkünden gibt." Der Flughafen-Chef Mühlenfeld schlug sich dann selber mit dem inhaltlich vielleicht angemessenen, angesichts von einer Million Euro Baukosten pro Tag aber natürlich tollkühnen Satz: Ob der Flughafen 2017 oder 2018 eröffnet werde, sei "eigentlich egal". Eine Schlüsselfigur, der von Michael Müller als "Mister BER" für die politisch gefährliche Baustelle eingesetzte SPD-Staatssekretär Engelbert Lütke Daldrup, sagt: "Niemand kann heute eine Garantie abgeben, dass es mit der Eröffnung 2017 klappt." Nicht mal auf einen Zeitpunkt, an dem der Öffentlichkeit ein verbindlicher Eröffnungstermin bekannt gegeben werden kann, möchte sich noch jemand festlegen – dieser könnte bei der ersten Aufsichtsratssitzung nach der Wahl im Oktober oder bei der nächsten Sitzung im Dezember sein. Um einen der zahlreichen kritischen Experten zu zitieren: Der auf kriselnde Großprojekte spezialisierte Unternehmensberater Jürgen Hahn plädiert in einem Interview mit dem Tagesspiegel für einen Schnitt mit dem BER, mit einer Eröffnung rechne er nicht vor dem Jahr 2022.

Der Reporter hat mal ein bisschen recherchiert: Tatsächlich ist eine Eröffnung im Jahr 2018, spätestens 2019, gar nicht so unwahrscheinlich. Treffen mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller in seinem Amtszimmer im Roten Rathaus, erstaunlicherweise nimmt er sich zur Erklärung des vergessenen Wahlkampfthemas 15 Minuten Zeit. (Moment, das ist schon ein Ding, dass wir mit dem Regierenden über ein Thema, bei dem es für ihn nichts zu gewinnen gibt, 15 Minuten lang reden können!) Beim als farblos und langweilig geltenden SPD-Spitzenkandidaten haben die Wahlkampfstrategen ja das interessante Manöver vollzogen, dass sie den Bürgermeister, ganz gegen seinen Ruf, als Star der Berlin-Wahl aufgebaut haben: "Müller, Berlin, SPD". Und tatsächlich, gegen Herrn Henkel von der CDU (Wahlkampfslogan: "Mehr Video-Technik") glitzert Müller. Seine ulkigen Flunkeraugen hinter den Weitsichtigengläsern. Auf eine paradoxe Art ist der SPD-Spitzenmann die Personifizierung eines Phänomens, das er selber in einem Interview mal sinngemäß wie folgt beschrieben hat: Die Menschen wählen heute lieber Persönlichkeiten als Parteien.